Die untergründige Zweite Existenz des b-flat

Die wundersamsten Veränderungen sehen häufig zunächst gar nicht nach einem Zweiten Leben aus. Vor allem nicht, wenn’s keine Fenster zur Straße gibt und somit keinen Ausblick. „Aber dieses b-flat gefällt uns eigentlich noch besser. Auf seine Art …“, sagt Jannis Zotos, Musiker und langjähriger Chef der Jazz-Bar b-flat. „Jetzt gehen wir in den Untergrund!“

Besucht man das b-flat nächstes Mal, dann könnte einen durchaus der Hauch einer inspirierenden Zeit anwehen. Inspirierend, weil schwierig und trotzdem künstlerisch gelebt. Wie vor fast hundert Jahren, als zig Musiker in Athen in Kellerlokalen spielten und sangen und die Zuhörer beim Zuhören nicht an einen Nachhauseweg denken mochten. Meistens stieg man in diese Zuflucht zur Musik mitten in der Stadt einige Stufen runter, ins Souterrain. Ein Lied aus diesen Zeiten, „Fünf Griechen in der Hölle“, könnte man im Ohr haben, wenn man sich das vorstellen will. Es kann auch Jazz sein. Jannis Zotos und etliche seiner Musiker-Kollegen vermögen „Fünf Griechen in der Hölle“ und noch viel mehr leichterdings zu spielen, auf unterschiedlichste Art und Weise. So, wie sie es seit 20 Jahren im b-flat tun, das für einige in Berlin Kult-Status hat, ein Ort, zu dem man sich gern hinbegibt, um dabei zu sein, wenn Jazz zu hören ist, vor allem, aber nicht nur, sondern auch griechisches Rembettiko, Blues, wenn Songwriter-Abende oder – sehr selten und eher die Ausnahmen, die die Regel bestätigen – besondere Lyrik-Performances oder Filmvorführungen zu erleben sind oder die Stühle ganz beiseite geräumt werden für eine besondere Sache.

Das b-flat ist immer wieder für etwas außerordentlich Kulturvolles zwischen Büros, Kleider-, Schuh- und Schmuckgeschäften zu haben und bedeutet als solches eine Wohltat, um den Kopf von peinigenden Fragen nach dem sinnvollsten Erkennungswort auf dem T-Shirt frei zu bekommen. Das b-flat ist eine Instanz. Das b-flat ist Rettung vor dem Motivationstod des Innenstadtherzens. Das b-flat ist ein schützenswerter Topos, unterstellt der Obacht und Fürsorge seines Publikums. Immer wieder kommen auch Touristen hereingeschneit, die „solche Musik“ noch nie gehört haben und deswegen bleiben bis nach dem letzten Lied und sich später viel zu erzählen haben. Das b-flat ist kein Blue Note, aber es lässt daran denken, in seiner Zweiten Existenz vielleicht noch mehr, und es findet sich über diese Brücke im Kopf verbunden mit aller Welt. Das b-flat hat seinen Namen der Kürze wegen, könnte aber auch heißen Danny Bensusan is in.

Oder The Zotos Brothers. Im März diesen Jahres sahen sich Jannis & Thanassis, die „Väter“ und Betreiber des b-flat allerdings jäh mit der Tatsache konfrontiert, dass der Eigentümer ihnen den Mietvertrag nicht verlängert, was das kurzfristige Aus für das b-flat bedeutete und somit einen Herzinnenstadtinfarkt. Schlecht für die Rosenthaler-Straße, in der sich die leise Wehklage eines „The Thrill is Gone“ hätte urplötzlich unterschwellig manifestieren können, fortan, und diese Straße verändern, langsam, Tag für Tag, ihr den Atem und die Lust nehmen, sie inspirativ ausbluten lassen, in ihrer Geschäfte-Büros-Geschlossenheit ersticknüchtern. Vielleicht kommt das noch. Die Rosenthaler könnte vergrauen, was sie an sich nicht verdient hat. Denn die Rosenthaler insbesondere hat was von einem Verbindungsweg zwischen den Zeiten, zwischen Übermorgen und Vorgestern, als „die beste Freundin mit der besten Freundin“ Seit an Seit Lieder sang. Der Verlust des b-flat ist für die Rosenthaler definitiv ein Manko, das Zünglein an der Waage womöglich, das dazu führt, dass man alsbald durch diese Schneise nur noch durchdurchdurch! muss, aber keine Verbindung mehr bekommt zwischen Zeiten. Nachts schon gar nicht. Von einem kreativitätsbedingten Momentverweilen lebte sie im Grunde. Vielleicht ist das jetzt aus und vorbei, die Straße weiß es nur noch nicht. Die Rose verblüht. Thalfahrt. Danach ist die Rosenthaler flach. An sich wäre es besser, das b-flat bliebe gleich dort, in der Nr. 13, damit die Straße was hat, sich daran aufzurichten, wenn sie irgendwann in Zukunft abermals wiederbelebt werden muss. Musik ist ein gutes Fundament.

Die Straßenbahnen, die auf der Rosenthaler Straße ganz selbstverständlich fahren, schienen Ende 2015 draußen vor den großen Fensterscheiben nach linkerhand und rechterhand steil ins Abgrundtiefe zu sausen. Dem b-flat riss es fast den Boden weg. Ende der Existenzgrundlage oder Frühpensionierung. Auswandern. Dichtmachen. Oder weitermachen. „Die Nacht“, sagt N., „ist nicht von vielen zu machen. Jannis ist einer, der die Nacht größer machen kann, weiter, seit langer Zeit. Es gibt nicht viele, die das können. Sie bleiben stehen in der Nacht, und so eine Art von Nacht ist eng; für immer bleiben sie z.B. uninteressierte Kellner, die immerzu stöhnen, dass sie kellnern müssen, anstatt … Jannis hat immer Musik gemacht, hat immer diesen Ort offen gehalten und mit Leben sich füllen lassen, hat der Nacht das gegeben, weshalb man sagt: sie ist nicht nur zum Schlafen da. Hat immer Musik gemacht. Und noch immer macht er Musik, öffnet den Ort für Musik, und der Ort öffnet sich für Musik.“

Es ist kaum anzunehmen, dass in die bisherigen Räume etwas Geistreicheres als das b-flat einziehen wird. Mit Gewissheit aber geht es in 8 Minuten Entfernung, Dircksenstraße 40, eine Treppe runter und für das b-flat weiter. Denn urplötzlich wurde aus der zunächst völlig unfreiwilligen und lästigen Veränderung eine recht schnell mit Elan angenommene Herausforderung. „Wir hatten schon länger darüber nachgedacht, wie wir das musikalische Programm erweitern“, erwähnt Jannis Zotos. „Und jetzt, wo wir in die neuen Räume einziehen, nachdem wir dort ein bisschen umgebaut haben, böte sich idealerweise auch ein kleiner Umbau des b-flat-Programms an. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass in der Dircksenstraße in Zukunft noch anderes zu hören sein wird. Aber man soll nicht über Ideen sprechen, dann wird nichts draus, sondern man soll sie verwirklichen. Dann hat man was zu sagen. Sagen wollen wir ja aber nicht so viel, sondern Musik machen.“

Aufgegeben wird nicht. Im Gegenteil. Jannis Zotos steht vor der Eingangstür zum zukünftigen „Fünf-Griechen-in-der-Hölle“-Paradies – das aber weiterhin b-flat heißt –, schaut zum Himmel und zeigt gleichzeitig da hin, wo es nach unten geht. Als seien die Verhältnisse auf den Kopf gestellt, zur Abwechslung.

Man kann sich also – noch gestresst von der Arbeitswoche oder weil man umziehen musste oder weil man nicht zuhause hocken will -, steigt man die Stufen zum b-flat hinab, umso mehr sagen: Runterkommen, abtauchen, der hektischen Welt „da oben“ für eine Weile entgehen, ausatmen, getrost denken: „The Thrill is Gone“, sich zurücklehnen in dieser Musikspiel-Hölle und den, der alle Weltgeschicke lenkt, einen guten Mann sein lassen. Hin und wieder wird er wohl zwischen den Gästen sitzen, vergnüglich mit den Schuhspitzen wippen und vielleicht ein Gesicht machen, als hätte er Danny Bensusans Gestalt angenommen. Man wird nie weggehen aus dem b-flat und das Einatmen vergessen haben. Man ist geöffnet für den nächsten Tag.

Die Welt hat sich ein bisschen verschoben, aber es gilt nach wie vor: Auf in’s b-flat, den Ort, wo Himmel und Hölle sich Guten Abend sagen! Tagsüber blühen die Rosen, nachts die Rosen der Nacht. Der Übermorgen dämmert.

 

12.07.2016

 

KLEIN ENGLAND liegt in Griechenland

Freies Lyrisches Kino für Europa!

 

Teil I – Klein England und KLEIN ENGLAND

Wagen wir uns in’s Kino! Doch was ist schneller: Der Film oder das Feuer? Die Kunst oder die Wut auf Europa, die vor Filmtheatern nicht haltmacht? Tatsache ist: In Athen wurde während der Straßenkämpfe 2012 das legendäre “Attikon” angezündet und brannte ab. Molotow- statt Kino-Cocktails. Die zornige Reaktion auf eine für immer mehr Bürger tödliche europäische Realität. Vor wenigen Tagen nahm ein 19-Jähriger im “Kinopolis” des südhessischen Viernheim mehrere Menschen als Geiseln und drohte, einem Mitarbeiter eine Kugel in den Kopf zu jagen. Schließlich feuerte er mehrere Male in dieses “Kinopolis”, woraufhin die Polizei ihn erschoss. Das weckt Ängste vor dem Gang in’s Filmtheater. Oder anders gesagt: Der Gang in’s Filmtheater erfordert Mut. Es müsste an dem nicht sein. Im Kino zu sitzen, nur behelligt vom Geschehen auf der Leinwand, bei freiem Eintritt für jeden Film aus Schweden, Ungarn, Deutschland, England, Frankreich, Griechenland, Luxemburg, Holland usw. – zu solch gemeinschaftsbildenden Zuständen auf Erden hätte der Euroraum es bringen können. Der Film “KLEIN ENGLAND” von Pantelis Voulgaris stünde mit auf dem Programm.

Statt des Zirkus um BrexitSchottexitGrexitNiederlexitFrankrexitStotterexit wäre mehr gewonnen, würde ganz Europa seit Jahren seine Zeit damit zubringen können, sich das Filmschaffen ganz Europas reinziehen. Jeder dazuverdiente Euro wird sowieso stets doppelt wieder verloren. Nur für die Kunst verplempert – da würde er nicht verloren sein. Es ist einzig die seltsame, unfassbare, unfindbare Seele, die unermesslich zu profitieren vermag: Von Musik, Bildern, Film, Lyrik und jeglicher Lyrik im Film. Die gibt es im Überfluss und sie mehret sich ohne Unterlass. Alles andere … Fauler Zauber! Kino dagegen kann eine Option sein, wenn’s darauf ankommt, den Blick für einen weiteren Weg zu öffnen, wo kein wirklicher sich mehr zu eröffnen scheint.

Unerwartet vor Kurzem ein Anzeichen. Im europeonline-magazin.eu-Pressespiegel vom 27.6.2016 ist unter GRIECHENLAND zu lesen: «Kathimerini»: «Die Stärke Europas ist die Einheit. Alles andere (wie der Brexit) sind Fantasien eines Fieberwahns. Das «Klein-England» wird – besonders wenn Schottland gehen würde – außerhalb Europas viel weniger Einfluss auf das Weltgeschehen haben. Aber auch für Europa ist der Schlag enorm. ……. »

Dass die griechische „Kathimerini“ a) „Klein England“ erwähnt, spricht für die Weitsichtigkeit dieser Zeitung und ihr Inspiriertsein durch Film. Immerhin. Wobei sie a) allerdings durch b) sofort wieder unerkennbar macht. Die „Kathimerini“ verbirgt a) unter b), indem sie die Dimension ihrer a)-Aussage (mit der sie auf die Welt des Filmschaffens Bezug nimmt!), durch b) unmittelbar verschwinden macht. Im selben Atemzug, wie sie a) „Klein England“ vor dem ersten Gedankenstrich nennt, behauptet sie b) nach dem zweiten Gedankenstrich sogleich, „Klein England“ würde außerhalb Europas wenig Einfluss auf das Weltgeschehen haben. Aus der EU auszutreten, bedeutet aber doch nicht, weg zu sein aus Europa. „Klein England“ zu schreiben, das bedeutet, sich auf den griechischen Film „KLEIN ENGLAND – MIKRA ANGLIA – LITTLE ENGLAND“ zu beziehen und damit geradewegs in’s Kino zu wagen, sich aufzumachen zu Orsa und Mosha und einem gewaltigen Meeresrauschen, das die Insel bespielt.

Wer „Klein England“ schreibt, sollte es deshalb „KLEIN ENGLAND“ schreiben, und schon wäre man bei den „Frauen von Andros“ und allen Überlebenskünsten. Stattdessen rückt die „Kathimerini“ „Klein England“ erst entschlussfreudig wie eine Signalfahne in’s Blickfeld und damit zugleich „KLEIN ENGLAND“, also Filmkunst in’s Bewusstsein; mutig geht die Zeitung einen Schritt vor, diesen aber – wie erschrocken vor der eigenen Courage oder als hätte sie sich an was verbrannt – sofort wieder zurück, indem sie jetzt nicht tatsächlich den Weiterschritt in die Welt des Films macht und sich in dieser fortbewegt, sondern dann doch lieber brav beim Thema „Brexit“ bleibt. KLEIN ENGLAND – nur eine leise Andeutung im „Klein England“. Es wird somit dummerweise wieder verunklart, wodurch Europa in seiner jetzigen Aufgewühltheit unter anderem Hilfe finden könnte, Wegweisung, Rettung. Im Filmtheater!

Ich borge mir kurzfristig ein Wort aus der Mail einer Freundin, die einen Umzug ankündigte und zugleich informierte, wo ihr Arbeitsort demnächst zu suchen ist, was allerpraktischste Orientierungshilfe bedeutet. Für jetzt und später. Danke, Sasha, für deine „Heilraum“-Wortgabe!, an der ich mich jetzt bediene.

Der Film „KLEIN ENGLAND“ ist vieles und eben auch ein europäischer Heilraum. Das Filmfestival HELLAS FILMBOX BERLIN holte ihn deshalb bereits im Januar nach Deutschland. Der griechische Regisseur Pantelis Voulgaris schuf das Werk, die griechische Autorin Ioanna Karystiani schrieb den Roman, auf dem das Drehbuch basiert (in Deutschland erschienen unter dem Titel „Die Frauen von Andros“). Es sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass Pantelis Voulgaris zu den bedeutendsten Filmemachern seines Landes gehört, der in’s Leben mehr als nur zwei Blicke geworfen hat und zu sehen versteht. „KLEIN ENGLAND“ und Voulgaris’ vorletzter Film, „PSYCHI VATHIA – TIEFE SEELE“ (2009), sind zwei von mehreren Offenbarungen für alle, die sich fragen, wie „die Situation“ am Ort Griechenland, am Ort Europa, am Ort Welt zu verstehen sei, denn eins strahlt hinüber in’s andere und kann es mitbeleuchten. „PSYCHI VATHIA – TIEFE SEELE“ bietet eine bisher weitgehend ungenutzte Möglichkeit, z.B. Griechenland in’s zerrissene Herz zu schauen. Es bedürfte dazu lediglich der Untertitelung in die jeweils andere Sprache, der Bereitschaft von Filmtheatern, eventuell eines Filmverleihers und der Unterstützung einiger Unermüdlicher, dass Menschen in allen Ländern Europas etwas über Griechenlands jüngere Geschichte erfahren könnten, in welcher der griechische Bürgerkrieg ein fast unbekanntes Kapitel bedeutet. Ohne davon Kenntnis zu haben, wird man Griechenland immer durch die falsche Brille sehen. Das betrifft nicht nur Griechenland.

Bürgerkriege, überall auf der Welt, stellen Schlüssel- und Ausgangssituationen dar, die betrachtet werden können, wenn es um das Verständnis von Konflikten geht, die Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg ausgetragen werden und scheinbar dann an der Tagesordnung sind. Der Bürgerkrieg ist der schrecklichste Halbbruder des Kriegs. „Dreh dich nicht um!“, diese Devise gilt für den Lebenden im Reich der Toten; im Reich der Lebenden gilt für den Lebenden eher das Gegenteil. Insofern ist alles „Warum länger in der Vergangenheit wühlen, lasst uns lieber nach vorn schauen!“ ein vergeblicher Versuch, Zeit gewinnen und handlungsfähig bleiben zu wollen. Vorn wartet wieder nur der behelmte Mars auf, schlägt sich gegen den Brustpanzer, streckt sich zum Himmel, schickt Drohung, Drohnen und Verderben. Wer davon nicht erwischt werden will, muss vorsorglich vorher sterben, zwischen zwei Kriegen (in der Zeitlücke, in welcher der Dichter Jannis Ritsos einmal Atem holen wollte, weshalb er einen anderen Gott um diesen Moment der Gnade bat).

Bürgerkriegskonflikte schwelen weiter, zugedeckt wie Glut von Asche. Die Glut von Bürgerkriegen mag an den Plätzen zerstörter Häuser verlöschen, sie verlischt aber nicht in verletzten Seelen. Es gibt nicht den Ausschlag, dass Völker Feinde von Völkern sind, Parteien Feinde von Parteien, Bevölkerungsgruppen Feinde anderer Bevölkerungsgruppen, sondern dass der Mensch des Menschen Feind ist, solange er dessen Freund nicht wird, weil er ihn z.B. nicht riechen kann oder dessen Stimmlage, Hautfarbe, Gewohnheiten, Angewohnheiten oder Mentalität hasst. Viele Einzelne zusammen machen den sich dann im Hass einigenden Mobb aus, das Mobb-Kollektiv, das Mobb-Heer, das einen Feind in’s Auge fassen und zu vertreiben oder auszulöschen sucht. Die Wut-Glut löscht das nimmer. Das Buch von der „Unfähigkeit zu trauern“ ist geschrieben. Das Buch von der „Unfähigkeit, über den eigenen Schatten zu springen“ noch nicht. Was ist schneller: das Feuer oder die Kunst?

Wer beispielsweise Griechenland verstehen will, wie es jetzt ist, kann einiges erfahren durch „TIEFE SEELE“ von Pantelis Voulgaris, kann „Griechenland und die Griechen“ zu sehen versuchen, wie durch andere Filme möglicherweise Spanien, Irland und Portugal, in denen Bürgerkriege ausbrachen, die zu dem gehören, was Europa nicht loswerden kann. Nie und nimmer durch Geld. Immer durch Musik, Bilder, Lyrik … Film. Ich träume weiter, denn Europa ist nichts anderes als das Träumen von Europa. Entweder ein es erscheint als Alptraum oder als lyrisches Tagträumen. Nur als zweckfreie, nicht zuende zu denkende, unerschöpfliche Realität ist Europa Wirklichkeit. Man kann sie weder kaufen noch bezahlen. Ein überschäriges Europafeld zu den Gärten der Welt! Chancen für ein lyrisches, musikalisches, bilderreiches Träumen gibt es zahlreiche.

 

Teil II – LYRIK-ÜBERSETZER ALS VERHANDLER!

