Mit Schallverstärker und Lebenswasser

20.15 Uhr. Sonne.

Ich veröffentliche heute Abend die Übersetzung dieses zutiefst berührenden Texts von Petros Argiriou. Die Sonne scheint. Sommer. Petros Argiriou schreibt über seine Mutter, die sich vor wenigen Tagen das Leben genommen hat.

Ich kann mit dieser Veröffentlichung nicht warten. Es ist keine Zeit. Seit mehr als drei Jahren nimmt sich jeden Tag in Griechenland ein Mensch das Leben. Auf die eine oder andere Weise. An manchen Tagen sind es zwei Menschen. In einem Land, das die niedrigste Selbstmordrate in Europa hatte, bis sich die Verhältnisse so rasend schnell und so katastrophal änderten, dass vielen Menschen keine Möglichkeit mehr blieb, der brutalen Realität genügend Lebenskraft entgegen zu setzen. Genügend Lebenskraft – das wäre ein letzter Funke Hoffnung. Und weiterhin muss es heißen: keine Möglichkeit mehr bleibt.

„Sie hat einen Namen: Sie heißt Warwara Argiriou. Sie war meine Mutter.“

Während ich nachts an der Übersetzung arbeitete, bewegte sich auf der Internetseite, auf der Petros Argirious Text zu lesen ist, unaufhörlich der Zähler, der Auskunft darüber gab, wie viele Menschen diese Seite besucht hatten. Als ich meine Arbeit beendet hatte, stand der Zähler still. Er zeigte 99999. Und er bewegte sich nur deshalb nicht so rasend schnell weiter, weil es das sechste Feld noch nicht gab, das für die Hunderttausender-Position vorgesehen war. Während ich mich auf die Übersetzung konzentriert hatte, hatten tausende Leser diese Internetseite besucht und von Warwara Argirious Tod erfahren. Tausende Menschen, Zehntausende. Ein stiller Hinweis darauf, wie viele Menschen in Griechenland auf die eine oder andere Weise betroffen sind von Selbstmordfällen, von Suiziden im Familien-, Freundes-, Bekanntenkreis.
Es empört mich zutiefst, dass der deutsche Außenminister während seines Treffens vor einer Woche mit Herrn Samaras und Herrn Venizelos in Athen imstande war, in die Fernsehkameras zu sagen: „Wenn Sie diesen Reformkurs durchhalten, wird das die Geburtsstunde eines neuen Aufschwungs sein.“
(http://www.spiegel.de/politik/ausland/griechenland-westerwelle-mahnt-athen-zum-sparen-a-909368.html)

Wie kann man diesen Satz über die Lippen bringen angesichts so vieler Selbstmorde? In einer Situation, die sich Tausenden Menschen nicht anders als eine vollkommen aussichtslose zeigt, redet Herr Westerwelle von „durchhalten“. Mache er es einmal vor, um aus Erfahrung zu sprechen. Gehe er da hin, wohin sich Günter Wallraff einst begeben hat: nach „ganz unten“. Halte Herr Westerwelle mit denen, die nicht weiter wissen, nur einmal ein Vierteljahr aus. Manche mögen sagen: drei Wochen genügen schon. Aber ich würde vorschlagen: drei Monate. Ohne Klimaanlage. Am besten, Herr Westerwelle beginnt gleich jetzt damit. Im Juli, August, September lässt sich hervorragend darüber reflektieren, ob es angemessen ist, von „durchhalten“ zu sprechen. Im November, Dezember, Januar abermals.
Dieser Reformkurs führt dazu, dass sich in Griechenland seit mehr als drei Jahren Hunderte Menschen das Leben genommen haben. Dieser Reformkurs wäre als erfolgreich zu bezeichnen, wenn die Menschen weiterleben würden. Wenn kein einziger sich mehr umbringen würde wegen der Folgen dieses mörderischen Reformkurses.
Wenn Menschen sterben, dann ist dieser Reformkurs falsch. Er ist unverantwortlich. Er ist lebensfeindlich. Er ist erwiesenermaßen tödlich. Er hat bereits viele hundert Menschenleben gekostet, und er nimmt denjenigen einen Teil des Lebens, die diese Menschen liebten. Er macht die Menschen fertig. Wie kann Herr Westerwelle sich hinstellen und sagen?
Dieser Reformkurs tötet uns alle, auf die eine oder andere Weise. Das ist die nicht ausgesprochene, bittere Wahrheit, enthalten in der Aussage: „die Deutschen stünden „an der Seite Griechenlands“. Man sehe sich in einer „Kultur- und Schicksalsgemeinschaft“.“ Seit Monaten scheint mir diese „Kultur- und Schicksalsgemeinschaft“ dominiert von destruktiven Kräften, die jeden, der sie nicht schweigend hinnimmt und sich ihnen ergibt, zum Kriminellen erklären. Wenn dieser Reformkurs nicht gestoppt wird, wird die von Herrn Westerwelle vermutete „Geburtsstunde eines neuen Aufschwungs“ eine weitere Todesstunde werden in einem Auflösungsprozess, dem immer mehr Menschen der „Kultur- und Schicksalsgemeinschaft“ zum Opfer fallen.
Petros Argiriou fand dafür dieses Bild: „Dieser Mörder ist ein Serienkiller, der Immunität genießt und einen Freibrief hat, mit Gift und Schalldämpfer zu töten – er ist das politische System dieses Landes.“
Schweigen und Sprachlosigkeit gestatten uns, mit den Toten zu sein. Sie sind allerdings nicht geeignet, um das bedrohte Leben zu verteidigen gegen diese tödlichen Maßnahmen, diesen Irrsinn, gegen die Schneider, die dem Kaiser mit großen, scharfen Scheren prächtige Gewänder anmessen und denjenigen zu erstechen drohen, der rufen könnte: „Aber er hat ja gar nichts an!“

Ina Kutulas
Freitag, 28. Juni 2013

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Sie hat einen Namen: Sie heißt Warwara Argiriou. Sie war meine Mutter.
von Petros Argiriou, ihrem Sohn

 

Ich habe die Auflistung derer, die sich wegen der Krise das Leben genommen haben, nicht mehr weitergeführt. Aber ich bin mir absolut sicher: seit gestern steht dort + 1. Ich bin mir dessen absolut sicher, denn dieses + 1, das zur Rechnerei des Todes hinzugekommen ist – das war … meine Mutter.

