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Griechenland, befreit im Lied

In Griechenland verwundert es kaum, wird gesagt: „Die Frische des Morgens band unter die Sohlen sich schon die Mitternacht.“ Ohne weiteres ist es hier vielen Menschen möglich, Metaphern auf sich wirken zu lassen, in metaphernreicher Sprache zu kommunizieren, als hätten sie das schon immer so getan. Denn tatsächlich sind Metaphern oftmals Bestandteil ihrer täglichen Kommunikation. Nichts Ungewöhnliches. So oder so kann man dies und das eben auch sagen. Anders. Wie ein Blick spricht. Wie eine Geste bezeichnet. Hauptsache, du findest Worte. Du erkennst dich wieder durch das Wort. Über das gesungene Wort versicherst du dich deiner Stimme. Das Lied ist Identität. Musik – Erwartung. Verabredung. Begegnung. Musik, die auf Sprache beruht. Lass das Lied etwas sagen, und du kommst ins Gespräch.

Theodorakis wuchs auf mit den Lyrikbänden der väterlichen Bibliothek und auch mit der gesungenen Lyrik in griechischer Sprache, wie sie ununterbrochen im Land und überall, wo Griechinnen und Griechen leben, präsent war und ist. Griechische Musik ist oft an Sprache gebunden, das Lied Verständigung. Die Metapher ermöglicht es wieder und wieder, Unaussprechliches doch zu sagen, nicht direkt, sondern mit anderen Worten. 

Theodorakis selbst dichtete von Jugend an. Die Dichtung zahlreicher griechischer Autorinnen und Autoren war sein geistiges Zuhause. Ehe er die Erfahrung machte, dass ihm bestimmt sein sollte, Komponist zu werden, war er überzeugt davon, den Beruf des Dichters zu ergreifen. Sehr feinsinnig. Mochte keine abgeschnittenen Blumen. Litt mit den vor der Zeit gefällten, mit den vergifteten und den verbrannten Bäumen. 

Er konnte sich auf die Fähigkeit seiner Landsleute verlassen, die eine uralte Tradition weitertrugen: das Wort zu singen und es so zu übermitteln – über das Lied zu kommunizieren. Sauerstoff der Gedanken, gelöst in Musik. Der Junta schien das überaus wirkungsvoll und deshalb gefährlich, weil das Lied ihre Herrschaft direkt untergraben konnte. Sie verbot das Singen, Hören, Spielen von Theodorakis-Liedern 1967, sofort nach der Machtergreifung. Sie verbot damit, was nicht zu verbieten ist: Identität. Sie wollte vorschreiben, mit wem das Volk sich zu identifizieren hat. Theodorakis identifizierte sich mit dem schöpferischen Impuls. „Die Zellen atmen / die Zellen oben, die Zellen unten / … / Giorgo, ich halt mich / am Stengel einer Blume.“ Mit seinen Melodien hob er die schweren Steine der Verbote von den Flügeln der befreienden Gedanken. Und niemand konnte es verhindern. 

Seine Werke sind durchweht vom antiken Wind, von brachialen Stürmen im Hier und Jetzt; mit dem Atem von Byzanz holen diese Werke tief Luft. Die Bücher, die über Theodorakis‘ Vertonungen Auskunft geben, sind zugleich Anthologien dessen, was in der DNA derer Platz findet, die Griechisch sprechen. Texte von etwa 90 Autorinnen und Autoren, griechischer und internationaler, Texte ihrer Lebenszeiten, Texte, die Teil des Dialogs geworden sind, Texte aus weit zurückliegender Zeit, Texte aus einem allgegenwärtigen Hiersein. Durch die Musik versammelte der Komponist eine Autoren-Gemeinschaft, die vom Schicksal ihres Landes erzählt. Das Wort brachte die Musik hervor, wie der Same den Wald. Überall entkommt die Dichtung dem Tod.

Theodorakis ist das weltweit unikale Beispiel eines Komponisten, der nicht nur Musik schrieb, dirigierte, dessen Podest die Bühne war, der dem Publikum sein Gesicht zeigte und das Schweigen erlöste von Wortlosigkeit, sondern der zugleich einen faszinierenden Kulturtransfer ermöglichte, innerhalb seines Heimatlandes, in und zwischen den griechischen Communities weltweit und darüber hinaus den Transfer der Dichtung in zahlreiche Sprachräume und so auch aus anderen Sprachräumen in den griechischen. 

Dieser Kosmos ist zugleich ein Kosmos griechischer Kultur, in dem die Stimmen der Autorinnen und Autoren vom Unerträglichen und vom Machbaren sprechen, so dass über ein Jegliches ein Dialog stattfinden kann, im Stillen oder im Lärmigen, geteilt mit dem Netzwerk der Dimension x.

Die Dokumentarfilmserie „Mikis – Der bekannteste Unbekannte“ vergegenwärtigt Theodorakis‘ kompositorisches Schaffen. 

An acht Sonntagabenden (vom 21.12.2025 bis zum 08.02.2026) ist eine Fülle von Musik, Bildern, Worten zu erleben. 

Ein doppeltes Dokument – zugleich das des Komponisten und ebenso das des kulturell sich in jedem Werk wiederfindenden und durch jedes Werk sich wiedererkennenden Griechenlands. Ein Griechenland, das spricht, dessen Gedanken befreit sind im Lied.

Ina Kutulas, Dezember 2025