Im Verständnis für die Geschichte eines jeden Landes liegt jeweils eine solche Chance. Sich dem riesigen und in sich nicht einheitlichen Europa nähern, es durch die Werke europäischer Filmschaffender betrachten, ihre Aussagen zur Kenntnis nehmen, ihnen Fragen stellen zu wollen – auch das ist eine Möglichkeit. Bleibt noch genügend Zeit? Jawohl! Der Gang in’s Kino gleicht dem Einstieg in eine Zeitgewinnmaschine, wodurch man schneller wird, bequem zurückgelehnt und ohne Abgass-Skandal. Das ganze Leben und einige weitere bräuchte man, um Europa, um alle Länder „durchzugehen“, zuvörderst mit Hilfe von Musik, von Bildern, verschiedenen Sprachen und während etlicher Versuche, eine Sprache in die andere zu übersetzen. Ein weiteres Leben gewinnt man und noch andere dazu. Was kein Geld vermag – sich ein Land zu eigen zu machen –, das vermag der Mensch durch das Erlernen der dort gesprochenen Sprachen.

Ich schlage deshalb vor: Lyrik-Übersetzer in’s Diplomatische Korps eines jeden Landes! Lyrik-Übersetzer in’s Europa-Parlament, in die Finanzämter, in den IWF, in die Europäische Zentralbank“ – und global am besten auch in die NATO, in die UNO, in die Klima-Gipfelkonferenzen, in die FIFA …! Unzählige Institutionen gibt es, in denen Lyrik-Übersetzer die idealen Verhandler wären aufgrund ihrer tätigkeitsimmanenten Bedachtsamkeit, ihrer Fähigkeit des Abwägens, mit ihrem Blick für Angemessenheit und Verhältnismäßigkeiten im Umgang mit dem Wort, mit ihrem Rhythmusgefühl, ihrem Gespür für situationsbedingte Schwierigkeiten und vor allem mit ihrem Wissen um die ganz persönliche eigene Unzulänglichkeit und die darauf fußende selbstverordnete Bodenhaftung. Lyrik-Übersetzer an die Seite von Staatsoberhäuptern, von Troiken, Nachrichtendiensten, Weltraumbehörden und an die Stirnseite von Aufsichtsratstischen, in die Obersten Gerichtshöfe und Nationalen Verteidigungsräte! Lyrik-Übersetzer sind unbestechlich, weltweit. Sie arbeiten niemals um eines eigenen Vorteils willen, sondern immer einzig und allein FÜR Verständigung. Sie haben es aufzunehmen mit jedem Laut, mit jedem winzigen Satzzeichen, mit Gedanken- und Bindstrichen, mit jedem Punkt und Komma, mit jeder Pause und Lücke. Wirkmächtig jedes Einzelne, ob klein oder groß, lang oder kurz. Fügst du mehr hinzu oder weniger – immer geht es um einen ganzen Atem, um ein ganzes Leben, um alles. Und alles hängt davon ab. Eher verabschieden Übersetzer eine Verordnung nicht, als dass sie sie verabschieden würden, wenn sich darin zwar eine Lyrik fände, diese jedoch allzu leicht durchschaubaren Unsinn enthielte, der zur Vertodung von leibhaftigen Menschen führen könnte. Denn dadurch verschwänden die Leser der Texte. Übersetzer können sich keinen leichtfertigen Umgang mit dem Wort leisten, denn sonst kommen sie nicht in den Übersetzer-Himmel, sondern auf das Fährboot, das ihnen niemals gestatten wird, sich frei zu machen von ihrer Mühsal, indem sie einem anderen die Stange in die Hand drücken.

Warum schreibe ich dann nicht einen Text zum Thema „Übersetzung“? – diese Frage mag sich stellen. Weil dafür jetzt keine Zeit ist. Der Brexit sitzt Europa ja fast schon im Nacken. Und wenn der tatsächlich passiert ist, was dann? Quo vadis, Europa? Ich kürze also ab und nehme die Kurve zurück zum Film.

 

Teil III – EUROPA FÄNGT MANCHMAL IN GRIECHENLAND AN

Film ist Übersetzung von Text in Bild. Warum ich selbst keinen Film mache, wurde ich schon ein paarmal gefragt. Antwort: Weil ich keine bildliche Vorstellungsgabe habe im Hinblick auf einen ganzen Film. Deshalb wäre ich dafür nicht die geeignete „Übersetzerin“. Regisseure haben diese ausreichend große Vorstellungsgabe, die meist nicht nur für einen, sondern für noch mehr Filme langt. Und damit bin ich wieder bei „KLEIN ENGLAND“ von Pantelis Voulgaris. In 120 Minuten macht Pantelis Voulgaris ein Panorama-Fenster auf. In diesem Ausschnitt sehen wir nicht nur die Insel Andros, die den Namen „Klein England“ bekam, oder das Schiff, das auf den Namen „Klein England“ getauft wurde, sondern wir sehen Klein Orsa und Klein Mosha, Klein Mina, Klein Spyros, Klein Nikos, Klein Ämilios, Klein Savas und auch den geliebten und schließlich unerwünschten „Klein-England“-Englisch-Lehrer. Vom Kleinsten bis zum Großen … jeder spielt seinen gewichtigen Part in diesem Drama, bei dem man Schwierigkeiten hat, für sich zu entscheiden, zwischen wem das Drama im Grunde sich entspinnt, wer letztendlich die Verantwortung dafür hat oder was das eigentliche Problem ist. Ist es die Seefahrt oder ist es der Krieg? Sind es die Amerikaner, die das Ausfahren der Schiffe verboten haben, oder sind es die, die Torpedos abschießen? Sind es die Frauen oder sind es die Männer? Sind es die Lieder oder die Texte? Ist es die Mutter oder der Vater? Ist es Spyros oder ist es Orsa? Sind es die Briefe oder ist es das Schweigen? Sind es die Regeln oder sind es die Ausnahmen? Ist es die Schwester, die eine oder die andere? Ist es Süd oder Nord? Ost oder West?

In „KLEIN ENGLAND“ lässt Pantelis Voulgaris es so sein: Die eine Schwester beneidet die andere, die eine vertraut sich der anderen an, die eine schwärmt der anderen vor, die eine entsetzt die andere, die eine hasst die andere, die eine entfernt sich der anderen, die eine Schwester kommt zur anderen. „Was hätten wir getan, wenn …“, fragt Mosha und hält Orsa im Arm. Dann ist Mai, Mosha öffnet das Fenster, Blumen über Blumen, Licht, im Schatten des Zimmers fällt der einst vom Meereswasser angefressene Löffel aus Orsas Hand, und endlich ist ihre Seele frei. Zum Schluss das Meer.

Das Meer und immer wieder das Meer. In vielen griechischen Filmen. In vielen europäischen Filmen. Es schlägt an die Ufer vieler Länder. Ganz Europa ist nichts als eine Pirateninsel, umschlossen von Meeren. „KLEIN ENGLAND“ erzählt davon. Dieser Film – nichts anderes als ein „kleines Beispiel“ für die Übersetzung eines Schicksals in ein anderes. Er spiegelt Europas Schicksal während des Zweiten Weltkriegs und danach. Er spiegelt das Schicksal, das sich zwischen Mosha und Orsa gestellt hatte. Mag es Spyros heißen, mag es Mina, Nikos, Ämilios heißen oder „Andros – Klein England“. Es ist nicht das Wasser, es ist nicht das Land. Es ist das verdammte Wort zu viel oder zu wenig, das Übersetzer erspüren müssen. Das verdammte Wort des Wollens zu viel, das verdammte Wort des Könnens zu wenig.

HELLAS FILMBOX BERLIN ist einer dieser Anfänge von Weiter-Europa, der Ort für KLEIN ENGLAND wie für KLEIN EUROPA, KLEIN WELTCHEN. Eine Insel, wie es viele gibt. Eine jede könnte besucht und von jeder ausgegangen werden, um nach Europa zu kommen. Das Kino führt es vor. Über vielen Kinotüren steht EXIT und trotzdem kann man bleiben … beim Film.

Die Organisation des 1. HELLAS FILMBOX BERLIN Festivals beruhte nicht vor allem auf einer ausgezeichneten Kenntnis von Film und organisatorisch hochprofessionell aufgebauten Strukturen. Das eher weniger. HELLAS FILMBOX BERLIN beruhte auf „Übersetzungs“-Arbeit für Sprachen von Filmen, Ländern, Dichtern, Programmierungen, Bildern, Emotionen. Einmal ist das gelungen. Wie man weiß, oft gelingt das nicht. „KLEIN ENGLAND“ lief als Eröffnungsfilm dieses Festivals. Ein ausgezeichnet guter Anfang, Europas Weiterweg vor Augen zu haben in diesen kurzen Augenblicken: Orsa, die ihre Tür für Mosha öffnet; Mosha, am Fenster im Licht, die ihren Blick für Orsa öffnet und sich umschaut nach ihr, die im Halbschatten blieb. Kino ist eine europäische Schule des Sehens und Verstehens: Man hat genügend Abstand zum Geschehen und zugleich ist man mittendrin.

Besser diese Cine-Vision als gar keine. Zumal vor der Einführung des Euro die gesamteuropäische Einführung kostenloser Kinokarten hätte stattgefunden haben können, den Menschen eines jeden europäischen Landes jederzeit den Besuch von Filmen aus anderen europäischen Ländern ermöglichend. Es wär auf den Versuch angekommen. Etwas anderes als ein Versuch war der Euro ja auch nicht. Der Versuch mit den gesamteuropäischen kostenlosen Kinokarten wäre im Hinblick auf den europäischen Einigungsprozess allerdings wohl erfolgreicher gewesen. Und viele Übersetzer hätten in ganz Europa mit ihren Vermittlungstalenten Wunder wirken können. Kino- statt Molotow-Cocktails! Freien Eintritt in’s Europäische Kino und Lyriker an die Verteilerkästen! Jetzt!

 

30.06.2016

 

Örtliche Schauer und Baader im Anzug

Ende Juni wird’s oft ungemütlich. Hitze und Starkregen oder Kälte und Starkregen. Auf dem Lande versucht man vielleicht heute noch mancherorts, den „Bilmesschnitter“- Korndämon zu bannen, damit er die Halme nicht umlegt. Vielleicht müsste auch an den Regendämon gedacht werden, damit er die Menschen nicht umlegt. Im Bitteren Felde fallen sie leicht.
1990, etwa fünf Uhr in der Frühe, bei zu dieser Zeit im Juni bereits recht hellem Tageslicht, lief der Dichter, Performer und Kleidungskünstler Matthias Baader Holst in Berlin Ecke Oranienburger Straße / Friedrichstraße in eine Straßenbahn und verstarb am 30. Juni an den Folgen dieses Unfalls. Bis dahin Koma. So die – hier und da leicht voneinander abweichenden – Auskünfte.
Der 30. Juni 1990 war der Tag der Währungsunion. Heute, noch keine 25 Jahre danach, ereignete sich der Brexit. Damals ein „Rein!“, jetzt ein „Raus!“ Dass die Wählerstimmen sich schließlich in der Waagschale summierten, die das Gewicht des Pro-Brexit schwerer werden ließen, ihm den Zugewinn und das Mehr brachten, passierte möglicherweise zur selben Stunde, nachts, zwischen vier und fünf Uhr, die für Baader Holst 24 Jahre zuvor eine schwarze Stunde geworden war. Die Farbe des heutigen Freitags wird hier und da ebenfalls so gesehen; ein Schwarzer Freitag sei es. Und die Atmosphäre fühlt sich nach Kurz-Vor-Dem-Weltenende an.
Vorsichtshalber könnte man einen Baum pflanzen. Kommt das Weltenende nicht, kann der Baum trotzdem stehenbleiben, falls es mit ihm dann was geworden ist, er wurzeln konnte und zu wachsen beginnen. Welchen Baum hätte man für Baader ausgesucht? Eine Pappel, schnell austreibend, Wurzelbrut bildend, hoch aufschießend, eine wankende Plastik mit immer regen Blättern. Nimmt Baaders Tod einen auf merkliche Weise mit, dann vielleicht auch, weil dieser Tod ein früher war.
Es wäre womöglich schade, aus welchen Gründen auch immer zu spät zu sein, am 7. Oktober 2017 handlungs-, aktionsunfähig, nicht reagieren könnend mit Text, Inszenierung, bewusstem Schweigen oder andersartig auf die von Baader in die Welt gesetzte Bitterfelder Inspiration. In „boheme und diktatur in der ddr“ ist seine Aktion beschrieben:
„In einer Szene steht BAADER grinsend vor einem Denkmal in Bitterfeld. Erbaut von einem übereifrigen Deutsch-Lehrer, irgendwann in den 60er Jahren, der seinen Schüler aufgibt, „Briefe an die Jugend des Jahres 2017“ zu schreiben, die er dann in einer Kassette in die Betonmauer einläßt. „Erst zu öffnen im Jahr 2017, dem 100. Jahrestag der Oktoberrevolution“, verheißt eine kupfergetriebene Plakette. Ein riskantes Verfallsdatum, das Holst zu einer Performance inspiriert. In der Messingschale des Denkmals entzündet er ein kleines Feuer. Mit großen Gesten deklamiert der Untergrund-Poet im Flammenschein seine Verse. Entrückt, einsam, einzig. Ein dadaistischer Olympionik, ein hakenschlagendes Opferlamm.“ *1
Das Bittere Feld. Der Bitterfelder Kornmann geht durch und bricht eine Schneise. Irrlicht oder Aufhocker. Lautes Getrappel, ein Hoch und Runter in Treppenhäusern, auf Fensterbrettern, in Rinnen, das Hin und Her auf Pflaster und Asphalt. Die Zeiteinheiten hetzen sich zu Tode fast in ihrem Bemühen, schnell genug zu sein, dem Weltenende zuvor zu kommen, den 7. Oktober 2017 schon vor dem 7. Oktober 2016 zu erreichen, den Punkt auf dem Zeitstrahl vorzuziehen, an dem die Kassette mit den „Briefen an die Jugend des Jahres 2017“ geöffnet werden muss. Ein Raum solle sich auftun, eine Kapsel, eine Offenbarung sich vollziehen, einen Tick früher, noch ehe dieses Gebilde etwas später der Wetterdämon, der Korndämon, der JederzeitdasEndebringendeDämon packen, entreißen, der Welt entfremden könnte. Im März wird die Uhr vorgestellt. Im Oktober zurück. Aber immer nur eine Stunde. Da ist man keinen Schritt vorangekommen. Das wird vielleicht nicht genügen. Was soll die Oktoberrevolution an ihrem 100. Jahrestag von uns denken?
Heute Abend find ich mich in der Friedrichstraße. Heute Abend werd ich mit der Bahn gefahren sein. Tödliche Kreuzwege wechseln wie Wetter ihren Ort. Sie verschmähen den einen und den andern, den holen sie fort. Nach dort. Und von dort herüber spricht die Zeit ein nicht berechenbares Wort. Lass regnen, Baader, lass unwettern, lass uns Zuflucht suchen müssen und brettern, die Papiere am Körper, durchgeweicht, unleserlich, nur zu deuten, stets bereit, es nicht genau wissen zu können oder überhaupt nicht. Wem nichts zustoßen will, der kann sich immer noch kranklachen.
Wohin legen sich wohl die Ähren, die Fahnen … Das steht nicht vorn an den Straßenbahnen.

*1 „boheme und diktatur in der ddr“, Katalog zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums vom 4. September bis 16. Dezember 1997, Verlag Fannei & Walz Berlin; Fallbeil statt Beifall Brachialromantische Revolte gegen das „Sinnregime“: „Matthias“ BAADER Holst als radikaler Punkdichter und dadaistischer Terrorist, S. 259 bis 268