Ich habe mich von meinen Eltern emotional sehr früh abgenabelt, weil sie das System unterstützt und mich darauf vorbereitet haben, wie das in allen Haushalten zu der Zeit der Fall war. In meinen Augen (denen eines Teenagers), war die emotionale Abnabelung von meinen Eltern ein titanischer Kampf gegen das System, das ich von kleinauf als deformiert und korrupt wahrgenommen hatte, ohne dass irgendwelche giftzüngigen politischen Kräfte mich hätten erst noch indoktrinieren und dazu erziehen müssen, gegen dieses System zu sein.

Natürlich, im gleichen Maße, wie ich recht hatte, hatte ich auch unrecht. Denn meine Eltern waren, wie Millionen andere Eltern auch, einfache und gutgläubige Menschen, sie waren gefangen in der Kredit-Konsum-Schulden-Falle ihrer Zeit. Ein tödlicher Irrtum für sie und meine Generation und für etliche Generationen, die noch kommen werden – doch es war ein Irrtum, der auf Unwissenheit beruhte. Genau wegen dieser meiner frühzeitigen Abnabelung und weil ich mich von allen Eltern-Stereotypisierungen freigemacht habe, kann ich Ihnen ganz objektiv sagen:

Meine Mutter war eine Heilige. Wann immer sie eine Notsituation erkannte, nahm sie sich dieser Angelegenheit an. Sie verbrachte Jahre in den Krankenhäusern der Erniedrigung und des Leids als freiwillige Krankenbetreuerin und als Seelendoktor für Dutzende von Verwandten und Bekannten und Unbekannten. Sie umarmte jedes Kind, das ihren Weg kreuzte. Ihre Seele ließ nicht den kleinsten Makel erkennen, nicht die geringste Arglist. Die grenzenlose Liebe meiner Mutter war das „Bindemittel“ unserer Familie.

Immerzu rastlos – ein so lebendiges Wesen hatte meine Mutter, dass sie darin all ihre Kinder übertraf. Ohne zu jammern hat sie so viele Kreuze getragen. Nie beklagte sie sich wegen irgendetwas. Sie verlangte nichts für sich. Alles für die anderen. Warwara für alle – und niemand für Warwara. Sie konnte sich nicht dazu durchringen, um Hilfe zu bitten.

Die letzten Jahre waren ihre schwierigsten – selbst, nachdem sie schon so viel durchgemacht hatte. Die Krise hielt auch in ihrem Leben, in ihrem Haushalt Einzug. Eine Zukunft für ihre drei Kinder, die alle studiert hatten, nicht in Sicht. Die Rente ihres Ehemannes radikal gekürzt. Ihre eigene Rente, die sie hart erarbeitet hatte und bis zum Schluss bekam, wurde um mehr als die Hälfte gekürzt. Eine Rente – geraubt von diesem Politiker-Lumpenpack.

Jeden Tag Vaters Klagen. Der Druck unerträglich. Der Psychoterror der Medien, der ständig darauf abzielte, uns dazu zu bringen, dass wir uns mit dem massenhaften Raub unseres Eigentums, unserer Würde, unseres Lebens abfinden würden.

Mutter lud sich eines jeden Kreuz auf. Sie arbeitete ohne Unterlass im Haushalt, auch nachts. Sie war unnachgiebig sich selbst gegenüber. Schonte sich nicht. Sie schlief jeden Tag nur vier Stunden, um alles perfekt zu erledigen.

Vor zwanzig Tagen brach meine gute Mutter plötzlich zusammen unter all dem Druck und Schmerz, der sich nach und nach in ihr aufgestaut hatte. Dieser kleine Ausbund von Leben, der so viel Energie in sich hatte, war nur noch ein Schatten seiner selbst. Sie wollte nicht essen. Sie wollte nicht sprechen. Die Hilflosigkeit der Ärzte.

Irgendwann einmal hatten die Worte meiner Mutter – mit der ihnen innewohnenden, erhellenden Lebensweisheit – mich tief berührt, als sie zu mir sagte: „Mein Junge, ich bewundere dich. Du bist wie eine Phönix. Immer wenn du stürzt, erhebst du dich wieder.“ Ich hab versucht, ihr dieses Darlehen an Seelengröße zurückzugeben. Ihr zu sagen: Mutter, erinnerst du dich: Phönix – du und ich.

Aber die Dunkelheit hat ihren Lebensfunken erstickt. In ihrer Verwirrung sagte sie irres Zeug. Sie erzählte ihren Kindern – also uns -, dass sie uns umgebracht hat. Dass sie uns vernichtet hat. Sie bat um Verständnis für ihr Verbrechen. Sie verlangte, sie der Polizei zu übergeben. Sie verlangte, man möge sie exemplarisch bestrafen. Eine Strafe, weil sie ihr ganzes Leben eine Heilige war. Das Fernsehen sprach aus ihr. Sagte, sie habe das alles verschlungen. All die Milliarden. Sie war es, die sie geklaut hat. Sie verlangte, der Polizei übergeben zu werden.

Ihr war klar, welches Dunkel in ihrem Kopf herrschte. Sie kannte diese Krankheit sehr gut, nachdem sie geduldig schon soundso viele auf deren letztem Stück des Lebensweges begleitet hatte. Sie wollte sich auf keinen Fall dieser Krankheit ergeben. Sie ist unseren Händen entglitten.

Während andere in ihrem Alter den Tod fürchten, öffnete sie das Fenster des Schlafzimmers, in dieser schicksalhaften Sekunde, als unser Vater in die Küche ging, um die Herdplatte auszuschalten, und wagte ihren heroischen Ausbruch. Still, ohne zu klagen, nahm sie ihre Kreuze mit, um ihren federleichten 43-Kilo-Körper etwas schwerer zu machen, damit der Tod sie ernst nähme, den sie im Hinblick auf sich selbst immer auf die leichte Schulter genommen hatte.

Der Tod machte aus meiner Mutter keine Heldin. Nicht so, wie er es mit dem Helden Dimitris Christoulas gemacht hatte. Eine Heldin war meine Mutter in ihrem Alltagsleben. Eine kleine, alltägliche Heldin. Schreie drangen herauf. Und gleich danach sahen wir sie, die sich vom Balkon gestürzt hatte, unten neben dem Müll liegen. Jeder aus unserer Familie, jeder von uns, die wir sie alle so sehr geliebt hatten, zerbrach. Die Säule unseres Zuhause brach, als ihre Knochen brachen. Ein jeder von uns stürzte wie ein Kartenhaus in sich zusammen und krümmte sich schluchzend am Boden. Wir gingen nach unten und dann in die wie vom Blitz getroffene Menge.

Unsere Mutter verließ uns so, wie wir sie gekannt hatten: ohne eine einzige Schramme. Ohne einen Tropfen Blut, der ihr Antlitz hätte beflecken können. Alles in ihr. Alle Verletzungen waren innere. Wie im Leben, so auch im Tod. Unser geliebtes kleines Mädchen.

Mein Vater riss sich die Haare aus. Mein kleines Vögelchen! Mein Lämmchen! Meine kleine Taube! Noch immer war er verliebt in sie, seine Gefährtin auf Lebenszeit. Er weinte nicht seinetwegen. Er weinte um sie. Keiner von uns weinte um seiner selbst willen. Wir alle weinten, weil wir etwas so Kostbares verloren hatten. Ich bin ein Mörder, rief mein Vater. Ich bin ein Verbrecher. Nein, mein Vater war kein Mörder. Er ist ein guter Mensch. Der seine geliebte Gefährtin verloren hat.

Meine Mutter hinterließ keinen Abschiedsbrief. Wir haben’s nicht mehr geschafft, Adieu zu sagen, ihre letzten Wünsche zu hören, ihre Hand zu halten, ihr über das Haar zu streichen, ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. Sie verließ uns wie eine, die vorangeht, stolz und allein. Der Tod meiner Mutter wird uns noch mehr Schulden aufbürden. Wie ich schon vor Jahren das Schicksal unserer Heimat vorhergesagt habe: Wir bringen es fast nicht über uns, unsere Tote zu begraben, denn vor einigen Augenblicken war sie noch so lebendig. Sie hat uns ein reiches Erbe hinterlassen. Ihre unendlich große Seele. Ein kleines Stück ihrer Seele, das unser zerrissenes Herz zusammenhält, unser Herz, in dem ihr sinnloser Tod eine klaffende Wunde hinterlassen hat. Damit es uns nicht härter, sondern zu besseren Menschen macht. Ein Erbe, das wir ehrenvoll bewahren wollen. Ich hoffe … ich kann nur hoffen, dass wir uns als ihres Nachlasses würdig erweisen werden. Ihrer Liebe für alle Menschen.

Ich war einer der Ersten, der das Schicksal der durch die Krise zu Selbstmördern gemachten Menschen thematisiert hat. Eine von ihnen ist nun gekommen und hat uns, unser Leben heimgesucht. Meine Mutter hat uns davon überzeugen wollen, dass sie eine Mörderin war. Dass sie uns getötet hat. Meine Mutter war keine Mörderin. Sie war heilig. Mein Vater schrie, dass er ein Mörder ist. Weil er sie hatte sterben lassen. Er ist kein Mörder. Er ist ein guter Mensch. Weder ich bin ein Mörder noch sonst irgend jemand aus unserer Familie.

Ich weiß aber, wer der Mörder meiner Mutter ist. Natürlich war es nicht seine Hand, die sie aus dem Fenster stieß. Das geschah durch ihren eigenen Willen und mit Hilfe ihrer unbeugsamen, fast heroischen Hartnäckigkeit ihrer Würde. Allerdings war es der Mörder, der die große und erdrückende Last auf ihren Rücken lud, ganz oben auf all die Kreuze, die sie seit Jahrzehnten freiwillig und ohne zu klagen mit ihren 43 Kilo getragen hatte. Es war allerdings der Mörder, der diese unermüdliche, rastlose Frau zwang, gelähmt vor Scham im Bett zu bleiben, gleich neben dem Fenster, ihrem Fluchtweg aus dem Leben. Und nur dieses Fenster konnte sie noch als Ausweg aus einem inneren Schmerz sehen, der so fürchterlich war, dass sie ihm nicht mal mehr stammelnd hätte Ausdruck verleihen können.

Dieser Mörder ist ein Serienkiller, der Immunität genießt und einen Freibrief hat, mit Gift und Schalldämpfer zu töten – er ist das politische System dieses Landes. Und für diesen Mörder muss die Todesstrafe wieder eingeführt werden.

Ewige Ruhe dir, unsere Warwara, geliebtes kleines Mädchen!

Petros Argiriou

http://agriazwa.blogspot.de/2013/06/blog-post_4376.html

 

Folgend der Laufmasche durch die Häkelschrift der untermächtigen Überwäsche

 

Dieser Irrglaube, wir könnten von anderen ernsthaft erwarten,
sich so zu geben, dass wir sie endlich erträglich fänden …,
darin liegt einer der Gründe für unsere Vernichtung.
Pavlos Angelopoulos, 1987

 

Über Matthias Baader-Holst zu schreiben, würde für mich keinen Sinn machen, bezöge ich mich ausschließlich auf die Vergangenheit: wieso weshalb warum ist er in eine Straßenbahn gelaufen, wie sah er aus, wie agierte er, was hatte er zu sagen, wie hoch war seine Gasrechnung, hatte die Gasrechnung etwas damit zu tun, dass er des öfteren mit Gasmaske in Erscheinung trat? Ich ließe mich besser fragen, mir sagen: HAT sein fortwährendes In-Erscheinung-Treten, des öfteren mit Gasmaske, etwas zu tun mit den Gasmaskenträgern vom 26.9. oder vom 9.10.2012, Athen, mit dem unbewaffneten Mädchen im roten Shirt vom 25.9.2012, Madrid, traktiert vom Polizeiknüppel, in den Klammergriff genommen und weggeschleift. Wenn sie will, die ganze Welt, sie kann es sich anschauen, Tag für Tag, was dieser Baader mit ihr zu schaffen hat.

Es könnte mir gefallen, über Sofia in den Spree-Athener Sophienhöfen zu schreiben am Tag, als Sanya aus Sofia nach Berlin kam. Es könnte mir gefallen, über Nelson Mandela und das Mandala zu schreiben. Es könnte mir gefallen, den Broiler wieder neben dem Boiler zu verzehren. Es könnte mir gefallen, über Baader und mich zu schreiben, wir standen am Kastanienbaum, der in Blüte stand, Baader und ich in den Gardinen-Brautschleier gewickelt, unter der Krone des Anne-Frank-Baums. Am Tag, als ich darüber schrieb, geriet Anne Marie Frank in meinen Text, am Tag, als der Kastanienbaum seine Früchte abwarf wie Geschosse, am Tag, als die Gummigeschosse gegen die Protestierenden abgefeuert wurden in Madrid, an Tagen, als die Protestierenden ferngehalten wurden von den Parlamenten, an Tagen, als die Parlamente die Protestierenden verrieten, an Tagen, als der Sturm ging, an Tagen, als Anne Marie Frank in Auschwitz-Birkenau war, in der Zeit des jüdischen Neujahrsfests, in der Zeit von Jom Kippur, in der Zeit des Laubhüttenfests, in der Zeit, als die stachligen Schalen der Kastanienfrüchte aufbrachen, wenn sie aufschlugen auf dem Boden, in der Zeit, da Medea im Lande Medien sich umdrehen musste, um endlich einen Blick zurück zu schicken zu ihren von ihrer Hand ermordeten Kindern. Medea trug ein langes Kleid. Medea ging ich an. Baader trug einen Tarnanzug und wurde dadurch auffällig, zwei Polizisten hielten ihn an wegen seiner „Überangezogenheit“, am Tag, als der Eintritt in die Museen frei war, so frei wie ein Eintritt zur Demonstration, und Baader trägt wieder den Tarnanzug und ich noch einmal den Baaderbrautanzug. Ich hab all das in der Hand und nichts als meine SAG-Maske einzubüßen.