Die ganz andere Aufteilung der Welt

Das Paradies auf Erden können wir jetzt schon haben. Nicht nur eines, sondern mehrere. Viele. Für jeden das ihm genehme, entsprechende.
Die vielen Einzelabstimmungen über Jahre und Jahrzehnte hinweg über dies und das und jenes sind unnütze Zeitverschwendung und das damit verbundene Leiden des Menschen an verschiedensten Unzulänglichkeiten und Zumutungen dauert unnötig lange an. Zum Glück auf Erden könnte man schon alsbald gelangen.
Warum erst Brexit ja oder nein, Kindergeld ja oder nein, Raucherlokale ja oder nein, Hundedies und -das ja oder nein, Atomkraft ja oder nein, Fracking ja oder nein, Plastiktüten ja oder nein, Grundgehalt, Kopftuch, Handschlag, Grexit, Ochi, Buchpreisbindung, Integration, Hinterhof- und Baumscheibenbegrünung, TTIP, Sterbehilfe, Schulsystem, Wasserprivatisierung, Schürfrechte, Bezahlklos in der Schule, Bauchfreiheit, Friedhofbebauung, Krawattenzwang usw. usf.?
All diese Abstimmungen sind möglicherweise ohnehin Kokolores. Gestern las ich in einem Beitrag: “Am vergangenen Freitag haben 51 von 59 Leitern der Stadtteilschulen das Hamburger Schulsystem mit seinen zwei Säulen Gymnasium und Stadtteilschule für gescheitert erklärt.“
Jetzt urteilen schon Leitern über Schulfragen! Ich erinnere mich, dass es vor Jahrzehnten in Griechenland bei einer Wahl hieß, dass selbst Tote zur Abstimmung gegangen seien. 2013 war das über Simbabwe zu lesen. Unmögliche Zustände!
Einmal sagte mir jemand: “Durch Dicke fühle ich mich bedrängt.” Diese unerträgliche Qual! Dieses Leid! Dieses ewige Unerlöstsein! Wie traurig!! Nichts konnte dem bisher abhelfen. Was immer schon alles in der Welt geschrieben, gelesen, vorgelesen, aufgeklärt und analysiert wurde, wie viel Schulunterricht, Workshops, Seminare es auch immer schon gab – weiterhin gibt es Menschen, für die es unvorstellbar ist, mit bestimmten anderen Menschen zusammen zu leben, neben ihnen in Verkehrsmitteln zu sitzen oder im Restaurant an einem Tisch, beim Arzt im Wartezimmer oder im selben Hotel ein Zimmer zu bewohnen. Oder Menschen, die – könnten sie wählen – niemals mit einem dickeren Erdenbürger zusammen gesehen werden wollen. Oder mit einem Einarmigen. Oder mit einem Mandeläugigen. Oder mit einem Weißhaarigen. Oder mit einem Pelzmantel- oder Jesuslatschen-Träger. Oder mit einem Kariertbehemdeten oder Langnasigen oder Androgynen, Ungeschminkten, Geschminkten, neben einem Politiker oder Weltmeister oder neben einem Außerirdischen. Nein, nicht neben dem!
In Brüssel soll angeblich eine Maßnahme ergriffen worden sein, die meiner Meinung nach nicht weit genug geht: Bei der Passkontrolle am Flughafen gäbe es zwei Reihen. Nur! In der einen sollen sich diejenigen anstellen, die hellhäutig sind, in der anderen diejenigen, die einen dunkleren Teint haben. Ich kann das kaum glauben. Viel zu kompliziert! Es ist doch sehr schwierig, sich selbst einzuordnen. Wann ist man hell, welche Hauttonabstufungen gehören zu: HELL, wann gehört man zu DUNKEL? Um einschätzen zu können, ob das Handgepäck genügend klein ist, um als Handgepäck kostenlos mitgenommen werden zu dürfen, gibt es ein Gestell am Flughafen, da kann man das Handgepäck reinstecken und sehen, ob es zu groß ist oder eben nicht. Eindeutige Sache. Prima. Desgleichen gibt es die schon halbwegs gute Erfindung des Stichtags. Diejenigen, die bis dann und dann geboren sind, zählen zu denen, die bereits eingeschult werden können, die einen Tag später geboren wurden, müssen eben noch warten, wenn ich nicht irre. Ob das an allen Schulen oder generell noch strikt gilt, weiß ich nicht. Falls es ein flexibleres System gibt, mag das auch gut sein. Ob in Brüssel am Flughafen – vorausgesetzt, das stimmt überhaupt mit den zwei Reihen – ein Hauttonabgleichmustertableau vorhanden ist, nachdem man feststellen kann, ob man hell genug oder dunkel genug für die eine oder andere Reihe ist?
Diese Entscheidungssysteme sind im Ansatz gut, aber es resultieren Probleme daraus, erhebliche. Zwei-Klassen-Systeme zum Beispiel. Langweilig. Sie bringen viel Unglück. Im Grunde leiden die Menschen daran, dass sie eingeordnet werden. Das löst Zorn aus, Proteste, Hass, unnötige Unruhen, Gefühle von Bedrohung und anderes mehr, das vielen Menschen keine Freude bereitet. Sie entwickeln Aversionen. Auch gegen die Systeme. Und dann muss man umständlich gewaltsam gegen sie vorgehen, um sie zur Ruhe zu bringen. Das ist viel zu mühselig. Mir persönlich hat es nie gefallen, wenn mir gesagt wurde: du bist so und so und darfst hier nicht rein, gehörst hier nicht her, musst da oder dorthin, bist das und das. Ich würde die Zuordnungsentscheidung gern selbst treffen. Ich hätte gern die Wahl und davon reichlich.
In Spiegel online gibt es heute einen Beitrag, durch den es ermöglicht werden könnte, dass Menschen nicht nur eine Entscheidung darüber treffen, ob sie für oder den Brexit sind, sondern sie finden dort Antworten auf Fragen vorgegeben, gleich 10 Stück, und so gar Begründungen und Überlegungen dazu, warum man diese oder jene Antwort geben wollen würde oder diesen oder jenen Gedanken äußern. Die Idee ist sehr gut. Aber das Angebot recht mager. Spiegel Online hält die Menschheit zu knapp im Hinblick auf die Versorgung mit Meinungsbildungsvorlagen. Ein Beispiel mehr. Ich erkenne den guten Vorsatz, die eifrige Bemühung, aber in der Ausführung der Idee …, da hapert es noch gewaltig. Könnte ich jetzt wählen, würde ich sagen: Nie wieder Spiegel Online!, und ich könnte meine Meinung sogar noch einmal ändern. Eine andere Wahl treffen. Beliebig oft.
Für jeden könne keine Extrawurst gebraten werden, heißt es. Aber das wäre – im übertragenen Sinne – womöglich die Lösung!
Man soll die Menschen nicht scannen, verorten, lokalisieren, vermessen, abwiegen, aushorchen, sie einordnen und ihnen dieses und jenes zuweisen, sondern man soll die Menschen nach Herzenslust wählen lassen! Nicht nur, wie sie leben wollen, sondern vor allem: mit wem.
Für den Brüsseler Flughafen schlage ich deshalb vor: eine Reihe für hellhäutige, eine für dunkelhäutige Menschen und eine gemischte, wo sich alle anstellen können, die in dieser am liebsten stehen würden. Ich wüsste tatsächlich gern, wie die Wahl ausfallen würde! Es kann ja nicht weiter schwierig sein, dieses Hautton-Passkontroll-System-Modell in Brüssel zu realisieren. Schokoladen mit unterschiedlich starkem Kakaogehalt gibt es ja auch: weiße, sehr dunkle, hellere, dunklere. Gegenüber Schokoladentafeln sind Menschen sogar weitestgehend begünstigt, denn Menschen können sich die Schokolade wählen, die ihnen zusagt. Schokoladentafeln müssen sich so machen lassen und einordnen lassen und verpacken und bezeichnen lassen, wie der Mensch es will. Die Menschen haben ein riesiges Glück, dass sie nicht von Schokoladentafeln, Stehleitern, Trittleitern, ausziehbaren Leitern, Bibliotheksleitern, Halbleitern, Schornsteinfegerleitern, Hühnerleitern, Feuerleitern, Strickleitern befehligt und dirgiert werden, würde ich meinen. Aber wer weiß, vielleicht ist das längst der Fall und mir ist es nur nicht bewusst geworden.
Gut gefällt mir Nikos Engonopoulos’ Gedicht “Das Alphabet der Blüten”. Jeder Vers eine Frage und eine Entscheidung. Das oder das? Das. Da kann man das Entscheiden schon mal üben. Engonopoulos dachte weit voraus. Im wirklichen Leben ginge es dann so vor sich, dass zuerst grob entschieden wird, dann feiner.
Menschen entscheiden gern. Angeblich sind sie lieber gegen etwas als für. Macht nichts. Wenn man weiß, was man nicht will, wird sich über kurz oder lang schon herausstellen, was dem, was man will, näher kommt. Es kann dann immer detaillierter betrachtet und entschieden werden. Kein Problem. Wenn es dem Weltfrieden, dem friedensstiftenden Getrennt-Voneinander-Sein des Menschen dient, ist es gut, denn die Menschen werden überglücklicher sein. Dünne brauchen nicht gezwungenermaßen zusammen zu sein mit Dicken. Leicht Übergewichtige nicht mit stark Übergewichtigen. Menschen ohne Sommersprossen nicht mit Sommersprossigen und nicht mit Sprossenwänden. Menschen mit wenigen Haaren nicht mit Wuschelköpfen, Kraushaarige nicht mit Glatthaarigen, Schwimmer nicht mit Nichtschwimmern, Hundeliebhaber nicht mit Hundehassern, Menschen mit Bluthochdruck nicht mit Papageienzüchtern, Bienenzüchter nicht mit Christen, Geologen nicht mit Hooligans, Nazis nicht mit Legastenikern, Sehende nicht mit Nichtschwimmern und und und … Welche Vielfalt in der Ausschließlichkeit!!! Aber damit nicht genug. Für diejenigen, die dünn sind und das Zusammensein mit Dicken glücklich machen würde, mit Sommersprossigen, Krebskranken, Schmetterlingsforschern, Hyperaktiven usw., für all diejenigen wird es Misch-Sektoren geben, für die sie sich entscheiden können. Für jede erdenkliche Spielart des für Menschen erträglichen Zusammenlebens einen Sektor! Und – als Sondergeschenk an die Menschheit: Jeder kann seine Entscheidung ändern und jederzeit in einen anderen Sektor wechseln.
Also: Machen wir’s kurz und nehmen die Aufteilung der Welt in Sektoren vor! Um dann zügig zum Entscheidungsprozess überzugehen. Es wird eine Weile dauern, bis alle Vorlieben und Abneigungen erfasst und aufgelistet sind. Falls ich dafür zuständig sein sollte, wird es noch ein wenig längern dauern, denn ich gebe mir immer große Mühe, möglichst alles zu beachten. Aber womöglich ist das gut und auch ein Aspekt der Menschheitsrettung, die doch noch glücken könnte. Wenn jegliches Bedürfnis des Menschen bekannt ist, erfolgt die Sektorenanlage auf den Kontinenten. Ich würde nicht darüber nachdenken, ob man statt der Erde lieber den Mond einteilen sollte oder den Mars, sondern ich würde gleich mit dem Planeten Erde anfangen. Auf dem Mars werden sich die meisten Probleme ohnehin nur fortsetzen. Das “Wie und wo der Mensch leben möchte” ist zumeist zweitrangig. Jemand, der nicht mit Diabetikern oder Schneckenexperten zusammensein will, wird froh sein, ihnen entkommen zu können, und sei es, dass er dafür in einen Sektor in Äquatornähe oder auf Grönland zieht. Wenn es ihm da nicht behagt, kann er ja in einen anderen Sektor wechseln, unter einer Bedingung: Dann auf Erden kein Gemaule mehr über Diabetiker, wenn notwendigerweise in Ausweichsektoren auch ein paar von denen registriert sind! Ist das gänzlich inakzeptabel, bliebe dann doch der Mars als absolute Ausweichmöglichkeit. Wer seine Aversionen gegen Dicke nicht loswird, hat – falls sich kein zusätzlicher Dicken-Ausweichsektor auf Erden finden sollte – irgendwann die Möglichkeit, nach hinter dem Pluto zu wechseln, denke ich mir. Es gibt noch reichlich Raum im All. Der Allmächtige hat Vorsorge getroffen. Sektoren, die in der Sahelzone liegen, könnten zudem akklimatisiert werden. Wie das bezahlt werden soll? Ganz einfach mit dem Geld, das andernfalls in Rüstung fehlinvestiert würde. Dieses Geschieße auf Erden, Entlauben, Begasen, Bombardieren, Veröden führt ohnehin nur in die Irre. Oder man stellt einfach Massen von Geld her. Es ist kinderleicht. Man braucht einfach Papier oder ein Material anderer Art und irgendwas, das darauf eine Zahl oder Zeichen abbildet. Man kann das auch virtuell machen. Dann muss man z.B. das Geld-Papier nicht mal mehr in die Hand nehmen. Das mit dem Geld ist eines der geringsten Probleme. Es geht auch mit Muscheln, Murmeln, Knochen, Steinchen, Kastanien und Eicheln, Knöpfen, Bohnen. Vorerst ist es schwieriger, für alle, die um nichts in der Welt einen passenden Sektor auf Erden finden können, weil es mit der künstlichen Akklimatisierung noch nicht so weit ist, eine Lösung herbeizuzaubern.
Ich persönlich bin derzeit mit Planet Lyrik bestens bedient. Ein Mensch weniger, der Entscheidungsschwierigkeiten hat. Ab und zu kommt der Kleine Prinz vorbei. Wir nähern uns dem Ziel: Glückliches All. Würde man in Brüssel den Quatsch mit der Hellhäutigen- und Dunkelhäutigen-Passkontroll-Anstellreihe sein lassen oder erst gar nicht damit anfangen, dann ginge es noch viel schneller, dass der Mensch endlich erlöst würde davon, falsch eingeordnet zu werden. Es läuft ohnehin wieder nur darauf hinaus, dass man irgendwann feststellt, dass niemand überhaupt die Idee hatte oder daran mitgewirkt hat, so eine Idee zu realisieren. Teilt uns nicht ein, Verdammte dieser Erde, sondern lasst einen jeden sich aufteilen!

© Ina Kutulas, am Tag der Brexit-Abstimmung

Schuldiger Erdbeermond am Weltflüchtlingstag

Der für den 24. Juni anstehende Johannistag folgt auf die Sommersonnenwende am 21. Juni. Zwischen Sommersonnenwende und Johanni mit Johannesfeuern, Sonnenfeuern wird Europa die Entscheidung über Brexit ja oder Brexit nein wohl mehr beschäftigen. Wende ja oder nein. Den einzelnen Europäer interessiert vielleicht in diesen Tagen, ob es regnet oder nicht, ob die Schafskälte endlich vorbei ist, Glühwürmchen fliegen, auch Johannisbeeren auf dem Markt sind, ob beim Fußball ein Tor fällt oder nicht, ob man den Erdbeermond, Junimond nicht verpasst, ob man zuhause sein muss oder nicht, besser geblieben wäre oder nicht, ob man richtig angezogen ist oder falsch, ob bei Gewitter ins Wasser gegangen wird oder auf gar keinen Fall und was man bei Gewitter macht in einem Boot. Was kauft man sich jetzt für die Überfahrt und den Weltuntergang? Das Projekt Wohnung, Location, Zuhause hängt in der Luft, Bilder noch an Nägeln, Leben am seidenen Faden. Was könnte man noch gebrauchen? Wo ist was schief gewickelt und noch gerade zu rücken? Wer hat gerufen? The answer my friend …
Viele Schuldhaber machen sich einfach ständig schuldig. Zwar gab es schon immer welche – Nachbarn, Verwandte, Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln und Gebäuden z.B., Immobilienbesitzer, Lehrer –, aber 2010 wurden es ruckartig mehr. Seitdem kein Ende abzusehen. „Wo endet das?“, fragte deshalb gestern jemand. Man könnte erstmal sagen: Im Niemandsland, damit überhaupt eine Antwort da ist. Wie wenn man dem Hund was hinschmeißen muss, damit er reflexartig zunächst danach schnappt.

Vor Kurzem noch konnte man in Deutschland täglich erfahren, dass Griechenland und speziell die Griechen die ganze Euro-Zone in Gefahr brächten. Schulden haben und schuld sind. Pools bauen bis zum Abwinken, und der deutsche Steuerzahler soll dafür blechen. Bis zum Juli 2015 wurde das kaum relativiert. Politik und Medien rechneten und erzählten es immer wieder vor, wie unberechenbar, unverschämt, gefährlich die Griechen Nichtgriechen werden können. Ein Mann sagte am Potsdamer Platz in eine Kamera, man müsse den Griechen die Pistole auf die Brust setzen. Und kurz darauf verkündete der Politiker Thomas Strobl: „Der Grieche hat jetzt lang genug genervt.“ Als wäre ein Knopf nicht mehr gedrückt worden, reduzierten sich von da an die Schlagzeilen zu Griechenland massiv oder waren ganz und gar verschwunden. Oder wurden ersetzt durch Schlagzeilen zu den so genannten Flüchtlingen.
Während das Wort „Griechen“ eher an „kriechen“ und „Kriechtiere“ erinnert, kann einem beim Wort „Flüchtling“ eher „Schmetterling“ in den Sinn kommen. Und „Flüchtiges“. Gedanken sind flüchtig, Gesten, Gase, Geruch, Pferde sind Flüchter und werden gezüchtet. Schnell verfliegt etwas und löst sich auf. In Wolken oder Schwärmen zieht es davon. Schwerelos. Ganz leicht und lautlos. Eine Weile ist es da, dann nicht mehr. Es muss vielleicht nur gelüftet werden. Möglicherweise helfen Fön oder Heizlüfter oder ein Gebläse. Pegasus hat Flügel. Der schafft es von allein. Von Griechenland hört man kaum noch was, von Griechen eigentlich auch nicht. Wahrscheinlich haben die sich erledigt. Einen Augenblick war es fast ruhig geworden. In Berlin ließ Innensenator Henkel ein Camp am Oranienplatz räumen. Asyl wurde gefordert. Irgendwas wird immer gewollt, ausgelöst, verschuldet. Dafür braucht es eine Lösung oder Verflüchtigung.
Inzwischen werden in Europa viele einzelne Schuldhaber gefunden von sich dazu berufen fühlenden Schuldigensuchern, die Schuldhaber abstrafen, weil der Staat versage, die Regierung. Einer muss es ja tun. In den Medien ist nun täglich davon zu erfahren, dass Hass zu Worten, Worte zu Hass, Hass zu Gewalttaten führen. 2016 ist das plötzlich ganz offensichtlich.
Es bedurfte nicht erst einer energetischen Wirkung der Sommersonnenwende und des vorausgehenden Erdbeermondes, einbezüglich des Leuchtens riesiger Zahlen von Glühwürmchen, um zu dieser Erkenntnis zu kommen, sondern die Erkenntnis setzte auch bei vielen Journalisten, bei Regierenden und Schlichtwegmenschen schon etwas früher ein. Allerdings noch nicht 2010 oder 2011, 2012, 2013, 2014. Da waren Worte noch Worte oder auch einfach nur Wörter. „Gefahr“, „Pleite“, „Betrüger“, „Niedergang“, „Sauvolk“, „Mentalität“. Ohne weiteres ließen sich diese Wörter immer und immer wiederholen. Als seien Wörter hauptsächlich dazu da. Vermutlich gewannen sie mit der Zeit Gewichtigkeit, reiften, gewannen Gewicht, Schwere, nicht nur auf Zungen, sondern auch als Lasten, die immer größer wurden, erdrückender. Wann würde man sich endlich davon befreien können?
Schon bald hatte man nicht mehr nur eine Krise oder zwei, drei, sondern mehr. Da durfte man schon nach Verursachern fragen. Nach Schuldigen. Denn es gilt den Schuldhaber zu finden. Ist das gelungen, wird alles wieder gut. Das weiß man, seit erkannt worden war, dass es auch mal an Iphigenie lag. Sie war schuld. Dass der Wind nicht wehte. Die Widrigkeiten sich nicht auflösten, verflüchtigten. Die Schiffe nicht ausfahren konnten. Schuld – das ist eine zweckmäßige Sache. Damit lässt sich was anfangen. Hat man erst herausgefunden, dass welche da ist, muss nur noch gewusst werden, wo sie sich anhäuft oder von wem sie angehäuft wird. Dann kann man sie dingfest machen und aus der Welt schaffen.
Und wer stellt professionell Fragen danach und findet die Antworten? Journalisten. Medien kommen ihrer Informationspflicht nach, ganz einfach. Wer sonst? Journalisten und Berichterstatter sind dazu da. Das ist deren Beruf. Die werden dafür bezahlt. Andere müssen mit anderer Arbeit ihr Geld verdienen. Die haben keine Zeit zu recherchieren, Artikel zu schreiben und Fernsehbeiträge zu machen für die Gesamtbevölkerung. Wann sollten ein Straßenbahnfahrer oder ein Elektriker, Bäcker, ein Galerist oder eine Kitaerzieherin, eine Arzt, ein Geologe, ein Erdbeermond-Erforscher, ein Zootierpfleger, ein Professor für Astrophysik, ein Versicherungsfachmann das schaffen? Sie haben bereits genug damit zu tun, Artikel zu lesen und sich über das Fernsehen zu informieren, wenn ihnen die Zeit dafür reicht.
Also: Journalisten, an die Arbeit! Berichte werden gebraucht. Aufklärung. Details. Informationen. „Wie konnte es dazu kommen?“ Der „Focus“ hatte Antworten, hatte eine Aphrodite mit Stinkefinger auf die Titelseite der Ausgabe vom 22. Februar 2010 geklatscht, eine entsprechende Schlagzeile dazu („Betrüger in der Euro-Familie – Bringt uns GRIECHENLAND um unser Geld – und was ist mit Spanien, Portugal, Italien?“) und drei passende Artikel ins Heft: „2000 Jahre Niedergang“, „Gefährlich für die Weltwirtschaft“, „Die Griechenland-Pleite“. Verallgemeinerungen und Stigmatisierungen im Hinblick auf Griechenland und die Griechen folgten daraufhin Tag für Tag. An wie vielen Fingern waren die Stimmen abzuzählen, die in den Medien sich bemerkbar gemacht und Einhalt gefordert hätten? An den so genannten Stammtischen, querbeet durch alle Bevölkerungsschichten? In Regierungskreisen?