Unser Brautmantelkleid war, ist die Decke, unter der die Herbeigerufenen nach wie vor stecken, Gelittene und Untragbare, Verzagte und Verdammte, gut ausgestattet mit diesem Crazy Baader Holst Patchwork – zu werden ein Patchword: der blaue Gottesmuttermantel, der Mantel des Christophorus, Novalis’ lange Haare und seine Mantelknöpfe, der Hemdkragen des Friedrich Hölderlin, le Chiffon Rouge, das Tuch des Jannis Ritsos, der Bakuninslip, der Schurz eines Tarzan, der Pelzmantel des Joseph Beuys, der Stock des St. Patrik in den Händen Artauds und dessen Stummer Schrei – aufgefangen vom Stummen Schrei Edvard Munchs -, ein Zylinderhut von Magritte, Majakowskis XXL-Hose im Wolkenwind, die Schuh- und Kofferberge von Auschwitz, Sophie Scholls Seitenscheitel und die Weiße Rose und die Weißen Rosen von Athen, die Nana Mouskouri herbei sang, Manolis Glezos’ Fahne und die Weiße Rose der Sophie Scholl in den Händen des Falk Harnack in Athen, die Ketten Günter Wallraffs in Athen, Andreas Baaders Jeansanzug, die Flieger-Kappe Johannes Baaders, Frank Lanzendörfers Lederjacke, der Kleiderstoff der Anna Achmatowa, Heiner Müllers Brille, Inge Müllers fast knielange Kinderstrümpfe, Rotkäppchens Korb, Wawerzineks Hebammentasche, Jan Faktors Armbanduhr, Elke Erbs bodenlange Röcke und Schlüsselbänder um der Autorin Hals, die Jesuslatschen, Schlipse, Badekappen, Rasierklingen, Emaillebroschen, Häkchen und Ösen, Bernsteinketten, die Heftpflaster, die Scheuerlappen, das Häkelgarn, der rote Wischmopp, der Baader zur Perücke wurde, Bert Papenfuß’ Springerstiefel, Johannes Jansens weiße Herrenhemden, Gregor Kunz’ Lederband oder Bänder „und dann wieder nicht“, Frida Kahlos Blusen, Wolfgang Hilbigs Umhängetasche, Adolf Endlers Bart, Tilo Köhlers blaues T-Shirt, Gert Hofs selbstgestrickte Unterwäsche, Christel Seidel-Zaprassis’ Klöppelspitzen, Leggings, Palästinensertücher, Militärmäntel, Batikblusen, Büstenhalter, Schlenkerbeutel, V-Pullover, Hosenträger, Geheimnisträger, Gummistiefel, Nylonkittel, Malimo, Rosa Extra, Mondos, Chinafrottee, Assi-Jacken, Konsumjeans, Bundeswehrparka, das Mantelfutter, die unerschöpfliche, bodenlose Frechheit, dieses Sammelsurium, diese Lumpenkiste mit allem, was auf keine Kuhhaut mehr ging und das es in keinem schlechten Russenfilm gab. Darin lag, liegt Baaders Macht. Er machte, macht damit, darum und daraus permanent Aktion, Theater, Welle, Tugend, seinen Schmerzbau.

Häufig erschien er im Tarnanzug oder Turnanzug und mit Gasmaske. So auch zu einer Szenischen Lesung des Stückes „Sondeur“ von Jannis Ritsos, die mehrere Autoren und Autorinnen + 1 männliches Baby in einem Kino in Dresden anlässlich des 80. Geburtstages des griechischen Dichters veranstalteten. Baader wechselte generell gern seine Kostümierung, wie auch ich an diesem Tag im Frühling 1989. Von der Taucherin wurde ich zur Pilotin mit Badekappe, zur Rennfahrerin mit Pelzkragen, und im letzten Bild sollte ich als Braut erscheinen. Man hatte mir allerdings abgeraten, eine Feinstrumpfhose mit String-Tanga-Print, die mir aus Athen, also aus dem kapitalistischen Ausland geschickt worden war, zu tragen und meine Beine zu zeigen. Ich sollte auf keinen Fall in dieser Aufmachung auf die Bühne gehen. Das bekümmerte mich sehr. Die Gründe konnte ich nur ahnen: Vielleicht hätte mein Aufputz gegen die Brandschutzregeln oder gegen die Hygienebestimmungen verstoßen. Ich war in der sechsten Woche schwanger und meinte, ich sei um den verrücktesten Augenblick meines bis dahin währenden Mädchendaseins gebracht. Während das Publikum im Saal dem Dokumentarfilm über Ritsos folgte – Sag Himmel, auch wenn keiner ist -, stand ich, die unglückliche DiesesTagsNachtBraut, einige Meter hinter der Leinwand und vergoss vor Wut salzige Tränen, die String-Tanga-Print-Feinstrumpfhose in der Hand. Baader erfasste die Situation, setzte die Gasmaske ab und zog sich diese Strumpfhose über den Kopf. Dann zog er mich am Brautschleier, führte mich hin und her, als müssten wir einen Gang zum Altar proben, und dann ging er mit mir noch weiter. Draußen roch es nach lackiertem Holz und Gärung. Baader beugte sich über mich, er nahm mir mit seinen Spinnennetzhäkelfingern den weißen Schleier ab, zog seine Jacke aus und hängte sie mir über. Er wickelte den meterlangen Plauener Gardinen-Tüll um sich, um mich und um den Stamm einer Kastanie und begann zu sprechen. Wir waren abwesend, ich ging in seiner Rede unter und auf. Er zelebrierte diese Messe. Er wollte mir den Helga-Hahnemann-Behandlungsstuhl verschaffen, den Gynäkologenstuhl des Doktor Mengele. Er sezierte aus dem Wort Urinal meinen Namen und steckte ihn mir zwischen die Lippen. Bevor sie dich anzeigen, hab ich dich auszuführen. Über uns die Fülle der Blütenkerzen, es streuten sich weiße Blätter auf uns mit Spuren von Karminrot, ich bekam ein Baader-Holst-Gamma-Eule-Nachtfalter-Tatoo, ich bekam den Schlag mit der Grünen Rose und hatte noch tagelang Schmerzen am Halse.

Meine Schwangerschaft verlief hervorragend. Wahrscheinlich wegen seiner Ermutigung zur Überangezogenheit, wegen dieser Berührung mit dem Nagel des Kleinen Fingers, wegen dieser gemeinsamen Vorgeschichte im Zelt aus Bügelvlies, wegen des Nähkästchens, in das wir unsere Plaudereien gesagt hatten, im September 1985, als die Badewanne in der Prenzlauer Allee zur Baaderwanne geworden war und sich nicht wieder rückverwandeln ließ, wegen der Gasschutztür, die ich ins Spiel gebracht hatte und an deren rostiger Drehrosette Baader seine Finger färbte. Es gab Goldbroiler im Stehen neben dem Boiler und Nacht für Nacht Janna Bitschewskaja, kalte Mandarinen im Kühlschrank, Erbsen mit Rauchfleisch, kein Handwasch-, dafür aber zwei Spülbecken und ein Einzelbett. Es gab Milchbrötchen und Schriften aus Milch und den Tintenkiller und die Korrekturflüssigkeit. Vom Zeiss-Großplanetarium herüber richtete sich etwas auf uns, über dessen Strahl wir in den Innenraum des gesprengten Gasometers gelangten, wo wir die Dokumente vergruben und die Hände einer in des anderen Taschen. Wir befingerten die Löcher, die geplatzten Nähte, die Velour-, Krepp- und Packpapierstreifen. Wir besiegelten unser stilles Einvernehmen mit etwas Ofenrohrfarbe.

Ich bin keinem anderen Menschen begegnet, der sich dermaßen konsequent keiner Kleiderordnung unterwarf, der so aus der Reihe tanzte und jegliche Eitelkeit verunmöglichte, der Klamotten so aus- und anzog, er besaß eigentlich keine Klamotten, sondern er nahm sich ihrer für eine Weile an, sie tauchten irgendwann bei ihm auf und verschwanden irgendwann wieder. Im Grunde war er immer nur nackt und der Demokratischste von allen in dieser Republik. Er untergrub das Diktat der Bekleidungsindustrie stets und ständig. Er war für knapp eine Woche mein persönliches Mode-Institut, mein Exquisit, mein Intershop, mein Natascha-Laden. Er baute mir ein Tipi. Er rief mich „Squaw!“ Er sprach: „Howgh!“ Er verschnitt die Webpelzmusterstücke, die ich im Koffer hatte. Er benutzte Nahttrenner, Einfädler und Kopierrädchen. Er kritzelte in meinen Zeichnungen herum. Er versuchte sich als Rabindranath Tagore. Er leckte das Kohle- und das Butterbrot- und das Millimeter- und das Achatpapier und die Sonderbriefmarken von den Weltfestspielen. Er entwarf ein Schnittmuster für einen Klimtkussmantel. Er zweckentfremdete den Kapselheber. Er demonstrierte mit Reißbrettstiften, Pusteröhrchen und Fixativ, wie man sich unmöglich macht. Er fragte nach Buchbinderleinen und Hasenleim, nach Jutta, Gutta, Ochsengalle. Er ließ sich das Wort Sprelacart wieder und wieder auf der Zunge zergehen. Er widerfuhr mir. Er tätowierte meinen Knetgummi mit der Radiernadel. Er sprang aus dem Anzug, erbot sich mir als Lichttisch, pauste sich durch, applizierte seinen Lebendgeruch mit Kreuz- und Hexenstich in meinen Ausweis. Er verschwand. Er ließ das Wasser laufen. Er tauchte wieder auf.

Er ging an die Quelle. Er stellte sich schützend vor die Briefe an die Jugend des Jahres 2017. Er entfachte Feuer. Er war mehr als eigen. Man schaue ihn sich an. Das wird uns blühen. Man werfe einen Blick in die Dreizeitigkeit. Noch fünf Jahre, dann werden wir hinüber sein. Baader passt gut nach Griechenland. Er ist darin aufgehoben, und Griechenlands Unterangezogenheit findet in ihm seine Entsprechung. Die Athener Gasmasken riechen nach seinem Atem. Die Vertreibung der Klamotten-Nazis nahm durch ihn einen Neuanfang. Kleider machen nach wie vor Leute im Herz-Ghetto, das den Menschen von einer Kammer in die andere Kammer schickt. Athenwitz, Athenbelsen, Athenwald, Athenhausen, Athenblinka.

Matthias, oh Haupt, atme durch, zieh dich aus, geh baadern, voll Blut und Wunden, folgend deiner ureigenen Matthäus-Passion, überbringe deine Fruchtblase den Parlamentariern, lege deine Eierkuchen ihnen zu Füßen, du Lumpenstrumpf, und lass sie sich daran sättigen, bis ihnen die Augen übergehen. Dein Hunger regiere. Komm an die Magnetische Tafel. Vermählen wir uns erneut bei diesem Mahl. Lass uns baad-duschen im Sag-Gas, ins Totgesagte komm und schau, ich lass mich deine Fresse halten und halt du mir die Klappe, die Schleierschleppe, die Treue, den Brustmaulkorb, ausgestopft mit stinkenden, schimmligen Fußlappen. Ich verzehr deinen Pustekuchen. An deinem unsichtbaren Faden die Welt hängt. Wer wen abschleppt – du wirst es mir sagen, gestern, immer wieder, unter den Kastaniengestirnen, hinter dem Berg aus Grünen Rosen, unter der Saugglocke deiner dahergesagten Worte, hinter der Gasmaske im Nebel deines Fixativ.