Fünf Jahre später. Im Juli 2015 stand auf dem „Focus“-Titel: „KEINEN CENT MEHR! – Wie Griechenland sich selbst, Europa und die Welt in Gefahr bringt“. Inzwischen stöhnte Deutschland unter den Griechen, den Lasten, allen Belastungen und Unwägbarkeiten und dem Wissen darüber, dass diese Qual offenbar kein Ende nehmen würde, weil die Verschuldung Griechenlands kein Ende zu nehmen versprach, sondern eher noch größer zu werden drohte und somit auch diese Schuld, Europa das eingebrockt zu haben. Die da, ganz unten an diesem Europa dran, so weit seitlich unten, dass man sich fragen konnte, ob die überhaupt zu Europa gehören. Man konnte es auch so sehen: Nein, die gehören nicht dazu, die können eigentlich weg. Grexit. Wär nicht so schlimm. Brexit ist schlimmer. Vielleicht weil das Wort mit „B“ statt mit „G“ beginnt. Manchmal ist das so in der Welt der Worte und des Lautwertes von Buchstaben.
Michael Klonovsky, der Verfasser des „Focus“-Beitrags „2000 Jahre Niedergang“ (2010) ist nicht mehr beim „Focus“, sondern seit Kurzem – wie er sich selbst bezeichnete – Spin Doctor, publizistischer Berater von Frauke Petry (AfD-Chefin). Und er tat kund: „Anders als ich in meiner Philippika behauptet habe, sind die Griechen nämlich das seriöseste, kulturell, wirtschaftlich und kulinarisch fortgeschrittenste Volk Europas, und fast alle Hellenen stammen in direkter Linie von Solon oder Perikles ab.“ Man höre und staune. Michael Klonovsky kann noch ganz anders. 2010 war er jung und hatte womöglich das Geld nötig. Dazu gesellte sich Erfahrung. Auch ein Einzelner kann was ausrichten.
Das erfährt man jetzt immer öfter. Worte können Waffen werden … Es brauchte seit 2010 bis zu dieser Erkenntnis, die nun da ist, nachdem die Worte bereits Waffen geworden waren, niedergestochen, geschossen und geprügelt wird, ins Gesicht gespuckt, Hand angelegt. „Wie konnte es soweit kommen?“, das findet man kaum noch formuliert, denn wer kann und will sich jetzt bei dieser Frage aufhalten, wo die Zeit drängt, wo jeden Moment die letzte Stunde geschlagen haben könnte, wo bereits klar ist, dass es soweit ist und längst über den Punkt hinaus, das überhaupt erstmal feststellen zu können. Auch mit dem „Wo endet das?“ ist sich schlecht zu beschäftigen, da kaum eine Antwort gefunden werden kann auf das „Wozu muss man das wissen?“. Im Niemandsland unter dem Erdbeermond hilft einem das kein Stück weiter.
Inzwischen sind Erklärungen da, ist gelernt worden – nicht nur von Michael Klonovsky, sondern hunderttausendfach: Gefahr kommt. Von außen. Sie reichert sich an, sättigt die Luft, die hier geatmet wird, verleibt sich Menschen hier ein. Und kommt alsbald von innen. Das merkt man dann, das wird irgendwann mal deutlich spürbar. Journalisten allerdings sind etwas schneller, vorinformiert, so dass sie die Menschen vorbereiten und einstimmen können, damit die sich nicht wundern, durcheinanderkommen und nachher gar nicht mehr wissen, wo es langgeht. Man könnte sagen: Von Journalisten lernen, heißt Siegen lernen, den kürzesten Weg einschlagen, wenn die Zeit drängt und Luft und Land knapp werden, womöglich.
Seit etwa einem Jahr sind die Flüchtlinge Schuldhaber, meist, und nach wie vor die Griechen, aber auch Politiker, die Medien, Hooligans, Gläubige, Paranoide, Parteien, die Reichen und die Armen, die Mittelschicht, die Über- und die Untergewichtigen, die Geborenen und die Ungeborenen, Sterbliche, Unsterbliche.
Schon allein die Flüchtlinge würden genügen, um viele Schuldhaber zu haben, die gefunden werden können. Momentan bieten sie sich etwas mehr an als die Griechen. Sie fallen stärker auf. Sie bleiben nicht einfach in ihren Ländern und verrecken da, sondern sie tragen ihre Gesichter hierher und schauen Menschen an aus ihren Augen. Das ist der Böse Blick. Viele viele Male der Böse Blick. Es heißt z.B.: „Die EU-Grenzschutzagentur Frontex rechnet in diesem Jahr mit 300.000 Flüchtlingen.“ 65 Millionen Flüchtlinge gebe es auf Erden insgesamt. Auch ist zu erfahren: „Deutschland verzeichnete bereits Anfang Dezember offiziell eine Million Flüchtlinge in diesem Jahr.“ Es könnte einem unheimlich werden. Aber wer nicht aufgehört hat, Gedichte zu lesen, dem wird vielleicht das Herz weit, denn Gedichte wirken Wunder gegen den Bösen Blick und geben ein unbegrenztes Raumgefühl, dem Niemandsland einen Namen, einen Platz.

Die kürzeste Nacht des Jahres naht. Dazu hat’s einen vollen Mond. Erdbeermond, Junimond. Der macht die kürzeste Nacht hell. Boote schaukeln, Boote kentern, Boote sinken, Boote landen.

Heute, am 20. Juni, dem Weltflüchtlingstag, erinnerte ich mich an Konstantinos Kavafis’ Gedicht „Warten auf die Barbaren“. Es beginnt mit:
„Worauf warten wir, versammelt auf dem Marktplatz?
Auf die Barbaren, die heute kommen.“

Und das Gedicht endet so:
„Warum jetzt plötzlich diese Unruhe und Verwirrung?
(Wie ernst diese Gesichter geworden sind.) Warum leeren
Sich die Straßen und Plätze so schnell, und
Warum gehen alle so nachdenklich nach Hause?
Weil die Nacht gekommen ist und die Barbaren doch nicht
Erschienen sind. Einige Leute sind von der Grenze gekommen
Und haben berichtet, es gebe sie nicht mehr, die Barbaren.
Und nun, was sollen wir ohne Barbaren tun?
Diese Menschen waren immerhin eine Lösung.“

Wer Gedichte liest, hat viele Länder.
Wer zu denen gehören möchte, die viele Länder haben, der könnte das ganze Gedicht lesen. Johannes, der Täufer, hat seinen Tag und seine Nacht. Einen Erdbeermond gibt es nur alle 70 Jahre. Gedichte immer. Jeden Menschen nur einmal. Die Erdbeere kam aus Übersee. Sie war immerhin eine Lösung. Sie könnte überhaupt schuld sein.

© Ina Kutulas, 20.6.2016

Das Ultimative Ja zum Alphabet der Blüten

“Ja”, schrieben etliche Medien in Deutschland in den letzten Tagen, heißt: “Nai”. Der von mir sehr verehrte Professor Hans Eideneier würde es möglicherweise so schreiben: “Nä”.
Beides hat, für mein Gefühl, etwas für sich. Im “Nä” steckt davon etwas: Nähe. Im “Nai” steckt der Name “Ina”. Wie schön für mich, man muss die Buchstaben nur verdrehen. Ich muss mich aber nicht festlegen. Beides ist möglich, “Nai” und “Nä”. Weshalb sollte ich auf eines verzichten, wenn mir beides zur Verfügung steht. Das Inaversum kann beides gut gebrauchen. Selbst als Inäversum oder Naiversum.
Am Ostersonntag diesen Jahres saß ich in einem Raum, in dem ein Mensch aus Deutschland und ein Mensch aus Griechenland miteinander ins Gespräch gekommen waren. Zunächst ging es um den Mittelfinger von Jannis Varoufakis und dieses oder jenes, was dieser Finger ausgelöst habe, eigentlich oder im Grunde. Allmählich veränderte sich der Charakter des Gesprächs. Es wurde zunehmend angespannter, es beherrschte den Raum, es war keine andere Unterhaltung mehr möglich. Hin und wieder sagte der Mensch aus Griechenland: “Wir Griechen”, oder er sagte: “Ich bin ja Grieche und …”, oder: “Ich als Grieche”. Und der Mensch aus Deutschland erklärte: “Das ist für mich sehr problematisch, wenn du sagst “Ich als Grieche”, denn damit meinst du jedesmal: Du Deutscher. Ich fühle mich angegriffen.” Der Grieche fragte: “Wie soll ich mich denn nennen? Und wie soll ich mein Land nennen, wenn ich nicht Griechenland sagen soll?”
Es ging eine ganze Weile so hin und her. Es ging darum, sich als Europäer zu empfinden, eigentlich. “Deutscher” oder “Grieche”, “Griechenland” oder “Deutschland”, diese Wörter würden alles nur einschränken und immer einen von beiden in die Position eines Gegners drängen. Der Grieche würde, indem er sagt “ich als Grieche” immer zugleich auch sagen “du Deutscher”.
Es ergab sich daraus, dass man über keines der beiden Länder eigentlich mehr sprechen könne oder solle, sondern über Europa, über Afrika, über Notleidende in Afrika, denen ginge es noch viel schlimmer als den Menschen in Griechenland.
Der ganze Kontinent Afrika und speziell die misshandelten Feministinnen stand gegen Europa. Und das am Ostersonntag. An dem ein Mensch aus Griechenland einem Menschen aus Deutschland das Leben schwermachte, weil er sagte: “Ich als Grieche”.
“Lächerlich”, mischte ich mich schließlich ein, “worauf es hinausläuft: dass einer aus Griechenland nicht mehr sagen soll: Ich – Grieche, oder: Griechenland; sondern – um des Wohlbehagens willen besser: Europäer.” Imaste dio. Das allerdings forderte der Deutsche. Sonst ginge es ihm schlecht. Im wahrsten Sinne des Wortes war die ganze Welt “verrückt”. Es fielen die Worte “ich” und “du”, und ich dachte, dass aber auch das problematisch wird. Wenn “Grieche” und “Deutscher” die Europäer entzweit, dann wird auch jedes “ich” den Gesprächspartner ins “du” verweisen. Und jedes “du” jeden ins “ich”. Oh weh! Auch das würde zu einer fürchterlich tiiiiiiiiefen Kluft zwischen zwei Menschen führen, wenn beide nicht mehr jeder entweder nur noch “du” oder entweder nur noch “ich” sagen, sondern “ich” und “du” und damit unweigerlich eine Unterscheidung vornähmen. Um Himmelswillen: ein “du” und ein “ich”, ein “Grieche” und ein “Deutscher”, ein “Europäer” und ein “Weltbürger”, ein Feminist und ein Androist, ein Hüben und ein Drüben. Mauern Mauern Mauern. Und der Grieche ist schuld, weil er sagt “Ich bin Grieche”. Oder: “Griechenland”. Sich abgrenzt, überhaupt, vom Deutschen, von Europa, von der Welt. Alles habe in der Sprache seinen Kern. Was damit nicht alles angerichtet werden kann. Griechenland sollte man gar nicht mehr so nennen, ein Grieche sich nicht ständig so. Das sei das Problem, in dem überhaupt der Konflikt zwischen den beiden Ländern seine Ursache hat.
Wir sollten also besser nicht sagen: Deutschland, Polen, Japan, Rumänien, Spanien …? Das brächte jeweils alle andern gegen einen auf? Wer “ich” sagt, ist schuld, wer “du” sagt, genauso?
Verflixt und zugenäht, meinte ich. Zum Glück ist es noch nicht so weit, dass jeder, der “Griechenland” sagt, als Übeltäter ins Lager muss, weil er irgendeine deutsche Volksseele beschädigt. Derzeit ist so jemand allerhöchstens die Nervensäge, und dem Präsidenten des Europaparlements drohte mehrfach der Kragen zu platzen wegen solcher Nervensägen. Die vielen kaputten Hemden!!!! Das wird erst teuer!!!
“Lächerlich”, das wiederhole ich. Wenn alle Klugheit, in der ein Studium der Sprache gipfelt, mündet z.B. in die Forderung: “Lass das mal sein mit diesem Griechenland und Grieche, finde doch besser ein anderes Wort, du verursachst Probleme dadurch, einen Konflikt, Entzweiung”, wenn das die Folge eines Studiums der Kraft der Sprache ist, dann war entweder der Dozent ein Alien oder vom Studierenden hat eines Tages ein Geist Besitz ergriffen, für den gilt: “Griechenland? Was soll das sein? Braucht man das? Kann man das essen?”

Von allen Mails, die ich in einem Zeitraum von drei Jahren erhielt, in denen es darum ging, Griechenland zu unterstützen, kam öfter als jede andere Mail mit diesem Anliegen diejenige bei mir an, die zu einem Crowdfunding einlud. Keine Mail, in der es darum gegegangen war, eine Petition zu unterschreiben, einen öffentlichen Protest zu formulieren, zu einer Demo zu gehen, für die Freilassung eines Journalisten zu stimmen … was auch immer …, keine andere Mail war so häufig bei mir eingetroffen wie die, in der zugesagt wurde: würde man einen so oder so großen Eurobetrag einzahlen, damit eine Milliardengesamtsumme erreicht werden könne, dann erhielte man einen Feta-Salat oder eine Flasche Ouzo oder dieses oder jenes, etwas also zum Verschnabulieren, zum Anfassen. Gewiss, die Menschen brauchen zu trinken und zu essen, sonst verhungern sie; dann könnten sie gar keine Unterstützung mehr gewähren. Sonst geht’s ihnen hier in Deutschland auch bald so wie Menschen in Griechenland. Es kam zu Beratungen darüber, ob man diese Crowdfunding-Aktion mit dem Feta-Käse unterstützen solle, die Mail weiterverbreiten.
Ich dachte an die Episode zu DDR-Zeiten in Berlin, als in einer Straßenbahn ein Fahrgast die anderen Fahrgäste anging: “In Afrika sterben die Kinder. Und ihr fahrt Straßenbahn.”
Das Wort “Feta” wird unterschiedlich ausgesprochen. Ich hörte es mit langem “e”, wodurch der Käse zum Feten-Feta wurde. The big party. Oder, sehr selten, mit kurzem “e”, wodurch der Käse fett wurde. Wer will das schon. Machen wir Party oder werden wir fett? Das scheint von großer Bedeutung zu sein. Das gesprochene … nein, genauer: das so oder so ausgesprochene Wort – davon hängt eigentlich alles ab. Wie wir uns fühlen müssen, in welche Position wir gedrängt werden. Wie furchtbar, wenn ein Grieche “Griechenland” sagt, und noch dazu, dass dieses Griechenland seine Heimat ist …! Zuhilf zuhilf! “Du bringst uns ja alle in Gefahr!”, hörte ich den Alien-Geist flüstern, diese Illusion von Heimat – das ist gefäääääährlich. Zuhilf zuhilf, Herr Aliengeist! Die einen sagen “Feeta” und die anderen “Fetta”, die einen “Ne”, die andern “Nä”, die Fünfzehnten womöglich “Näääääääääää”, und ein winziges Stimmchen wird fragen: “Heißt es vielleicht: Nähe?” und ein anderes Stimmchen: “Heißt Nai vielleicht Nee, Nein, Njet, Nada, Nada Brahma oder was?” und ein anderes Stimmchen meldet sich womöglich und ruft: “Wir müssen den Griechen die Pistole auf die Brust setzen: Raus mit der Sprache!”
Es ist wieder Sonntag, ein ganzes Vierteljahr später. Das Inaversum sagt: Ja, Griechin. Ja, Grieche. Ja, Griechenland. Mal sehen, was die Kanzlerin sagt. “Ja” oder “Nein”, Top oder Flop, Sein oder Nichtsein. Von einem einzigen Wort einer einzigen Frau, von der Betonung wahrscheinlich oder davon, welchen Klang das technische Equipment in diesen wenigen entscheidenden Sekunden der Stimme der Kanzlerin verleiht, davon, wie das Licht sich in diesem Augenblick auf die Blätter legt, die sich im Wind bewegen, von einem Atemhauch, einem Lidschlag Gottes und davon, welche Regung das im Augenlid der Kanzlerin verursacht oder nicht, davon scheinen ganze Völker abhängig zu sein, Aufstieg oder Fall, Werden oder Vergehen, Griechenland oder Deutschland, Ja oder Nein oder Nai oder Nä … Die Große Schicksalssekunde fixiert die Welt mit ihrem Blick aus dem Auge des Heiligen Alien. Mein Schicksal häng ganz allein ab von Nikos Engonopoulos’ Gedicht:

Das Alphabet der Blüten

die Poesie oder den Ruhm?
die Poesie
die Geldbörse oder das Leben?
das Leben
Christus oder Barrabas?
Christus
Galatia oder eine Hütte?
Galatia
die Kunst oder den Tod?
die Kunst
den Krieg oder den Frieden?
den Frieden

Hero oder Leandros?
Hero
das Fleisch oder die Gebeine?
das Fleisch
der Frau oder den Mann?
die Frau
die Zeichnung oder die Farbe?
die Farbe
die Liebe oder die Gleichgültigkeit?
die Liebe
den Haß oder die Gleichgültigkeit?
den Haß
den Krieg oder den Frieden?
den Krieg

jetzt oder ewig?
ewig
diesen oder jenen?
diesen
dich oder jenen?
dich
das Alpha oder das O mega?
das Alpha
die Bewegung oder die Ankunft?
die Bewegung
die Freude oder die Trauer?
die Freude
die Trauer oder die Langeweile?
die Trauer
den Menschen oder die Sehnsucht?
die Sehnsucht
den Krieg oder den Frieden?
den Frieden

geliebt werden oder lieben?
daß ich liebe

Oxi – Toxi – Moxi – Mori – Oxymoron – Ochimoron – Toximoron

Love is like OCHIgen
Züchtet OXIdeen!

10:21 Uhr an diesem Samstag – und noch keine fünf Artikel zu Griechenland auf Spiegel online … Was ist los? Sollte das Land etwa über Nacht verschwunden sein und die Flut an Beiträgen gestoppt? Hat Griechenland sich erledigt? Müssen deutsche Bürger nicht mehr vor diesem gefährlichen Topos gewarnt werden? Wurde eine flächendeckende Tarnkappen-Imprägnierung auf Griechenlands Oberfläche aufgebracht, so dass das, was darunter ist, erstmal als “ist aus der Welt” betrachtet werden kann? Ist ein anderes Land plötzlich interessanter? Werden die Bürger in Deutschland jetzt erfahren, dass viel länger eigentlich schon die Bolschewiken das eigentliche Problem darstellen, die Tartaren, die Uiguren?

Vor wenigen Tagen traf eine Mail ein, in der es hieß, dass der griechische Comedian Harry Klynn auf sein Blog einen Text gestellt habe, in welchem er sich dazu äußere, wie pervertiert die Bürger Griechenlands konsumierten – mit anderen Worten: wie viel bzw. welches Zeug nach Griechenland importiert wird, worauf seiner Meinung nach gern verzichtet werden könnte. Ich habe mir den griechischen Text durchgelesen (und übersetzt, er ist untenstehend zu lesen), den ich allerdings zunächst auf der Internetseite von Harry Klynn nicht finden konnte. Was da geschrieben steht, schlussfolgerte ich, könnte also auch von jemand anderem verfasst worden sein und als eines Spaßvogels Text ausgegeben, in dem vielleicht ein Körnchen Wahrheit steckt.