 
Berlin, Oktober 2012
© Ina Kutulas

Die Kanzlerin spaziert nie einfach so von hier nach da und zurück

 

Das Café „Dionysos“ mit exklusivem Blick auf die Akropolis ist an diesem neunten Tag im November leer und sehr gut beheizt. „Viele Leute haben das nicht“, kommentiert Chris, „die können diesen Winter das Heizöl nicht bezahlen.“ Für meine Denkarbeit war die Zeit im zum Kühlschrank gewordenen Zimmer tödlich. „Kalt kalt kalt“, das Einzige, was mir durch den Kopf ging, selbst sechs Grad plus genügten nicht, eine Vorstellung von Wärme aufkommen zu lassen. Teile des Gesichts schmerzten, von den Händen zog die Schneide bis zu den Ellbogen hinauf. Knut Hamsun, „Hunger“. Ich weiß, wovon du sprichst. Und das Mal davor war es noch ärger, die Limonade zum Block gefroren, die Flasche zersprungen, vier Wochen verbrachte ich die Nachmittage und Abende unter der Federbettdecke. Dass ich Marquez las, blieb mir in Erinnerung. Aber was genau, welches seiner Bücher? Das Wasser war abgestellt, damit die Leitungen nicht platzten, jeden Abend gegen sechs Uhr füllte die Mutter der Vermieterin einen 20-Liter-Eimer für mich. In der nächsten Wohnung wurde es nicht besser. Manchmal ging ich von acht bis elf Uhr abends durch die Straßen der kleinen Ortschaft, weil es draußen im Schnee wärmer war als drinnen. Ich sah die hell erleuchteten Fenster und dachte: „Dort haben sie’s warm.“ Ich setzte mich in der Bahnhofshalle eine Weile auf die Bank. Aber selbst das Holz war kalt. Trotzdem ging ich jeden dritten Tag wieder hin und blieb etwa eine Viertelstunde dort. Ein Mädchen hielt der Bahnhofskatze einen Finger vor’s Maul: „Beiß beiß beiß!“ Ich versuchte, an das zu denken, was ich gelesen hatte. Uta dann eines Tages: „Komm zu mir bis zum Frühling.“ Bei ihr wohnte ich länger als sechs Wochen. Abends betrachteten wir vom Schlafplatz aus die Sterne. Morgens gingen wir zusammen zur Arbeit. Tagsüber sahen wir uns kaum, außer in der Mittagspause. Im Speisesaal war es warm. Man sagte: „Mahlzeit“, wenn man sich zu den anderen an den Tisch setzte. Im Atelier und in der Weberei war es warm. So auch in der Lohnbuchhaltung, in der Kaderleitung und in der Buchhandlung im Ort. In den Schulen war es bestimmt auch warm. In der Bäckerei war es manchmal sogar heiß. Aber im Hinterhaus spürte ich davon nichts. Manchmal klagte die Mutter der Vermieterin darüber, dass man ihr alles weggenommen hatte, und ich hörte ihr zu. Bei ihr im Flur war es auch warm. In keiner der Wohnungen gab es ein WC mit Spülung. Ende des 20. Jahrhunderts. Jetzt leben wir im 21. Jahrhundert. Die Menschen fällen Bäume, Olivenbäume, Akazien, Pappeln, Maulbeerbäume, Feigenbäume, Kiefern und noch andere Bäume, um mit dem Holz Feuer im Kamin machen zu können, damit überhaupt noch irgendwas geht. Es hängt natürlich davon ab, ob es einen Kamin in der Wohnung gibt. Oder die ganze Familie zieht, wie vor 50 Jahren, wieder in die Küche, wo gekocht wird und wo es deshalb einigermaßen warm ist. „Denen es vorher gut ging, denen geht’s jetzt auch noch gut“, sagt Friederiki. Ich kenne nicht die Namen aller Bäume. Bliebe mir aber mehr Zeit und gäbe es jemanden, der sich auskennt, würde ich sie irgendwann wissen, egal, ob das jemanden interessiert oder nicht. „Es ist nicht genug zu wissen.“

Ob man im Wohnviertel etwas merkt von der Krise, so die Frage. „Ich war ja da“, sagt Lotti, „ich weiß ja, wie es da riecht, wie es aussieht. Diese Fotos decken sich nicht mit dem, was ich erlebt, was ich kennen gelernt habe.“ Lotti wendet die Seiten des Buchs „Avenue Patrice Lumumba“. „Aber wann beginnen Fotos zu duften?“ Und wann, in welchem Licht, bei wie viel Grad minus beginnen meine Augen Hamsuns Hunger zu sehen, beginnt mein Geruchssinn den Duft des Jasmin als nicht mehr existent wahrzunehmen oder zu verklären, obwohl ich die Blüte direkt vor der Nase habe. Es ist kaum noch Musik zu hören. Die Schulkinder lärmen, die Glocke schlägt sehr schnell. Kaum noch Musik. Wenn immer Musik war, fällt es auf, wenn keine mehr ist. Aber den Unterschied wahrzunehmen, muss man dort gewesen sein und es erlebt haben. Oder man muss es erfahren haben, davon gehört oder es sich einfach vorstellen können. Wenn man es sich nicht vorstellen kann, gibt es keinen Unterschied. Wenn man selbst nicht da gewesen ist, weiß man es einfach nicht. Oder doch. „Griechenland verschwindet? Wie meinst du das? Die Menschen verschwinden ja nicht. Es ist dann eben so etwas wie ein kleines, armes Land in Afrika.“ Ein Platz wird sich sicher finden für jede der lächelnden Koren des Akropolis-Museums, ob sie dann in der Eremitage stehen oder ob Athen türkisch sein wird oder russisch oder deutsch oder Griechenland unter chinesischem oder kanadischem Protektorat steht oder ob es Ruganien heißt. Die Koren müssen die marmornen Granatäpfel sicher nicht aus der Hand geben, und niemand wird so dumm sein, ihnen die Hände abzuschlagen und ihnen das Lächeln aus den marmornen Gesichtern zu kratzen. Dieses Lächeln gehört ja nicht den Griechen allein. Dieses Lächeln gehört immer denen, die sich einen Kore leisten können. Es ist ganz einfach. Nichts geht verloren, so lange es als in jemandes Besitz befindlich betrachtet wird. Ein Tier gehört dem, der es zähmt und sich vertraut macht, so erfuhr der Kleine Prinz vom Fuchs. Oder gehorcht.