Was schadet schon ein Körnchen Wahrheit. Das bewirkt sowieso nichts. Griechische Bürger werden weder auf süßsauer eingelegte Rote Beete aus Deutschland noch auf Schokoladen von anderswo auf der Welt, nicht auf etliche Alkoholika und schon gar nicht auf außerhalb Griechenlands hergestellte Autos und Klamotten verzichten können. Ohne all das wäre unsere Welt ja nicht mehr in der Ordnung. Gar nicht zu reden von Led-Lampen und Laptops, i-Phones, -Pads und -Pods. Im Gegenteil. Eigentlich erwarteten die Menschen dringend das i-Pet. Und was Pharmaka, Haarfärbeprodukte und Erdöl anbelangt …

Eine gedankliche Rückkehr in die 90er. Th. schwörte auf Haushaltsgeräte von “Pitsos”, und ich konnte sie gut verstehen. Reimte sich “Pitsos” doch auf Ritsos. Somit hatten alle Produkte, die “Pitsos” in Griechenland herstellte und auf den Markt brachte, etwas von Ritsos-Poesie. Die Waschmaschine “Ritsos”, der Kühlschrank “Ritsos”. Auch ich hatte einen Pitsos-Ritsos, und er arbeitete einwandfrei. In Griechenland wurde irgendwann sogar ein kleines Auto hergestellt und ein robuster Jeep, glaube ich. Man kam damit klar. Jeden anderen Wagen fährt man sowieso dorthin, wo verschiedenerlei in Dutten gaht oder in Klump gehauen wird. Es sei denn, man kutschiert damit nur durch Athen, da entlang, wo keine Bäume sind und keine Erde. Oder man lässt den “besseren” Wagen stehn und nimmt den zerschrammten Zweitwagen. Griechenland hat alles mögliche selbst produziert. Die vielen kleinen Schneidereien, die es gab! Manchmal gingen wir da hin, wo Frauen und Männer an Näh- und anderen Maschinen saßen, und nach drei Stunden ging man mit einem Kleid der besonderen Art wieder weg, das Baby war zudem unterhalten und beköstigt worden und man hatte jede Menge über das Leben erfahren sowie Nettigkeiten ausgetauscht. In der Näherei war Nähe. Im Fischladen hing ein Käfig, das Zuhause des Papageien Petros. Ging ich einkaufen, ging ich niemals nur einkaufen – eigentlich war ich gar nicht einkaufen, sondern ich wurde von Welten aufgenommen und wieder freigegeben, die jedesmal, wenn ich ihnen innewohnte, den Kontakt herstellten zwischen allen Zeiten, zwischen Jetzt, Damals und Dann. Dreimal die Woche kehrte ich zurück in das Leben meiner Großeltern, saß dort am großen Tisch mit dem ausziehbaren Waschschüsseleinsatz und hörte zu, wie sich aus ihren Bewegungen Geräusche lösten. Der Kühlschrank Pitsos-Ritsos schnurrte dazu. Und meine Großeltern kamen herüber in die 90er, in mein Leben, in dem es Mastixprodukte, Inopnevma und Jod gab. Mein Großvater erinnerte sich an seine Zeit als Soldat auf der Uferpromenade von Thessaloniki. Und wie er danach desertiert war, ein Jahr vor Ende des Kriegs. Meine Großeltern und ich hielten in den Nähereien, beim Bäcker, im Schreib- und Kleinwarenladen die Zeit an, packten sie ein, gingen damit nach Hause. Und mit diesem Paket Zeit unter dem Kopfkissen und mit meinen Großeltern in der Küche, versorgt vom Pitsos-Ritsos-Kühlschrank und -Herd, schrieb ich mir die Welt zusammen, wie sie morgen sein wird.

Gestern erfuhr ich, dass der Text von Harry Klynn mehrfach veröffentlicht ist, 40 mal mindestens, sagte mir A. Der Text wird also tatsächlich von Harry Klynn sein und nicht von einem Pseudo-Harry-Klynn. Harry Klynn fordert seine Landsleute auf: “Lasst uns also zurückkehren in die Zeit der 60er!” Mir gefiele das natürlich! Wer in die 60er zurückzukehren vermag, der kommt auch locker bis ins Jahr 2044. Wenn das passierte, würde ich möglicherweise die griechische Staatsbürgerschaft beantragen, Deutschland verlassen und wieder in Griechenland leben. Einer formulierte am 27. Juni für die “Welt”: “Clowns werden den Sozialismus auch nicht retten”, in diesem Beitrag die Frage: “Kinder an die Macht?” (http://www.welt.de/kultur/article143154374/Clowns-werden-den-Sozialismus-auch-nicht-retten.html) Der Autor denkt nach und befindet über die Rebel Clowns, wie zu DDR-Zeiten nachgedacht und befunden wurde über die Jesuslatschen-Heinis. Die allerdings die Montagsdemos überhaupt massiv mitermöglicht haben. Mit ihren Jesuslatschen, Kletterstiefeln, gefärbten Nachthemden und mit Kerzen sind sie letztendlich doch sehr weit gekommen. Es ist nicht immer gleich auf Anhieb die ganze Welt zu haben. Das “Wir bleiben hier!” der Endachtziger entspricht, meiner Meinung nach, dem “Ochi” (in den Medien auch oft so geschrieben: OXI), das jetzt in Griechenland gegen das “Nä” (Medien: NAI) steht. Zu beiden Zeiten – Endachtziger und jetzt – massive Ausreise- und Fluchtbewegungen. Einige wollen gleichsofortgefälligst die Weltrevolution, vorher verlassen sie nicht ihr Netzwerk.

Ich entdeckte eine tätowierte Spinne auf A.’s Solar Plexus und ein tätowiertes Spinnennetz an ihrem linken Ellbogen. Von mir aus gesehen rechts. Sollten vielleicht die großen Irrtümer und Missverständnisse in der Welt unter anderem daher rühren, dass man sich im Spiegel grundsätzlich seitenverkehrt sieht und daher in einem gewissermaßen falschen Selbstverständnis lebt? Alles, was man an oder auf seiner linken Körperhälfte wähnt, sehen alle anderen tatsächlich aber an oder auf der rechten. Ich frage mich, ob ich meinen Zopf zur anderen Seite rüberlegen sollte.

Über die griechische Art des Nein-Sagens hatte ich schon einmal reflektiert. Ein Schnalzen mit der Zunge und gleichzeitiges Augenbrauen-Heben tut es auch. In Griechenland. In Deutschland gibt es andere Methoden. Vielfach ist darüber nachgedacht worden, dass anderswo Kopfschütteln “Ja” bedeutet und ein Nicken “Nein”. Aber ich muss nicht weit in der Welt rumreisen, sondern kann in Griechenland bleiben. Das, was auf Transparenten am Syndagma-Platz zu lesen war, wurde am 29.6. in Spiegel online erklärt mit “Oxi heißt Nein”. (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/griechenland-wahlzettel-zum-referendum-ueber-hilfspaket-a-1041265.html) Wunderbar!, dachte ich. Oxi wie Oxy wie Oxygen. Es ist ja gar nicht so doof, dass zu diesem Zeitpunkt kein schlauer Mensch auf den Gedanken gekommen war, in das OXI hineinzugrätschen und zu schreiben. “Nein heißt Ochi”, denn womöglich hätten sich OXI und Ochi dann verkreuzt zu einem Ochsi. Das wär erst was geworden! “Nein heißt Ochsi” hätte es dann vielleicht lästernd geheißen, und gleich wäre klar gewesen, wofür jeder griechische Nein-Stimmer zu halten sei. Auch der Ossi hätte assoziiert werden können und alsogleich die griechischen Ossi, die mir in etwa so beschrieben wurden: es seien nicht direkt Heilige, aber sie befänden sich eben in einem Stadium kurz davor. Der klangliche Unterschied zwischen dem deutschem Ossi und den griechischen Ossi war kaum auszumachen. Hiermit bin ich im Bereich der Sprach-Homöopathie angelangt und öffne die Tür am Abend, durch die – wie es in Theodorakis’ Lied heißt – Jesus zu sehen sein wird, der am Tisch sitzt, auf dem ein Krug und bei dem ein Hocker steht. Jesus unter uns und auch Georgos Vithoulkas, der als Jesus’ linke Hand gelten kann. “Tin lampa kratao psila – Die Lampe halte ich hoch”, das kann ich ja übernehmen in diesen hitzefinsteren Zeiten, in denen vom Licht der Kultur, das Harry Klynn erwähnt, nicht mehr viel gewusst werden möchte und darüber häufiger spöttisch gelacht. Irrelevant anscheinend; und viel gewichtiger dagegen, was derzeit von einigen in Deutschland für die griechische Bevölkerung vorgedacht wird.

In der “Zeit” am 1. Juli ein offener Brief an “die Griechen”, der ihnen Denkhilfe geben soll, ohne die die Menschen in Griechenland womöglich nicht mehr wüssten, was sie denken sollen, da ja sowieso alles davon abzuhängen scheint, wie hier in Deutschand überlegt wird: http://www.zeit.de/2015/27/griechenland-zukunft-brief-referendum. Diese Maßnahme der offenen Briefe wird in der deutschen Presselandschaft seit einiger Zeit ergriffen. Neuerdings allerdings nicht mehr im Stil eines offensiven “Ihr habt keine Wahl!”, sondern etwas moderater, die Wangen “der Griechen” tätschelnd wie Herr Juncker unlängst die des Herrn Tzipras, bevor er ihn vor sich her in den Besprechungsbehandlungsraum schob. Ich fragte mich: Was hätte Herr Tzipras vor laufenden Kameras aus aller Welt im Moment der Übergriffigkeit von Herrn Juncker tun sollen … Ich an seiner Stelle … Wie gut, dass ich nicht an Herrn Tzipras’ Stelle bin. Zumindest hat er den Ausbruch des Dritten Weltkriegs verhindert, würde ich denken, durch seinen Akt einer hochlöblichen Disziplin, die ihn seinerseits dem Herrn Juncker nicht an die Nase greifen ließ. Dass er ein Referendum ausgerufen hat, ist viel ungefährlicher als ein hässlicher Tätschelgriff ins Gesicht.

Es ist 10:46 Uhr, und in der “Zeit” stehen bereits mehrere Artikel zu Griechenland im Feuer. Einer fordert auf: “Lernt backen!” Ich hätte womöglich ergänzt: “Lernt häkeln!” Einer hatte unlängst den Gedanken, man könne durchaus den Baumwollanbau in Griechenland enorm intensivieren, das wäre eine zusätzliche Möglichkeit, das Land ökonomisch wieder auf die Beine zu bringen. Ich persönlich habe nichts dagegen, das Fahrrad zweimal zu erfinden und zweimal zu lernen, ob man damit gut fährt oder nicht. Baumwollanbau ist in Griechenland schon einmal intensiv betrieben worden, nachdem es von der EU Subventionen für Baumwollanbau gegeben hat. Es ist so viel Wasser in diese Baumwollanpflanzungen gepumpt worden, dass sich in einigen Regionen das Grundwasser auf Nimmerwiedersehen bis in die tiefsten Tiefen der Gesteinsschichten zurückgezogen hat, dahin wahrscheinlich, wo es gar keinen Grund mehr gibt. Man müsste mit Jules Verne mal nach unten vordringen und nachschauen können. Bei der Gelegenheit lässt sich vielleicht auch herausfinden, ob Griechenland tatsächlich noch große Vorräte an Bodenschätzen hat oder irgendwas anderes, was sich ausbeuten lässt. Wo kein Grundwasser mehr durch die Fasern des Erdmantels schoss, da quoll das Oxi jedenfalls herauf, an die Oberfläche der griechischen Erde, so schlussfolgere ich, und das, was sich bildete über diesem Topos, war ein gewaltiges Oxi-Oxymoron. Eine tosende Stille. Ein stummer Schrei. Damit bin ich wieder bei Harry Klynn und seinem Text. Der Ausdruck dessen ist. Man sollte nicht nur keine Eulen nach Athen tragen – und die Welt des Schönen Wohnens ist seit zwei Jahren voll von Eulen aller Art -, sondern auch keine Baumwolle nach Griechenland, keinen Käse, keine Würste, keine Überraschungseier, keine süßsauer eingelegte Rote Beete, kein LidlPraktiker und weiß der Heilige Oxitoximoximori was noch alles. Jedenfalls nicht in Unmengen.

Und vor allen Dingen halte man sich mit seinen vielen Klugscheißerschnabelvorschriftenblitzgedanken im Hinblick darauf, was “die Griechen” besser, lieber und überhaupt zu tun und zu lassen hätten, zurück. Kommandanten und Kommandierer hat dieses Land genug gesehen. Speziell auch solche aus Deutschland. Man vergesse das nie. Man habe das immer im Sinn. Man atme tief ein und aus. Man konzentriere sich mit seinen kritischen Einschätzungen auf das, was in Deutschland vor sich geht und von diesem aus. Süßsauer eingelegte Rote Beete.

In den allermeisten Beiträgen zu Griechenland geht es nur noch um Griechen. Um Menschen geht es nicht mehr. Das Sterben der Tausenden, die seit 2009 sinnlos aus diesem Leben verschwunden sind und noch darin sein könnten, dieses Sterben wird offenbar als eine Art “Hintergrundrauschen” wahrgenommen, das “halt irgendwie dazu gehört”. Bis hin zu einem Vorschlag, alle Griechen sollten aus Protest doch einfach aufhören zu essen, sich hinlegen und zu sterben androhen, habe ich so manches zur Kenntnis genommen. Vor einigen Tagen wiederholte ein Mann das, was er entweder aus den hochinformativen Medien in Deutschland schon eine ganze Weile wusste oder worauf er in seinem Herrenmenschenhirn von ganz allein gekommen war, und er sagte das am Potsdamer Platz in eine Kamera: “Wir müssen den Griechen jetzt die Pistole auf die Brust setzen”. Die Scheibe des Fernsehers, vor dem ich saß, bekam einen gewaltigen Sprung, als meine Erinnerung an “Jawohl, Herr Obersturmbahnführer!” hindurchschnitt. Deutschland hat einen Schaden weg. Kinder und Jugendliche hier erfahren seit mehr als fünf Jahren, wie über ein anderes Land befunden werden kann, in welchem Tonfall, in welcher Rede, mit welchen Worten und aus welcher Haltung und inneren Überzeugung heraus: ‘Wir haben den Griechen was klarzumachen und uns nicht von denen über den Tisch ziehen zu lassen.’ Eine wahrlich vorbildliche Erziehung zum Menschsein und Vorbereitung auf das alsbald einsetzende Erwachsenenleben. Dass “die da” durchtrieben sind, sowieso, eine gefährliche Mentalität haben, gefährliche Gedanken, gefährlich oxitoxisch verseucht, das glaubten im Zweiten Weltkrieg Wehrmacht und SS. Von dem Zeitpunkt an, wo das Land nicht mehr so einfach zu überrennen war, wie zuvor gedacht, von dem Zeitpunkt an, wo diejenigen, die da einmarschiert waren, zu ihrer größten Verwunderung feststellen mussten: “Die wehren sich!!! Frechheit!!”, waren die bis eben noch eigentlich ganz hübschen blonden Hellenen plötzlich zu dreckigen, tückischen Bolschewiken-Zigeunern geworden und somit zu Untermenschen, mit denen ebenso verfahren wurde wie mit allen, die unter diesem Etikett verortet wurden.

“Wir müssen den Griechen die Pistole auf die Brust setzen”, der Tonfall ist kein anderer, und es herrscht die Überzeugung: Wir hier in Deutschland, wir wissen es besser als die da; und wenn wir feststellen, Vorschreiben ist nicht die beste Methode (weil undiplomatisch), dann anempfehlen wir, schlagen vor, raten gut zu oder ab. “Die können’s ja nicht”, so das Urteil einer jungen Journalistin 2011 im Gespräch. Ich hab in viele Schlaumienengesichter geschaut in den letzten Jahren, lächelnde, gewitzte, spaßige. Ich wurde wieder und wieder darauf angesprochen, ob denn nicht auch ich meine, dass “die Griechen” sich mal endlich fragen müssten, ob sie nicht mal endlich begreifen müssten, dies und jenes tun müssten. Und dieses “die können’s ja nicht, die Griechen, irgendwie geschieht ihnen recht, was jetzt passiert, die begreifen’s nicht; wir hier, wir begreifen’s, aber die hören ja nicht auf uns …”, das wird auch den griechischen Rentner heute treffen, dessen Foto in einigen Medien veröffentlicht ist (u.a. auf http://www.handelsblatt.com/politik/international/griechenland-ein-bild-bewegt-die-welt/12009674.htm) und dazu seine Beschreibung der Umstände, die dazu führten, dass er zusammensackte. “Keine Gnade”, so höre ich es wispern in etlichen Köpfen. O Jesulein süß, o Jesulein mild …

Ich kehre aus dem Jahr 2044 immer wieder ins Jahr 1944 zurück, wie Harry Klynn zum Beispiel in die 60er zurückkehrt. In meinen Gedanken sitzen meine Großeltern mir gegenüber. Mein Großvater, der desertierte, meine Großmutter mit der Kassette, in der sie einen Schein aufbewahrte vom “Inflationsgeld”, wie sie sagte, ich kehre zurück zum Birkenhaarwasser, zu einem Stück Packpapier, das gefunden wurde, als das Dach neu gedeckt werden musste, ich kehre zurück in die Zukunftsmusik, zurück zum Kind, das geboren und in der Näherei Nähe erfahren wird, ich kehre zurück zum Salz der Erde, zu den Bäumen von Salgado, ich kehre zurück zu Eluards “Freiheit”, ich kehre zurück in dieses vergnügliche Spiel, bei dem es erlaubt ist, Wörter zu tauschen und einen langen Text unter einer anderen Überschrift zu lesen, ich kehre zurück zu “Romiosini”, ich nehme mir einen kurzen Augenblick, Eluard, deine “Freiheit” und setze als Platzhalter “Romiosini” ein. Ich sage “danke” und entlasse den Text wieder in die Obhut der “Freiheit”. Ich kehre zurück und komme auf ganz magische Weise direkt hier an, in diesen oxitoxischen Zeiten, in denen mich aus Athen Manolis’ Fotos erreichen, Rulas Antworten auf meine Worte, Andreas’ Einschätzungen der Lage, Fotinis wie immer langes Schweigen, Sakis’ ungewöhnliches Schweigen, obwohl hier heute 36 Grad sind und in Athen nicht weniger, wie ich vermute. Aber ich weiß es nicht. Ich könnte im Internet nachschauen. Allerdings … Sakis’ Wetterbericht ist wesentlich zuverlässiger im Hinblick darauf, ob meine Großeltern noch immer in Athen am großen Küchentisch sitzen oder ob sie ein zweites Mal gestorben sind, jetzt, an dieser Unerträglichkeit dessen, was “Deutschland” für “Griechenland” entscheiden möchte. Ich drehe meinen Kopf auch heute zur Seite und höre die Stimmen von 1989, die für Leipzig und Berlin und andere Orte forderten: Keine Gewalt!; ich drehe meinen Kopf zur anderen Seite und gebe diese Worte weiter. Ja heißt Nein, Nein heißt Ja, das eine Ochi, das andere Oxi; mein Zopf, der wechselt auf dem Kopf hin und her. Lasset OCHIdeen erblühen! Hinter jedem starken Land steht ein starkes Wasser. In jedem Körnchen Sandwahrheit steckt ein ganzer Haufen Sand, ein Land. Es knirscht in den Getrieben wie in den Stützhölzern, die das Gewicht der Stollendecke abfingen, in der Mine, in der Zorbas sich zu schaffen machte. Als sie einstürzte, wurde keiner begraben, aber alle waren davon überzeugt: ohne Zorbas wären sie nicht mehr am Leben gewesen. Zorbas wollte von einem ergebenen Dank nichts hören, er knurrte, und keiner sagte mehr was.

Es ist 12:04 Uhr. Der Beiträge auf Spiegel online zu Griechenland werden es mehr. Das Thermometer am Fenster zeigt 36 Grad.

Hier der Text von Harry Klynn:

VORWÄRTS, LASST UNS BANKROTT GEHEN

“Verlassen wir den Euroraum; sollen die Importe eben stoppen! Lasst uns einfach hungern, da die da draußen und die griechischen Medien uns dahin treiben wollen! Alle sagen, dass die Importe stoppen werden. Aber hat sich schon mal einer von euch überlegt, was denn genau wir importieren und was genau von dem, was nach Griechenland reinkommt, das beträfe? Lasst uns das mal durchgehen:

– Wir hören auf, Autos einzuführen. Da werdet ihr die Jammertränen der Deutschen und der Franzosen sehen, die hier in den nächsten Jahren kein einziges Auto mehr verkaufen.
– Wir hören auf, Milch, Käse und Butter einzuführen. Da werdet ihr die Jammertränen in den Fratzen der Belgier und der Holländer sehen.
– Wir hören auf, Nüsse und Knabberzeug aus der Türkei einzuführen.
– Wir hören auf, Melonen und Trauben aus Afrika einzuführen.

– Wir hören auf, Rosinen aus Chile einzuführen (ist denn das die Möglichkeit!).
– Wir hören auf, Sonnenblumenöl und andere Speiseöle einzuführen.
– Wir hören auf, Retsina aus Kalifornien einzuführen (oh weh, Herr).
– Wir hören auf, hunderte Sorten Alkohol einzuführen.
– Wir hören auf, Käse, Konserven, Kuchen, Schinken usw. einzuführen.
– Wir hören auf, Handys, Fernseher, Computer und die tausendundzwei sinnlosen Gadgets einzuführen, die die Menschen kurzsichtig machen.

– Wir hören auf, hunderte Tabak-Erzeugnisse, Zigarren und anderes Gift einzuführen.
– Wir hören auf, süßsauer eingelegte Rote Beete aus Deutschland einzuführen (oh mein Gott, oh mein Gott).
– Wir hören auf, die Dutzenden Süßwaren- und Schokoladenerzeugnisse einzuführen, die unser Geld ins Ausland abfließen und unsere Cholesterinwerte in die Höhe schießen lassen.
– Wir hören auf, Kleidung, Schuhe, Spielzeuge und Unmassen unnützen Zeugs für’s Haus einzuführen (bis hin zu Schälern, mit denen man die Banane in ganz gerade Stücke schneiden kann!!).

Lasst uns zu den Zeiten der 60er zurückkehren! Lasst uns wieder ruhig durch die leeren Straßen spazieren! Lasst uns nachts schlafen, ohne dass wir von jedem Rumtreiber-Idioten aufgeweckt werden, der mit seinem Auto unterwegs ist und ohrenbetäubende Bauchtanzgewimmermusik oder irgendeinen dämlichen Rap hört! Lasst uns weniger essen, und lasst uns unser Übergewicht bekämpfen! Lasst uns wieder unser Geld zusammenlegen und feiern wie in alten Zeiten! Lasst uns wieder wahre statt digitale Freundschaften schließen! Wacht auf, ihr Griechen, die ihr euch selbst verarscht! Wir sind durch einen Regen aus Pech und Schwefel gegangen. Wir haben der Welt das Licht der Kultur geschenkt. Wir haben im Zweiten Weltkrieg der deutschen und der italienischen Übermacht die Stirn geboten. Und wir haben uns schließlich so weit erniedrigt, dass wir uns zum Bettelknaben für die verdammten Europäer machen und sie noch bitten, dass sie uns ficken, nur damit wir Video und Handy bekommen? Und dazu lassen wir uns auch noch beschimpfen, weil wir überhaupt KEINE Würde mehr haben.”

im übertragenen sinne

Effi Rabsilber, Aktion in Athen, 26. Juni:
Kasten für Massive Beschwerden

„Kane Parapono“
freie Übertragung des Texts:

Kasten für Massive Beschwerden

Wenn ihr spaziert
Eure Karre chauffiert
oder trinkt coffee double
oder Wasser mit Sprudel
und gleich
sind auch all die Probleme hier
So schreibt
Auf’s Papier
Schreibt
Was euch zerreibt
Gebt nur her Gebt nur her
Beschwerden – je mehr
desto besser
Woran mangelts
Was fehlt
dieser Stadt und quält
Was fehlt
diesem Leben und quält
Gib nur her Gib nur her
deine Beschwerden – je mehr
desto besser
Steck sie in den Karton
… ringsum Beton …
Und die Beschwerden
die machen sich davon
An diesem Tage
in dieser Stunde
an einem Freitag – Ich sage:
Wag’s bei ‘ner kurzen Aktion!
Und schon machen sich davon
Deine Beschwerden, jegliche Plage

Meine Beschwerden
Mein Vergehn, mein Verderben
Meiner Rose Herzstachelstich
diesen will ich verbergen
Ein Geschenk mach ich
euch, ihr massiven Beschwerden
Ich geb euch mein Wort
hier vor Ort
Zu meiner Worte Empfänger
seh ich euch werden

Und wir stell’n den Kasten
mit all den Massiven Beschwerden
hierhin
neben die Bar

Bringt eure Schmerzen her!
Bis Freitag, den 26.6.
GREEN PARK
Mavromattaion 22
Pedion Areos

bei unterhaltungen immer wieder die frage, wie in athen auf die krise reagiert wird. wohlwollendes kopfnicken und ein „das ist gut“ nehme ich wahr, ist die rede von „kollektiven“ (ich hätte nie gedacht, dass dieses wort noch einmal mit so viel sympathie ausgesprochen werden würde); zustimmendes lächeln, kann man was berichten von gegenseitiger unterstützung, die menschen in griechenland einander zuteil werden lassen; hin und wieder ist sogar auch in deutschen medien über derartige unternehmungen in griechenland etwas zu erfahren. naturalien-tausch, selbstversorgung, lehmbauweise, gegenseitiges haareschneiden, olivenöl-projekt etc.
welch eine erleichterung, wenn’s mal nicht um’s geld geht, nicht danach gefragt wird und kein wort darüber verloren. man kann mit ganz anderen sachen staat machen.
vor dem inneren auge entstehen leichterdings bilder, die denen eines paradiesischen gewimmels auf einem gemälde von Hieronymus Bosch ähneln: ahhhh … wie befreiend .. in griechenland sind hunderttausende längst damit beschäftigt, die bergwerke der zwischenmenschlichkeit zu durchwandern und zu bevölkern, sich käse und brot und oliven zukommen zu lassen, als seien’s gold und feinsilber, edelsteine gar, tomaten und feuerholz, haarschneidehändchen, unentgeltliche ärztliche versorgung in stillgelegten flughafen-gebäuden, medikamenten-spenden und vieles vieles andere mehr. wir erleben noch mal eine welt, wie wir (die angehörigen der sandwich-generation) sie aus der kindheit kennen, als vieles von hand gefertigt wurde, bürsten- und matratzenmacher noch am werk waren, als man sich eine tasse mehl oder zucker borgen ging, anschreiben ließ oder eier holte und den weihnachtsbaum von jemandem, der hühner und gänse hatte und ein stück wald, als das menschliche maß noch existierte, kerzen vom kerzenmacher gezogen wurden, als es hallorenkugeln gab, keinen euro, keinen stress …, die eisenbahn fuhr so, dass einem nicht schwindlig werden musste. die Liste der Immateriellen Kulturgüter wurde ständig erweitert, und künstler … das waren seltsame menschen (wie auch langhaarige nicht-künstler-männer oder rothaarige oder brillenträger oder tätowierte oder frauen in so genannten „schlabberkleidern“) … irgendwie anders, etwas fremd, so dass man noch nicht gelassen zu reagieren vermochte, wie es viel später möglich war: „naaaa, das is alles fantasiiiiie!!!“ (dies im hinblick auf die künstler).
fast könnte man meinen: dann wird’s in griechenland jetzt ungefähr auch wieder so sein. wer sich keinen strick nehmen muss, der tauscht feta-käse gegen feuerholz oder einen kanister heizöl, im sommer gegen treibstoff. und mittendrin in dieser ganzen wirtschaft die künstler, noch, die sich was einfallen lassen und sich gestatten, auf der ebene des „übertragenen sinnes“ zu agieren.

ein beispiel:
das video der künstlerin Effi Rabsilber, die hier performt und für freitag, den 26.6. eine aktion in Athen ankündigt:
Effi’s Video

dass ohne geld trotzdem musizieret, theatergemacht, geschrieben und filmgedreht wird – das scheint bei künstlern – wie inzwischen bei der gesamtbevölkerung griechenlands – vorausgesetzt zu werden. jeder mensch ist ein künstler. das wissen wir. künstler leben aus sich selbst heraus, irgendwie. alle anderen können das von ihnen lernen. ich persönlich glaube nicht nur ganz fest daran, sondern ich bin davon totalüberzeugt. es ist so, wie von Beuys zu lebzeiten offenbart:
„Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung.“
das könnte griechenland retten – oder nicht? da, wo vorher die geldverschwendung an der tagesordnung gewesen zu sein schien (so jedenfalls wird es in den medien in deutschland vermittelt), könnte jetzt kraftvergeudung im sinne von Joseph Beuys obwalten. dagegen dürften die Institutionen nichts haben. kraftvergeudung wird noch nicht besteuert. muttermilch auch nicht. hoffnung wahrscheinlich bald.

auch künstler in griechenland machen jedenfalls was, und ich würde in den medien gern mehr darüber lesen. allerdings nicht unbedingt solche beiträge, in denen sich der kopf darüber zerbrochen wird, ob die frau von Varoufakis gemeint sein könnte im song bzw. video eines britischen sängers, der von einer frau berichtet, die an der kunstschule studierte, aus griechenland kam und deren problem es war, dass sie – als zuuuuuuu reiche – keinen kontakt mehr mit gewöhlichen menschen habe. der, an den sie sich wendete mit ihrer bitte, sie wolle gern das tun können, was gewöhnliche menschen auch täten, reagierte: „verstehe. ich will seh’n, was ich tun kann …“

Varoufakis‘ Frau

ich will seh’n, was ich tun kann
– das vermittelt in ihrem video, aber viel mehr noch mit ihrer aktion EFFI RABSILBER.
sie, in Athen, fordert dazu auf: zettel zu beschreiben, schriftlich alle beschwerden zu fixieren, und die gefalteten zettel dann in den schlitz in der oberseite eines Kastens (Karton) zu stecken, ganz so, wie es von wahlengängen her vertraut ist und keinem schwerfallen dürfte.

Effi Rabsilber schüttelt eine rassel, spricht und singt dazu (zitate aus dem song eines griechischen sängers einflechtend).
zum schluss wird die einladung für freitag, den 26.6. ausgesprochen: man soll
an diesen ort kommen, um seine zettel mit beschwerden loszuwerden – und damit auch die beschwerden an sich, das verheißt Effi.
ich halte diese maßnahme für effektiv – schon deshalb, weil die worte „Effi“ und „effektiv“ mit den gleichen drei buchstaben beginnen und somit einen unmittelbaren dreibuchstaben-triade-zusammenhang herstellen.
ich unterstütze also diese Effi-effektive aktion, um die kunde davon zu verbreiten – selbst in deutschland, wo man sich natürlich fragen kann, wie man von hier aus nach Athen rüberlangen soll, um dort am freitag einen zettel mit beschwerde in den kasten fallen zu lassen, wenn man nicht sich selbst und auch nicht griechenland fallen lassen will. schließlich hat man nicht den langen arm der institutionen-troika, der überall hinreicht und eingreifen kann …
kein problem, man denke sich einfach dahin. alles ist erlaubt. telepathische übermittlungen sind möglich. ich gehe davon aus, dass Effi Rabsilber die nötigen empfänger-antennen auch für solche beschwerden-übermittlungen hat. irgendwas wird sie draus machen. könnt ihr keinen zettel mit vogelpost schicken, so schickt eure gedankenströme mit den in ihnen enthaltenen Massiven Beschwerden.
wir können hier einmal etwas praktizieren, was entschieden zu kurz kommt, wenn es um griechenland-deutschland geht, in den letzten jahren: wir versetzen uns bzw. unsere beschwerden einfach gedanklich dorthin und nehmen teil.

dazu biete ich die textgrundlage (diesem beitrag vornean stehend), damit die des griechischen unkundigen überhaupt einen einstieg in die aktion bekommen können.
ich hab (relativ frei) ins deutsche übertragen (Effi Rabsilber signalisierte keinerlei einwände) und ein wenig mit meinem kollegen Jazra aus Athen darüber kommuniziert.
Jazra schrieb mir, dass Effi Rabsilber anspielt auf die üblichen Service-Briefkästen/-Kästen, Kummerkästen, Kundenreklamationen-Kästen etc., die man in geschäften, evtl. in lokalen, auf ämtern etc. hier und da finden kann.
Effi Rabsilber spielt mit dem wort parapono – schmerz,
was auch so verstanden werden kann: klage.
ich fand dafür: BESCHWERDE
beziehungsweise: Massive Beschwerden (das schien mir der situation angemessen).
in meiner freien version ist der Karton also ein „Kasten für Massive Beschwerden“.

Jazra ließ mich außerdem wissen, dass Effi Rabsilber aus einem Lied des Sängers Jannis Parios zitiert:

Jannis Parios Lyrics

für das ich allerdings die übersetzung nicht auch noch bieten kann; denn ich bin nicht sicher, ob es bei mir mit einer ernährung durch noch mehr Beuyssche kraftvergeudung tatsächlich was wird. nicht übermütig werden, sag ich mir. der aktions-freitag ist ja noch nicht da. ich kann nicht riskieren, vorher schlapp zu machen.

„Kasten für Massive Beschwerden“ also als beispiel für eine maßnahme, die gerade in Athen durchgeführt wird und die man im übertragenen sinne auch als kollektive aktion, als gegenseitiges haare-schneiden, als naturalien- und dienstleistungstausch, als abwenden des bösen blicks und als anderen dienst am menschen verstehen kann. ganz besonders aber auch als parallel-maßnahme, die geeignet sein könnte, einen ausgleich zum schwergewicht der neuen liste an bedingungen herzustellen, die zu akzeptieren die troika-institutionen einfordern, um dem schleichenden sterben tausender menschen in griechenland, die opfer dieser anstehenden finanziellen beschränkungen werden, offenbar weiter vorschub zu leisten. noch mehr menschen werden sich keine medizinische hilfe mehr leisten können, noch mehr ärzte verzweifeln, wissend um die tatsache, dass die patienten, die bis eben noch zu ihnen kamen, nicht mehr kommen, weil sie es nicht geschafft, nicht überlebt haben. eventuell folgen die beschlüsse, die womöglich einer gesundschrumpfung der griechischen bevölkerung dienen sollen (?) einer ganz eigenen logik: besatzer wie z.b. 1944 müssen in griechenland nicht mehr unbedingt aufmarschieren. die menschen sterben auch so, von ganz allein …

Effi Rabsilbers video beginnt so:
Close Up: Hand schreibt auf Blatt Papier
Close: Blatt Papier zur Kamera, Text:
ich hab nicht das
Geld, um dich
anzurufen
00:05 Close Up: Gesicht Effi Rabsilber, sie fragt:
“Echete provlima kai essis? – Habt ihr auch ein Problem?”

ja, ich persönlich hab ein riesiges problem. gut, dass Effi Rabsilber das erahnte und eine lösung anbietet. sie ist nicht die einzige.
im januar 2015 performte Joulia Strauss in der Athener galerie BETON 7, eine künstlerin, die zwischen Berlin und Athen den tonfall vermittelt, die lyra schlägt und Mathematische Operationstiere einen kreistanz aufführen lässt: die Übergreifende Dorische Summenkatze, den Depressiven Lydischen Minus-Hund, den Durchsetzungsfähigen Hypophrygischen Pluskampffisch, den Euphorischen Phrygischen Multiplikationsoktopus, den Chauvinistischen Hypophrygischen Integralschwan, die Kathartische Hypolydische Divisionsschildkröte und den Unverzichtbaren Mixolydischen Wurzeladler. man rufe eines dieser transhilfreichen geschöpfe zu sich heran, nutze dessen mitteilsamkeit und heilsamkeit, bediene sich der von diesem ausgesendeten Support-Frequences, um die eigene stimme stützen zu lassen, und entlasse alsogleich ein gesangliches lautgebilde aus dem eigenen mund. alles das unentgeltlich.
vollkommen kostenlos kann ein jeder, den es danach verlangt, ein gut moduliertes mehrfaches „aaa-nar-chiiii-aaaa“ erklingen lassen. auch dieses wird bislang noch nicht besteuert. ich bin der überzeugung, die troika-institutionen können nicht nur andere, sondern hin und wieder auch sich selbst beherrschen. zu gast bei Joulia Strauss würde das schlagen der schamanentrommel bei ihnen womöglich magengrummeln auslösen. zu gast bei Effi Rabsilber aber, im souterrain, dem Beschwerden-Kasten ganz nah, da könnte ein wunder geschehen, auf dass von diesen allmächtigen institutionen ungewöhnliches berichtet werde: „und sie sitzen still und stumm um den großen tisch herum“. die rassel allein gibt das metrum vor. Effi Rabsilber ist für alle da – für diejenigen, die kein geld haben, um zu telefonieren, und für diejenigen, die sich keine vorstellung machen können von einer ausgleichenden gerechtigkeit im übertragenen sinne, die so aussieht, dass die satten hungrig bleiben, die hungrigen aber sich gesättigt fühlen. soll die welt sich ruhig noch einmal verkehren. vielleicht erwachen die sinnlos gestorbenen dann wieder zum leben, anstatt dass noch lebendige sich schon wie tot fühlen müssen.

möge der Kasten für Massive Beschwerden schneller gefüllt sein, als dass eine Systemische Anakonda sich eine Autodidaktische Fledermaus einverleiben kann oder umgekehrt!
Removenceros!
Parasarano!

© Ina Kutulas

Überschwelliges Gewaschenwerden steigert der Lyrik unterschwelliges Nichtgewaschensein oder Durst ist schlimmer

Das Infektionskomitee erwidert:
„Lyrik wäscht sich nicht“
die Abwärts!-Redaktion*

Gleich komm ich zur Sache und beginne mit dem hässlichen, Spaß verderbenden “aus Spaß wird Ernst”. Denn um den Ernst geht’s häufig bei der Lyrik. Ob gegen Ende der fünften, sechsten oder siebenten nachatlantischen Epoche andersherum aus Ernst auch Spaß werden kann, das erleben vielleicht diejenigen noch, die in einem humiden Mikro- oder Makroklima, durchsetzt mit Dreckbatzen und anderem Zeug, bis in solche Zeiten überdauern konnten.

Vorab sei gesagt: Die Lyrik, die sich von demjenigen, der sie schreibt, mehr oder weniger gelöst hat, die Lyrik, die sich verselbständigte wie eine gezeichnete Comicfigur, die zum Leben erwacht ist und ein Eigenleben entwickelt hat – warum sollte diese Lyrik sich waschen oder nicht waschen, warum sollte sie das tun, wovon Homo Sapiens, die nun mehr oder weniger weit entfernt von ihr sind, glauben, dass sie das tue – sich waschen oder nicht waschen? Vielleicht reichen Luft und Liebe ihr aus, um herumzugeistern. Was diese Lyrik tatsächlich treibt, ob sie sich vermehrt, ob es derer viele werden und viele Erscheinungen der Lyrik das eine tun – sich nicht waschen – und die anderen Erscheinungen der Lyrik das andere – sich waschen –, das kann nur schwer erfasst werden. Diese Tatsachen existieren verborgen hinter einem Schleier. Manche Autoren reißen ihn weg, vor mancher Autorin Augen hebt er sich, und sie kann sehen, was die Lyrik treibt, ob sie Gedichte hervorbringt und was diese anstellen. Die griechische Autorin Kiki Dimula ist eine von ihnen. Sie konnte nachverfolgen, welche Initiativen zehn ihrer Verse ergriffen und was denen widerfuhr. In ihrem Gedicht „Verfall“*2 heißt es: „Der sechste und der siebte / am Mast der Ungeduld hochgeklettert / schauten in die Ferne. / Zwei andere holte ich, fast ertrunken / aus der Flut deiner Hingabe heraus.“ Somit wären wir schon ganz nah bei der Lyrik an sich und dem Wasser. Diese wenigen Verse sind in Aktion und werden gerettet, als seien es menschliche Seelen. Dann kann man getrost davon ausgehen, dass auch die Lyrik insgesamt, als die Große Mutter der Verse handlungsfähig ist und mit dem Wasser in Kontakt sein könnte oder nicht.