Durch völlig leere Straßen in der Athener Innenstadt ging Angelika Merkel an der Seite von Andonis Samaras am 26.10.2012, die protestierende Bevölkerung wurde ferngehalten, 7.000 Polizisten waren zusammengezogen worden, um die Sicherheit der deutschen Kanzlerin zu gewährleisten. Keine Stecknadel. Dass kaum Musik zu hören ist, ungewöhnlich. Dass die Straßen der Athener Innenstadt vollkommen leer waren, ungewöhnlich. Hast du persönlich die Menschen Schlange stehen sehen vor den Suppenküchen? Nein. Hast du persönlich eine einzige Mutter ihr Kind bei einem SOS-Kinderdorf abgeben sehen? Nein. Hast du persönlich teilgenommen an einer Demonstration auf dem Syndagma-Platz? Nein. Wer weiß, ob es stimmt, was man hört. Ich stand auf dem Bahnsteig der Metro-Station Syndagma-Platz und hörte die Durchsage: „Sehr geehrte Fahrgäste! Um 14 Uhr werden diese und drei weitere Stationen des Innenstadtbereichs geschlossen. Die Belüftungsanlage ist außer Kraft.“ Oberirdisch der Platz mit den abgeschlagenen Marmorplatten der Treppenverkleidung. Ich hätte gedacht, dass der Schaden viel größer sei. Dem Augenschein nach waren die Orangen, Bohnen und Tomaten auf dem Samstagsmarkt weitaus aromatischer als in den Jahren zuvor. Können Fotos riechen? Ist die Wirklichkeit eher zu lesen, wenn du sie verstummen lässt in deinen Fingern? Schreib alles auf. Fotografiere. Sing. Geh auf die Straße. Zieh dich aus. Spring. Weiche der Zukunft aus. Verspeise das Lied. Ernähre dich von deiner Markise. Iss das Schwein deines Nachbarn. Du bist Terrorist, wenn du einen Job willst. „Heute Abend“, sagte Kostas, „werde ich dabei sein, vor dem Parlament. Du weißt nicht, was hier los ist. Ich hab die Juntazeit miterlebt. Das hier ist schlimmer als zur Zeit der Junta.“ Wenn du dich nur nicht täuschst. Wenn du nur nicht irrst. Wenn du nur die Wahrheit sagen würdest. Wenn du die Wahrheit kennen würdest. Wenn du hier wärest, mit eigenen Augen sehen könntest, wenn du bliebest, wenn du nicht bleiben könntest, wenn du ausweichen müsstest, wenn du in dein Unglück rennen müsstest. „Manche sind seltsam geworden“, so der Dichter, „die sagen mir: Du hast ja Arbeit, du kannst mich absolut nicht verstehen, von mir bekommst du gar nichts, weder einen Text noch eine Zeichnung. Du weißt ja nicht, wie es mir geht … Und andere sagen gar nichts mehr.“ Im Parlament treten sie ans Rednerpult, einer nach dem anderen und sprechen. Kaum einer, der nicht etwas mehr Redezeit verlangt. Dieser Herr: „Griechenland ist nicht Iphigenie.“ Meint er Iphigenie, bevor sie geopfert wurde, Iphigenie im Augenblick, da sie geopfert wird, oder Iphigenie, die entrückt weiter existiert, anderswo, eine Zeitlang, übergangsweise. Die Medien berichten davon, dass bei den Protestversammlungen Tränengas und Blendgranaten zum Einsatz kommen. Die dort waren, haben anderes zu berichten. Wem kann man glauben. Ich glaube denen, die dort waren und in Panik gerieten. Ich glaube denen, die sich nicht mehr jeden Tag rasieren. Ich glaube denen, die sich noch nicht rasieren müssen. Ich glaube denen, die den Zahnarzt nicht mehr bezahlen können. Ich glaube denen, die immer geschrieben haben. Ich glaube denen, die viele Lieder in- und auswendig wissen. Ich glaube denen, die sagen, sie hätten sich geirrt. In ihnen, letztendlich, erkennt Griechenland sich wieder. Aber vielleicht irre ich. Vielleicht war ich nie dort. Vielleicht war es der zehnte Novembertag. Und vielleicht war es erst der elfte, an dem ich ankam, als ich abflog und meinte, nichts gesehen zu haben mit meinen Augen. Die kleine Kanzlerin hebt die Hand.

Berlin, 14. November 2012
© Ina Kutulas

Am anderen Ufer der Elbe liegt China

 

Herbert L. bin ich bisher leider nur dreimal begegnet. Das erste Mal in Dresden, da, wo er wohnte, und es hing ein Seil im Eingangsbereich von einer sehr hohen Decke herunter, und ein Kind fasste es und schwang hin und her, und ich dachte: So etwas gibt es also auch in dieser Republik, alle Achtung! Das zweite Mal traf eine Postkarte ein mit der Frage, wo man in Griechenland am besten mit dem Rad das Land erkunden könnte. Vielleicht irre ich mich, aber ich meine mich zu erinnern, dass Herbert L. in Griechenland mit dem Rad herumfahren wollte, und dass er nie auf den Gedanken gekommen wäre, dass das schwierig werden könnte. Auf solche Gedanken kam ich. Aber wir Menschen haben sehr unterschiedliche Erfahrungen. Ich glaube, ich sah Herbert L. vor meinem geistigen Auge mit einer Pudelmütze mit Bommel. Männer, die ihre Ohren schützen, können nicht unbedacht handeln, meine ich. Das dritte Mal traf ich Herbert L. 2011. Wir sahen zusammen einen Film und unterhielten uns und später saßen wir zusammen in seinem Auto, und ich glaube, es lag dort etwas Stroh herum, es war in einem der Sommermonate – oder irre ich, Herbert?, und du hast in deinem Auto ab und zu trockenes Gras transportiert. Für deinen Vater? – Herberts Vater lebt im Altersheim. Einmal, als Herbert mit seinem Vater an der Elbe spazieren ging, zeigte der Vater über den Fluss hin zum anderen Ufer und sagte: „Da drüben … liegt China.“ Pause. Dann, bedacht: „Aber das verstehen die Leute in meinem Altersheim nicht.“

Für mich ist diese Aussage eine der schönsten Liebeserklärungen an das Leben, in vielerlei Hinsicht. Nicht nur, weil der Name Ina sich reimt auf China. Das ist noch das Wenigste.

Mein Kollege Gregor Kunz zitierte einmal seine Kollegin Barbara Köhler: „Der Elbe in Dresden sieht man den Atlantik nicht an.“ So jedenfalls meine ich es zu erinnern. Ich kann mich irren. Aber es war auf jeden Fall nicht: „Wer weiß, ob man die dicken Einleitungsrohre noch sieht.“ Ich freue mich auf die korrigierenden Worte von Gregor Kunz oder Barbara Köhler … oder Tilo Köhler. Sie haben etwas zu sagen. Es geschehe! Wann auch immer. Zeit ist genug. Am anderen Ufer der Elbe liegt China. Winke winke. Eure Ina!