Ich lasse mich also gern auf dieses “einmal angenommen, dass …” ein und nehme an, es gäbe die Lyrik, von der es heißt, sie wasche sich nicht. “Lyrik wäscht sich nicht”, wird behauptet. Das mag sein. Aber wie lange hält sie das noch durch …

Ich bezweifle sogar, dass Lyrik sich nicht wäscht, und mutmaße vielmehr, dass die Lyrik sich mehrmals am Tag nasssäubert, immer, wenn das Waschen der Welt, das sie vorzunehmen hat, einer Pause bedarf; sie verhält sich also die meiste Zeit wie eine Waschfrau, setzt den einen Fuß vor den anderen, stellt sich auf die Zehenspitzen und vollzieht singend mit Beginn jeder neuen Strophe des Waschfrauenliedes federnd den Absprung, um die Spielbein-Standbein-Stellung zu ändern. Waschen, waschen, waschen den ganzen Tag. Und wenn sie nicht wäscht, dann wringt sie, spült, hängt, legt, rollt, plättet. Dazwischen wird geruht und geschwätzt und sich selbst gewaschen, ganz sicher. Am liebsten mit der Hand. Auch hinter den Ohren. Anders kann’s kaum was mit ihr werden in dieser Welt. Diese Welt will Waschfrauen sehn, und im Kampf um Wasserreserven eher noch mehr als weniger. Die personifiziert Lyrik kann da nicht einfach eine Verweigerungshaltung einnehmen. Schluss mit lustig!, wird es bald heißen. Mit dem Waschen spielt man nicht. Die Lyrik wird widerspenstig, wäscht, wäscht und wäscht. Zuweilen schrubbt sie gar.

“Lyrik wäscht sich nicht” … Ich halte das einerseits für zu absolut formuliert, also für eine partielle Fehlbehauptung, die nur eingeschränkt zutreffend ist. Andererseits mag „Lyrik wäscht sich nicht“ durchaus tauglich sein als „wilde Behauptung mit Teilwahrheitspotenzial“. Auch gut. Wo diese Behauptung nun schon einmal da ist, kann man sie benutzen, um z.B. hinein in eine erdrückende Stille „Lyrik wäscht sich nicht“ zu sagen, wenn einem nichts anderes einfällt, um diese lastende Stille zu stören und eine hilflos sich anschweigende Gemeinschaft vom Druck eines unfreiwilligen Schweigens zu befreien, von dem niemand der Anwesenden weiß, wie es überhaupt eintreten, sich festsetzen und übermächtig werden konnte. Das Entstehen einer solchen Situation in Gemeinschaft von Griechinnen und Griechen halte ich für unwahrscheinlich, für sehr wahrscheinlich aber, dass ein spontan in den Raum gesagtes „I piisi de xeplenete – Lyrik wäscht sich nicht“ lebhafte Unterhaltungen auszulösen vermag, selbst heute noch, in Niedergangszeiten. „Lyrik wäscht sich nicht“ ist ein guter „Aufmacher“, um in Griechenland verschiedene Bekanntschaften zu knüpfen mit Nieder- und Widergängern und mit Aufständischen. Über den Weg der Lyrik sowieso. Und speziell über die ungewaschene. Für Deutschland mag gelten: Man könnte mitten in einer brenzligen Situation versuchen, Zeit zu gewinnen, „Lyrik wäscht sich nicht!“, zur Not auch: „Lyrik wäscht Sicht nicht!“ herausschreien, dadurch Verwirrung stiften und sofort das Weite suchen. In Amerika: Man könnte „Lyrik wäscht sich nicht“ im Badezimmer flüstern oder leicht über das Waschbecken gebeugt sagen und dabei in den Spiegel schauen, während ein Kamerateam versucht, seine Arbeit so gut wie möglich zu machen, und dem Licht setzenden Kameramann Schweißperlen auf der Stirn stehen.

Die Hoffnung darauf, dass zu Ernst gewordener Spaß sich wieder in Spaß verkehren könnte – und also ein verkündetes “Lyrik wäscht sich nicht” der Beginn von wunderbaren Unterhaltungen wäre, die nicht im Streit enden –, scheint mir für’s Hier und Jetzt allerdings eine aussichtslose, beinah. Ich hab jedenfalls noch nicht genügend zerknirschte Lyriker erlebt, die urplötzlich wie neugeboren ins zärtliche Späßemachen verfallen wären. Lyriker sind Seismographen für Schwingungen der Musik, die dem Ton innewohnt wie der Baum dem Samen, Sprachmusik, die der Stimme Klang gibt. Beim Umgang mit Lyrikern würde man als Erstes erfahren, würde eine derartige Spaß-in-Ernst-Wandlungswelle über’s Land rollen. Aussichtslos also, beinah. Weil allerdings Jannis Ritsos schrieb: “In diesem Beinah wohnt die Dichtung”, will ich daran ruhig glauben, mich in solcher Zuversichts-Verfassung weiterem die Waschfrau Lyrik Betreffendem zuwendend.

Zu lesen war in der Post, die bei mir über den Athener Umweg eintraf:

Denis Scheck, anläßlich der Nominierung Jan Wagners für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015: „Jan Wagner schreibt wunderbare Gedichte über so gegensätzliche Themen wie den Giersch im Garten oder Koalabären, außerdem besitzt er perfekte Umgangsformen und nutzt sein Dichtertum nicht als Ausrede für schlechtes Benehmen und mangelnde Körperhygiene. Was kann man von einem Lyriker mehr erwarten?*1

Es geht um Sauberkeit an sich, an sich selbst und in der Lyrikschreiberei. Desgleichen um die Sauberkeit der Lyrik an sich. Die eine ist von der anderen fast nicht zu trennen, so sehr von manchem auch gewünscht. Man kliereschmiere einfach so was hin, dann wird es heißen: “Schmiert einer was hin, bezeugt’s seinen Sinn. Schreibt einer auf fettiges Wurstpapier, dann krepelt er rum im Durstrevier, dann wird er selbst auch fettig an sich sein, fettgesichtig, und sein Geschriebenes kaum lesenswert, es ist die Wurst nicht wert, die darin eingepackt werden könnte”, – solche Schlüsse, vermute ich, werden von Fettfleck-Papier-Beurteilern gezogen. Am Beispiel von Beuys war das zu erleben. Beuys musste Pelz dagegen aufbieten und die Fußwaschungsaktion, bei der er einen Schlag abbekam. Man kann sich leicht verdächtig machen, nicht ganz sauber zu sein. Auch durch die Verwendung schmutziger Wörter.

Hätte ich diesen Text zur sich waschenden Lyrik z.B. mit “Smegma” begonnen, wäre womöglich gleich am Anfang alles verdorben gewesen, weil Leserin oder Leser angewidert beschlossen hätten: Ekelhaft! Weg damit! Unmöglich es lesen!*3

Sich unmöglich zu machen mit oder durch irgend etwas, das war das auf den ersten Blick Schlimmste, Dümmste, was man selbst sich antun konnte – früher, als man noch gehorchen musste und angewiesen war auf einen Schlaf- und Essplatz bei den Eltern. Sich-unmöglich-Machen vermied man besser, egal, ob das Sich-unmöglich-Machen mutwillig, aus Leichtsinn oder in aller unschuldigen Unwissenheit erfolgt wäre. In letzterem Fall konnte dann womöglich einzig und allein ein Schutzpatronenengel den Totalverstoß aus der Gemeinschaft verhindern und eine Situation herbeiführen, in der alles so weiterlief, als wäre nichts geschehen. Traf aber mutwilliges oder leichtsinniges Sich-unmöglich-Machen zu, war einem kaum noch zu helfen. Eingeladen oder nach da und dort mitgenommen zu werden, von den Mitmenschen akzeptiert, einen Studienplatz zu bekommen, eine Lehrstelle, eine Arbeitsstelle, eine Freundschaftsgabe oder einen Fuß auf den Boden – ausgeschlossen. “Smegma” spielerisch-spaßig in der Gegend zu verteilen, kann noch heute Sich-unmöglich-Machen bedeuten und damit: Risiko. Wie auch absichtliches Sichnichtwaschen des Menschen oder der personifizierten Lyrik. Oder das wilde Deponieren benutzter Tampons im Klinikgebäude, wie Helen Memel es tat, die Heldin des Buchs “Feuchtgebiete”. Die Autorin Charlotte Roche tabuisierte z.B. Smegma nicht. Von achtzehn von mir persönlich nach “Feuchtgebiete” befragten Menschen hatten achtzehn das Buch angelesen, fünfzehn es nach 20 Seiten weggelegt, in die Ecke oder an die Wand geschmissen. “Ekelhaft! Widerwärtig! Unmöglich! Krank! Kann man nicht lesen! Ist das Literatur?!??” Wenn schon die Reaktionen auf eine Smegma thematisierende Prosa so harsch ausfallen, welche mögen dann erst die auf eine Lyrik sein, die sich nicht wäscht? Es mag sein, dass in der Prosa anderes möglich ist als in der Lyrik, siehe “Feuchtgebiete” oder auch das Kapitel “Dana” in Jan Faktors Roman “Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des Heiligen Hodensack-Bimbams von Prag”. Aber ich vermute, einer Lyrik, die sich nicht wäscht, wird es nicht anders ergehen als dem “Feuchtgebiete”-Prosabuch oder jemandem, der z.B. Smegma zum Lyrikmachen verwendet. Blut und Sperma sind akzeptiert. Smegmatische Lyrik allerdings … Man oder Mann schreibe “Smegma” mit Textilmarker auf ein T-Shirt, rahme dieses Wort mit einer umlaufenden Linie, stelle es sonstwie heraus, gern auch als sei es Poesie, und setze sich in ein Lokal. Es gibt kein zweites Mahl. Es sei denn, ringsum weiß niemand, was Smegma bedeutet und jeder und jede würden vermuten: Smegma bedeute sowas wie “du kannst ma ma”, was nichts anderes wäre als: “du smeg ma ma”, “Leckma!”, “Smegma!” Im Pratergarten vielleicht. (Ich vernehme Protest: “Mach dir wech hier!”) Sich gewaschen zu haben oder nicht, das könnte dann den allerletzten Ausschlag dafür geben, ob man sich überhaupt noch einmal in einer Runde sehen lassen kann. Sich gewaschen zu haben oder sich nicht gewaschen zu haben macht einen gewissen Unterschied. Das gehört zum Erfahrungsschatz der Menschheit seit der Erfindung des Waschens. Seit sich Wachspuppen in Waschpuppen verwandelten. Mit der personifizierten Lyrik, die sich wäscht oder nicht wäscht, verhält es sich nicht anders. Wer verkündet, sie wasche sich nicht, ruft womöglich ihre Massivverbannung herbei. Die Lyrik wäscht sich nicht? Die Lyrik wird sich hüten. Die Lyrik wäscht sich, so oft sie kann, und wenn sie sich mal nicht gewaschen hat, dann wird sie nicht gleich daran sterben. Und wenn’s genug geregnet hat, dann hört’s auch wieder auf. Und es fängt wieder an mit dem Regnen und dem Waschen. Das Waschen, das hört nimmer auf. Es ist damit wie mit der Liebe, die nie aufhört, solange sie am Lieben ist.

Unter den Schlagworten “Smegma” und “Lyrik” findet sich im Internet allerdings tatsächlich etwas: “Smegma Lyrics”*4. Dort der Songtext: “Ich bin ein Skin”. Die letzten beiden Zeilen: “Ich hab in dieser Zeit so viele Freunde kennengelernt / Und so manche Frau hat mich in ihrem Bett gewärmt”. Ich vermute, ausnahmsweise könnte das einmal eine Lyrik gewesen sein, die sich nicht wäscht, welche den Skin-Songwriter wärmte. Ansonsten – und das mag sogar dem Skin gefallen – wäscht die Lyrik sich in Wassern, die bergauf fließen, in Wassern des Quellursprunges, in Wassern ohne Oberfläche, in Teichen ohne Grund, in Grundwassern ohne Anlass, in Abwassern, Tränen, Harzen, Ölen, in Pampe, Lauge, Hirnwasser, Fruchtwasser, in Gülle, unter Schwall und Wasserfall, in allerlei Substanzen, innen und außen; sie kennt Blut- und Gehirnwäsche. Man bringe um Himmelswillen die Lyrik nicht in Verruf durch Behauptungen wie solche, dass sie sich nicht wasche! Es sei denn, man hat längst Fazit gezogen: “Lyrik? Liest sowieso keiner mehr.”

Vielleicht wurde bei “Lyrik wäscht sich nicht” einfach nur was durcheinandergebracht und es las sich dann so schön und man fand Gefallen daran. Vielleicht sollte es eigentlich eine Provoktion werden. Möglicherweise ist bei deren Formulierung aber was schief gelaufen und anstatt, dass man was Unerwartetes sagen wollte, hatte man ein Flashback, hatte man was in Erinnerung, was sich als ein Eindruck machendes Unerwartetes ausgab, tatsächlich aber etwas längst Bekanntes ist: 1982 sang Gerhard Schöne das Lied “Jule wäscht sich nie”. Es ist nicht auszuschließen, dass diese Jule nach so vielen Jahren wieder einmal für einige Sekunden durch die Vorderstube der Erinnerung geisterte. “Jule wäscht sich nie”, fröhlich von Gerhard Schöne und begleitet von schallenden Kinderstimmen zu Gehör gebracht, kann sehr leicht zu “Lyrik wäscht sich nicht” mutieren. Die Silbenzahl ist die gleiche. Man verliert jegliche Scheu vor dem Thema. Trotzdem – der Liedtext beschreibt sehr genau, was mit einem Frauenzimmer geschieht, das sich partout nicht waschen will. Und wie es endet. Sie wäscht sich schließlich doch. Sonst hätte sie nie einen abgekriegt. Selbst ein so verständnisvoller Mann wie Gerhard Schöne, der noch auf den aus dem Nest gefallenen Vogel aufmerksam zu machen verstand, musste die Jule schlussendlich in die Wanne steigen und sie Wasser und Seife lieben lernen lassen. Vorher war und blieb alles eine Schweinerei. Der sich nicht waschenden Lyrik erginge es nicht anders. “Ihhhhhh!” und “Schweinerei!”, den Nobelpreis für ungewaschene Lyrik gegen Ende der fünften, sechsten oder siebenten nachatlantischen Epoche vielleicht. Möge niemandem einfallen, “Lyrik wäscht sich nicht” zu singen. Was als Spaß begänne, könnte mit Anstiftung zur Volksverdreckung enden. Dafür kommt man in die Anstalt und wird unter Aufsicht sauberer Mädel gestellt.

Sich nicht zu waschen gilt als eine der effektivsten Verhütungsmaßnahmen. Auch bei der Lyrik wird das zur Folge haben, dass sie sich nicht weiter vermehrt. Ist das so gewollt? Ein Spezialkommando könnte damit beschäftigt werden herauszufinden, ob in der Welt (in welcher Welt?) verhältnismäßig viel oder wenig Lyrik gelesen wird und ob das darauf zurückzuführen ist, dass die Lyrik sich eben mäßig, mäßig viel, viel oder gar nicht wäscht. Schon sehr bald spielen dann auch Fragen wie diese eine Rolle: Welche Lyrik? Die deutsche, die griechische, die russische, die iranische, portugiesische, lateinamerikanische, die Weltlyrik, die Gelegenheitslyrik usw. usf. …? Wäscht die eine sich mehr, die andere weniger, oder kommt man zum erstaunlichen Resultat, dass die Lyrik sich überall auf der Welt gleich viel oder wenig wäscht?

Reflektieren und fabulieren Lyrikschreiber und -schreiberinnen über ungewaschene oder sich nicht waschende Lyrik? Sagen sie: “Ich sehe schon kommen, dass …”? Baut sich vor ihrem inneren Auge ein Bild auf, eine Szene, in der die Lyrik erscheint und sich über den Brunnen, über das Waschbecken, die Wanne, die Schüssel beugt wie die Königin des Waldes über den Spiegel der Vorhersage in der Verfilmung von “Der Herr der Ringe”? Fragen Autorinnen und Autoren sich, was mit ihren Texten passiert oder wie sie diese aufbauen würden, wäre klar, sie bekämen’s zu tun mit der Lyrik, die sich wäscht oder nicht und die jeden Augenblick hereinplatzen könnte und sie, die sie schreiben, zur Verantwortung ziehen? Finden Zwiegespräche statt tagsüber oder des nachts zwischen Autorinnen und Autoren und der Lyrik? Setzen Autorinnen und Autoren sich auseinander mit dieser planschenden, plätschernden oder wasserscheuen oder sonstwie zum Wasser sich direkt oder indirekt verhaltenden Lyrik wie der Philosoph sich auseinandersetzt mit der Moral, den Nacht- und den noch viel gefährlicheren Tagträumen? Wird eines Tages die Lyrik aufkreuzen am Ende der Straße und heranrücken wie der Riesenmarshmallow in “Ghostbusters” oder der Tyrranosaurus Rex in “Jurassic Park” und die ganze Welt definitiv wissen lassen, ob sie gewaschen oder ungewaschen ist, grundsätzlich oder von Zeit zu Zeit? Oder passiert das längst: Werden Schreiberinnen und Schreiber oder auch Leserinnen und Leser heimgesucht von der sich nicht waschenden, ungewaschenen oder sich sehr wohl waschenden Lyrik, und niemand ringsum bekommt davon etwas mit, nimmt Notiz, will was bemerkt haben; steht sie im Raum wie die Herren bei Kafkas Josef K., der ins Gericht nicht kommen konnte, oder wie bei der Frau, die auf einem Flugblatt bekanntgab, dass die Polizei schon einmal bei ihr gewesen sei, weil sie jemandem ähnlich sehe. Oder könnte dieser Jemand die Lyrik gewesen sein und die Frau kam ins Zimmer und die Polizei war schon wieder weg? Existieren bereits Texte mit Auskünften darüber, ob die sich nicht waschende Lyrik präsent ist oder nicht, ob sie was anstellt mit dem, der sie schreiben soll oder schon geschrieben hat, oder ob sie sich eher zurückhält oder im Gegenteil massiv Einfluss nimmt auf’s Schreiben? Wird etwas darüber gewusst, ob Texte entstanden sind, in denen von der Thematik des Ungewaschenen einzig und allein deshalb dort zu lesen ist, weil die sich nicht waschende Lyrik das verlangt hat, den Schreiber erpresst, ihm gedroht, wenn er solches nicht schriftlich fixiere, dann werde sie sich ihm entziehen? Möglicherweise ist so etwas schon öfter passiert, als man annehmen mag. Viele Autoren haben das Lyrik-Schreiben aufgegeben, und es werden die unterschiedlichesten Gründe dafür genannt. Einer könnte sein, dass die Lyrik sich mit kalter Schulter abgewendet hat, sich verweigerte, geschrieben zu werden, auf Nimmerwiedersehn.