© Ina Kutulas

Für Gert Hof

 

Zum Jahreswechsel – Immer wieder

2012 dachte ich immer wieder an Gert. Im Januar, als er starb. Im Februar zur Beerdigung – es war ein kalter Tag, in der Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs ließ Wanja das letzte Lied hören „Hurt“ von Johnny Cash:

… If I could start again,
A million miles away,
I will keep myself,
I would find a way …

Die beiden Herren vom Personal öffneten die Flügeltür. Es fielen riesige Schneeflocken aus dem Himmel und bedeckten das dunkle Grün ringsum. Ansonsten war alles ganz schwarz. Einer war mit einem riesigen roten Schal gekommen. Rob trug große Ringe und stand eine Weile für sich. Im Februar waren wir bei Mikis und hörten seine Sinfonien. Im März, während ich „Medea“ von Mikis hörte, als ich las und las und las, was in Griechenland vor sich geht. Im April, als ich Griechenland vor mir sah und Gert in Griechenland, als ich „Medea“ von Mikis hörte und mich erinnerte an Hamburg. Im Mai, der mich erinnerte an unseren Aufenthalt auf Rhodos, 2006, als Gert mit riesengroßen Schritten allein weit voraus ging bis ans Ende der Mole. In diesem unbeschreiblichen Juni, der mich erinnerte an Gert mit einem Halm in der Hand. Im Juli, der mich erinnerte an einen Tag, als wir uns zufällig in die Arme liefen, auf der Greifswalder Straße, 2010, Gert suchte sein Auto. Im August, als wir mit Bella im Nuthe-Urstromtal drehten für „Medea“. Im September, der mich erinnerte an die Fahrt mit dem Schiff. Im Oktober, der mich erinnerte an das erste Mal, als ich Gert überhaupt sah – kurz, 1999, in der Passionskirche – und an New York, als Gert über den Millennium-Event Berlin nachdachte. Im November, der mich erinnerte. Und jetzt, im Dezember, der mich erinnerte. Vor zwölf Jahren rasten die Bilder durch uns hindurch, die unser Weg sein sollten für so viele Jahre, wie ein Jahr Monate hat. Jetzt sind es bald dreizehn. Das Jahr Gert verlängert sich. Ich wüsste gern, wie du die Sache siehst, Syndrofos Avli … Griechenland, wo das Meerwasser von Varkisa nachts sich mühte, schwarz zu bleiben; in Limnos stach uns die Sonne am frühen Nachmittag fast besinnungslos, Kopfschmerz, Minze statt Aspirin. Wanjas Satz, der immer wieder zitiert wurde: „Papa, sei nicht traurig.“ Und immer wieder Temperamine aus Dosen oder auch nicht. „I will keep myself“. I will find a way. See you, Gert.

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Das an die Nieren geht 

gewidmet Gert Hof
 

DAS. Das an die Nieren geht. Und wenn im Rachen des Alls eine Zunge sich spitzt. Hervor schnellt sie, Erdengötter zu greifen. Drei … Zwei … Eins … Zero. Diesen Kuss der ganzen Welt. Satt ist zu essen vom Durst. Wer kosten will vom groben Brot der Wahrheit, muss Märchen verschlungen haben.

Einmal wird sein … Aus dem Schlaf schreckte der Junge mit dem weißen Gesicht und vernahm das Kratzen und Schürfen. Aus dem Schlaf drang das Wachen wie aus Falten das Tal, unerhört. Draußen wuchs wohl das Gebirge der elften Stunde. Es lauern unter dem Bett, wie man weiß, keine Eintagsfliegen. Da juckte es das Kind im Rückenmark. Es lief durchs Zimmer ungeachtet aller Finsternis und riss das Fenster auf. In diesem Augenblick zertrümmerte des Sturmes Stille die Krone des Süßkirschbaums und eine Zacke des dunkelsten Sterns schlug dem Jungen das Auge aus. Flog eine Krähe herbei und sprach, bis sie gealtert war und von Rede leer und aufgesaugt wurde von schlehblauer Farbe, tintenvergällt.

Einmal wird sein. Der Junge mit dem weißen Gesicht warf sich zurück in sein Bett, dem aber das Fenster nun anverwandelt war. So glitt das Kind in den Äther und wusste eine klaffende Wunde in der Welt. Fortan kannten den Jungen die Engel der höheren Ordnung, und wenn sie gut gelaunt waren, dann riefen sie ihn bei seinem Namen. Waren sie aber missmutig, dann forderten sie die Dinge des Unmöglichen ein. Einmal wird sein.

Das Nichtermüdende Wasser sollte der Junge mit dem weißen Gesicht und dem Reptilienauge suchen gehen. Und sollte, so er es gefunden hatte, einen Krug davon tragen durch die ganze Welt und nicht einen einzigen Tropfen davon verschütten, und – angekommen am hohen Berg der Bescheidenheit, der hinüberragt an die Sohle des Ur-Ozeans – selbst leeren den Krug, um beraubt zu sein allen Schlafs und gequält von sämtlichen Träumen, die nun keine Seele mehr finden, sie heimsuchen zu können. Denn das Nichtermüdende Wasser war feuriges Elixier, das an die Nieren geht. Dem brenn ich die Augen aus – so klang dieses Hecheln.

Solche Art, Licht zu machen, ist Wachtraumgeburt. Und was wachend geträumt wird, zischelt, wie man weiß, unerhörter noch als das im Schlaf Erschaute. Der Äußere Raum schlägt um, das Innere stülpt sich über sein Selbst. Fasst das ein Meer, bewehrt mit Himmelsspiegeln. Taucher aus Taucha, einmal wird sein, das Wrack der Titanic jagt dich aus Venus’ Bahnen in die Arenen des Saturn. Musik schlaucht Atemstoff. Blendwerk trifft Augenlicht. Wird so der Stahl gehärtet und gelichtstrahlt der Dachstuhl der Welt. Im Höhlenschwarz hast du Gesicht gezeigt. Hell wurde es, weiß wie Blüten von Kirschen. Oder wie von Kirschblüten nicht. Wie Salzlake, die rinnt hinab an Orangenbaumstämmen.

Und wieder die Prüfungen der Götter. Und die Prüfungen der Menschen. Mit gleißenden Zinken sollst die Sphärenäcker du durchpflügen, sprudelnde Sterne säen, die Glutfelder wässern mit Sonnenschmelze und Stroh verspinnen zu Gold.

Darüber kann ich nur lachen, sagt der Junge mit dem schneefarbenen Gesicht. Und ersteigt die Sternentreppe. Und stößt die Tür auf zum Raum, wo im Ofen die Sonne verbrennt. Und trinkt von Wasser und Licht, um sterben, sich erden zu können und wieder zu werden. Einmal wird sein. Denn er weiß eine Krähe, die Augen aushackt, und einen Adler, der Leber frisst, und seinen geflügelten Drachen, dessen Feuerzunge den Wächtern des Eisernen Turms an die Nieren geht.

Berlin, Januar 2012
© Ina Kutulas