Ob sich wohl eine einzige Lyrikerin findet, die Auskunft darüber gibt, dass sie sich nicht gewaschen hat, nicht wäscht, und dass auch ihre Lyrik ungewaschen oder nicht gewaschen ist? Lyrik gehört zum sich waschenden Menschen wie der Lyriker zum Wasser, dem transformierenden Element. Es gibt deshalb wasserfestes Papier und Stifte, die unter Wasser schreiben, damit Verse, die unter niedergehendem Brausenass einem besonders gern in den Sinn kommen, notiert und somit festgehalten werden können, ehe das fließende Wasser sie mit sich fortnimmt und einem anderen Gedichte Schreibenden als Inspiration zuträgt. Wasser ist ein Vielkönner. Die meisten Poeten duschen gern und die allerbesten baden auch. Es kommt einem da eine Flut von Gedanken. Einer nannte sich sogar zusätzlich Baader. Das war Absicht. Ob er sich in eine leere Wanne legte mit einer prinzipiell beibehaltenen Ungewaschenheit oder nicht, Baader blieb Baader. Soviel konnte bereits eine Wanne ausmachen. Das Wasser war angedacht und ein unterschwelliges Nassmachen damit jedenfalls gegeben; das schlug auch auf die Lyrik durch. Das Wasser nimmt sich die Lyrik vor, die Lyrik den Lyriker, der Lyriker das Waschen, dem Waschen ist das Wasser immanent, der Kreislauf geschlossen. Lyrik wäscht Lyrik. Wer “Lyrik wäscht sich nicht” sagt, der muss auch “waschen” sagen. Mit dem Vorhandensein des Wortes “wäscht” ist alsogleich das Waschen assoziiert und anwesend und damit auch diejenigen, die dieses tun, an sich selbst und an Objekten. Wie wenn man “Störteufel”*5 sagt. “Ferdinands Zauberhäuschen” hat uns gelehrt: “Den Namen nicht nennen!”, um den Namensträger nicht anzulocken. Das Wort “wäscht” wäre also notwendigerweise besser zu vermeiden gewesen, um gar nicht erst den Gedanken daran aufkommen zu lassen und somit – was ja nicht beabsichtigt war – an die Lyrik, die sich wäscht. “Lyrik sich nicht” hätte genügen müssen.

Ein anschauliches Beispiel für die Verbindung von Baden und Dichten bietet das von Elisabeth Shawn illustrierte Buch “Schaumköpfe”, erschienen im Kinderbuchverlag der DDR, die Verse stammen von Heinz Kahlau. “Wäscht man nur Beine, Bauch und Hand, / knirscht auf dem Kopfe noch der Sand.” oder: “So blitzeblank von Kopf bis Zeh, / da schmeckt der süße Milchkaffee.” Das Buch wurde ein Klassiker und ist noch heute zu bestellen. Man könnte es vielleicht einmal neben einen Gedichtband von Jan Wagner halten; es werden sich Abgründe auftun. Lyriker und auch die Lyrik dürfen nicht nur hin und wieder sich waschen und schaumköpfig sein – sie sollten sogar!

Reaktion des Dresdner Autors und Herausgebers Holger Wendland auf „Lyrik wäscht sich nicht“: „Lyrik ist ungewaschen. Lyrik kann sich ja nicht waschen … beziehungsweise: Lyriker können sich waschen, Lyrikerinnen waschen sich sowieso; obwohl die Schweizer Einwanderungsbehörde seinerzeit Else Lasker-Schüler in einem Überwachungsprotokoll vorwarf, sie sei ungewaschen.“ Ungewaschene Lyriker sind meist überfallartig abgeholt worden. Entweder von Amtspersonen oder vom Text. Ist dies der Fall, sollte mit ihnen Nachsicht geübt und ihnen die Benutzung des Waschbeckens gestattet werden, so es sie danach verlangt.

Dichtern, die sich nicht waschen, könnten ihre Texte anzumerken sein. Die nämlich werden mit der Zeit immer steriler oder bröseliger ob der trockenen Selbstversuchslaborbedingungen, unter denen sie entstehen. Staubbildung ist die Folge, Niesschnupfen. Die Dichter fallen in sich zusammen wie Sandsäulen. Viel zu viel Energie wird verschwendet auf den Trotz gegen das Sichwaschen beziehungsweise Nassmachen. Das macht zusätzlich mürbe. Erstens: Diese Energie fehlt beim Dichten. Zweitens: Von sich nicht waschenden Dichtern verfasste Texte entwickeln eine merkwürdige, regressive Eigendynamik. Sie neutralisieren sich schließlich oder verkümmern.

Eine andere Möglichkeit, die ein Gedicht haben kann, ist ein Geschriebenwerden von sauberer, gewaschener Hand, an sauberem, gereinigtem Ort, ein gefülltes Glas in der Nähe. Sofort entwickelt der Text ein Fließverhalten und beginnt, sich anzureichern, denn wo nichts ist, kann umso mehr noch aufgenommen werden. Sich nicht waschende Lyriker mögen fleißig sein, die Lyrik der sich Waschenden hat aber Fließqualität. Wasserhinzugabe zur geschriebenen Lyrik und nachfolgende Schaum-, Schimmel- oder Fäulnisbildung sind ein Garant für das Entstehen aufregendster Verse oder auch eines fuchsig machenden Kurzschlusses, der hochgradig energetisch befördernd auf die Aktivitäten des Autors wirken kann.

Es sei erinnert an die Beschreibung des Spiels, das Matthias Baader Holst einmal in einer Bahnhofshalle mit herabfallenden Wassertropfen*6 trieb, die er vor den Augen der Zuschauer rieb und zerrieb, als könne er aus Flüssigem Trockenes machen. Ein ionenangereicherter Autor, der ständig Lyrik hervorbrachte und diese lebte. Von ihm konnte man lernen: Ein wenig verderbliches Aroma wird gebraucht. Ohne Flüssigkeitszugaben ist das nicht zu haben. Geruchsbildung garantiert Reaktionen. Wasser hält den Kreislauf am Zirkulieren, bewirkt Fäulnis, Zersetzung, Verschlammung, Neukeimung. Das Schreiben muss im Flusse bleiben. Dichter sollten nicht das Trockne suchen, sondern in den Regen gehn, verderben, vergehn und widerwerden. Der Autor Gregor Kunz am 1. Dezember 2012: “PS.: Irgendwann 2008 im Sommer hatte ich so einen Regen, mitten in den gelben Kornfeldern der sächsischen Pampa, oder der hatte mich an einer baumlosen Landstraße. Eine gigantische Wolke stand dunkelblaugrau überm Elbtal, eine merkwürdig schwefelige Bewegung um sich selbst, ein blauer Wirbel gedehnter Zeit. Kurz vor dem Platzen habe ich sie fotografiert, dann Apparat und Zigaretten tief im Rucksack verstaut. Dann habe ich nicht mehr viel gesehen, nur Wasser, das sehr dicht von oben nach unten fiel und wieder hochspritzte, schäumte und floss, in Bächen und Nebeln herumzog. Die Autos fingen an zu schwimmen und ich bin von der Straße weg und langsam über die Felder gegangen auf ein kleines Waldstück zu, von dem ich wußte, wo ungefähr es liegen musste. „Poeten rennen nicht“, meinte Arno Schmidt, aber selbst wenn, es hätte nichts genützt. Als ich da war, war ich auch durch.
Ich hab dann unter Kiefern und Eichen im Regen gestanden und gewartet und hätte gern geraucht. Es goß noch wenigstens 20 Minuten und gleichzeitig schien die Sonne.“ Lyrikschreiber, die nicht gern regennass werden, nicht viel trinken und nicht in die Nähe von andern gehen, die sie nasspritzen könnten, spülen zumindest Gläser oder waschen ihre Pullover in Flüssen oder Regentonnen oder sie suchen die Nähe von Springbrunnen. Deren Lyrik ist immer dabei. Geriete sie ihnen zu stumpf – es würde kaum wer darauf anspringen. Langweilig. Bleibt leicht unbemerkt. Am Menschen kann man das studieren. Wer nach nichts riecht, wird schneller vergessen.

Geruchsbildung, besser noch: Gestank fördert das Aufmerken und die Aggressivität im umgebenden Biotop, und ganz ohne diese kommt insbesondere lyrisches Schaffen nicht aus. Beispiele für eine solche zwischenmenschliche, sensationsförderliche Feindseligkeit gibt es einige. Will man sich davon überzeugen, begebe man sich am besten Ende Juli nach Griechenland, vorzugsweise nach Athen, wasche sich bei 38 Grad vier Tage nicht, lasse auch seine Lyrik sich nicht waschen, setze sich dann dort hin, wo Menschen Gespräche führen, und warte ab, was passiert. Auch am 6. Juni 2015, in Berlin, bei 34 Grad wäre so etwas auszuprobieren möglich gewesen. Da hätte man konkrete Erfahrungen sammeln können, falls man solche des Sich-nicht-Waschens noch nie gemacht hat, trotzdem aber die Vorstellung entwickelte, nach welcher die personifizierte Lyrik sich sowieso grundsätzlich nicht wasche. Du ahnungslose Heiterkeit …

Sich einige Zeit nicht gewaschen zu haben, ist der beste Garant für Tumult, für Messer, die in Taschen aufgehen, für Fluchtverhalten, das ausgelöst wird. Die Lyrik liebt das, manchmal. Wenn ihr danach ist. Wenn sie sich derart zu verwirklichen gedenkt. Das kann ihr gelingen, auf zweierlei Weise. Durch aktives Nichtwaschen, aber auch dadurch, dass sie Homo Sapiens in raffinierter Weise dazu bringt, von ihr zu denken, dass sie sich nicht gewaschen habe, oder von ihr solches zu behaupten. Wie das vor sich geht, ist ebenfalls im zwischenmenschlichen Bereich zu beobachten.

Selbst die in einem völlig neutral gehaltenen Ton getroffene Aussage: “der riecht” oder: “der roch sehr eigen” oder: “der wäscht sich nicht” ist wohl ein wesentlich effektiveres Mittel, Menschen zu diffamieren und damit Groll und Empörung zu erzeugen, als es andere, kompliziert erdachte und sonstwie geäußerte, bösartige Behauptungen vermögen. “der wäscht sich nicht” wird andere auf Abstand zu diesem Ungewaschenen gehen lassen. Nicht auszudenken, wär’s erst eine Sie. Und die Lyrik ist ja eine Sie. Ein unüberlegt dahingesagtes “Lyrik wäscht sich nicht” könnte zu deren Isolierung führen, sie kaum noch zur Kenntnis genommen oder gelesen werden, ihre Existenz in einer Mikro-Nische wäre so gut wie besiegelt. Welche allerdings zu einer Makro-Nische zu mutieren vermag, immerhin. Trotzdem – wenige Leser fänden Zugang zu ihr, so wie Besucher, die vor einem Käfig im Zoologischen Garten auch dann ausharren würden, wenn sich darin nichts sehen ließe außer einer Höhle, in oder vor der sich nichts regt. Immer wird es jemanden geben, davon überzeugt: “Da ist was! Auch, wenn man’s nicht sieht!” Viele jedoch sind von diesem inneren Vertrauen nicht erfüllt, gehen vorbei, schauen nicht einmal flüchtig zum Käfig hin oder denken sich: ‘Warum hat man das Gehege nicht längst geräumt oder ein anderes Tier reingesetzt oder eine Spiellandschaft draus gemacht?’ Ahnungslos, dass in der Tiefe der Höhle die Lyrik wohnt, die sich zurückgezogen hat, ungewaschen, verschmäht von den meisten Menschen, sich hier konzentrierend und abwartend, Widerstandskräfte bildend. Es bräuchte nur einen Technischen Mitarbeiter in diesem Zoologischen Garten, der auf die Idee kommen könnte, tatsächlich aus dem leeren Käfig mit der von den Tieren verlassenen Höhle eine Spiellandschaft werden zu lassen … Was dann folgen würde, wozu die Lyrik sich, einmal in ihrer Hinterecke aufgescheucht, entwickeln könnte, ließe sich seitenlang ausführen, bis dahin, dass sie abermals Einzug hielte in jedes Haus und in jedermans Sinn, dass es zu einer Renaissance der Lyrik käme und so weiter und so fort, gegen Ende der fünften, sechsten oder siebenten nachatlantischen Epoche.

Vorerst aber wird mit der Lyrik das geschehen, was auch demjenigen widerfährt, über den geäußert wurde: “der wäscht sich nicht” oder “… nicht immer” oder “… nicht richtig”. Solches einmal in die Welt gesetzt, macht die Runde, schneller noch als anderes. Ich halte manche solcher “der-riecht”-Bemerkungen für üble Nachrede und glaube daran, dass Böse Geister diejenigen mit sich nehmen werden, die entsprechende Rede führen, seit ich wiederholt erfuhr, dass ausgerechnet Übel-Nachreder vom Butzemann einkassiert und nicht wiedergesehen wurden, die sich in Sicherheit gewiegt hatten und aus dieser vermeintlich wohlig komfortablen Situation heraus über andere geäußert, dass diese nicht immer gut riechen würden, oder die vermeintlich hilflose Menschen gar noch hilfloser zu machen versuchten durch Empfehlungen wie “Waschen hilft.” oder: “Nicht kratzen, sondern waschen!”

Gewiss, das kann ungeahnte Verteidigungskräfte freisetzen … Eine Möglichkeit, sich gegen solches zu wehren, wäre die lautstarke Entgegnung: “Nichtwaschen hilft mehr.” Bekanntlich reinigt Dreck den Magen und Wasserscheu hat Katzenwäsche zur Folge und ein Katzensiebenleben. Sich überlebensgewiss und immun gegen Diffamierung zu zeigen, bedarf allerdings einer entsprechenden Schlagfertigkeit. Es gilt zu signalisieren: Man wasche sich bewusst nicht. Man wäre vornehmlich Lyriker, durchdrungen von Lyrik, die sich nicht wäscht, man könnte auf die fiese Stänkerei mit Gegenpestgeruch reagieren und wär fein raus im Prozess der ausgleichenden Gerechtigkeit. Eine Mitgliedschaft im Infektionskommitee könnte womöglich auch als Selbstbewusstseins-Stabilisator taugen. Man benutze aus unterschiedlichen Gründen kein Washi-Papier. Man lege das Datum für den Internationalen Nichtwaschtag fest und propagiere, die Welt solle sich einen Tag lang nicht waschen … oder auch eine ganze Woche nicht oder nie mehr. In dieser Zeit könne Lyrik gelesen werden.

Es käme auf die Probe auf’s Exempel an, herauszufinden, ob das funktioniert mit dem Nichtwasch-Kontern, zu welchem Zeitpunkt, an welchem Ort, bei wem, unter welchen Begleitumständen, bei welchen Wasserständen und Tauchtiefen.

Man kann sich aber auch still verhalten, scheinbar defensiv, das Opfer mimen, dem Übel-Redner-Peiniger einen lustvollen Moment vermeintlicher Ewigseligkeit gönnen, indem man Tränen in die Augen steigen lässt, die Mundwinkel sinken, den Kopf hängen, die Schultern hochzieht, geneigten Hauptes und insgesamtgeknickt sich abwendet, in ruhiger Gewissheit, dass der Butzemann bereits unterwegs ist und “diese Angelegenheit klären oder bereinigen wird”.

Hochmut kommt vor dem Fall. Kaum hatte ich mich – während ich mit viel Wasser einen teuren Holzboden glänzend und sauber wischte, um der Lyrik einen Spiegel zu bieten – daran erinnert, wie grausam die Rachegötter sein können, stieß ich mit dem Wischmoppstielende gegen einige hochempfindliche Objekte, die vom Sockel stürzten und Dellen in die Dielen schlugen; eine deutliche Botschaft im Sinne von: Demut vor dem Feind! Es ist erschreckend vorhersehbar, wie treffsicher die warnenden Geister sich einstellen beim kleinsten Anflug von Überlegenheitsdünkel. In der Lyrik schlägt Schere den Stein nicht und Stein nicht Schere, Papier deckt den Brunnen nicht und Brunnen schluckt nicht Papier. Keine Sieger und Besiegten. Man wasche sich nicht oder wasche sich, die eine oder andere Lyrik wird überdauern. Nichtwaschen lässt den Humor strohig werden wie in einem Humidor die Zigarre ohne etwas Feuchtigkeit. Nichtwaschen gibt sich etwas unlustig. Und manch eine Lyrik ist dem Tiefernsten durchaus nicht abgeneigt. Diese trägt selten bunt, ihre French Maniküre ist das Schwarz unter den Fingernägeln. Gegen Ende der fünften, sechsten oder siebenten nachatlantischen Epoche könnte sich das vielleicht ändern. Aber vorerst bleibt’s dabei: Falls die Lyrik sich nicht wäscht, so will sie sich doch waschen.

Ich verweile an dieser Stelle noch eine Zeitlang da, wo es nix mehr zu lachen gab, gibt, wo die Welten aufeinander prallen. Sich nicht waschen wollen ist das eine, sich nicht waschen können, das andere, sich waschen zu wollen und doch nicht zu können, wieder was anderes. Wie auch immer: Nichtwaschen führt zu Verstoßenwerden.

Ein Bus. Der junge Mann hatte es nicht geschafft, rechtzeitig das WC zu erreichen. Für die nächsten drei Stunden blieb er in einem Radius von etwa zweieinhalb Metern isoliert, in der sonst allerbeengtesten Situation. Dass er nicht erschlagen wurde lag daran, dass man statt seiner seine Frau schlug und später sie mit den beiden Säuglingen aussetzte, in einem Landstrich, in dem weit und breit nichts war als steinharter, aufgeplatzter Erdboden.

Folter, Erniedrigung, Isolationshaft gehen immer wieder auch damit einher, Menschen das Sichwaschen zu verweigern. Die Reaktionen auf den so gepeinigten, ungewaschenen Menschen sind vorherwissbar; von ihm wird Abstand genommen, er wird gemieden, ohne dass die Menschen um ihn herum sich dazu absprechen müssten.

Oder das: “Ihm ist es unangenehm, sich in der Gemeinschaftsdusche vor den anderen Männern auszuziehen. Oft wartet er bis drei Uhr nachts, damit er die Duschräume für sich allein hat.“ So zu erfahren im Artikel*7 über einen Flüchtling aus Syrien, untergebracht in einer Turnhalle in Berlin-Zehlendorf.

Die angeführten Beispiele berichten allesamt von Männern, und sie seien ergänzt durch das des “Stinkers”, eines vom Erniedriger erniedrigten Erniedrigers aus der Filmserie “Games of Thrones”.

Der Dichter Jannis Ritsos rettete seine Seele in den Gefangenenlagern auf den Inseln Jaros und Leros, weil er seinem Entschluss treu blieb, sich täglich zu waschen, morgens und abends, wie schwer es ihm auch wurde und gemacht wurde.

Das Sich-Waschen gänzlich einzustellen an einem Ort, an dem fließend warmes Wasser aus der Wand kommt und Licht aus der Zimmerdecke, ist nicht selten ein Akt des Trauerns um einen geliebten Menschen, Nichtwaschen die letzte Möglichkeit einer Reaktion auf das Leben, das nicht mehr stattfindet. Ich hatte außerdem einmal eine Begegnung mit einem Mann, der das Sich-Waschen aufgeben wollte, nachdem er erfahren hatte, dass die von ihm gepflanzten Bäume abgeholzt worden waren. Er meinte sich daran zu erinnern, dass Beethoven einmal geäußert habe, der Verlust eines geliebten Baumes könne ihn mehr schmerzen als der eines Menschen. Es mag Fälle von Lyrik geben, die dem entsprechen.

Als Trotzreaktion auf die Einschätzung eines Literaturbewerters, der von ihm für gut befundene Lyrik in Verbindung mit ausreichender Körperhygiene bringt, wäre menschliches Nichtwaschen eine gewagt kuriose Idee, zumal, wenn von dem Herrn nicht zu wissen ist, ob dieser selbst stets gewaschen ist und ob, wenn ja, dabei sämtliche Bereiche seines Körpers mit einbezogen wurden in die Waschung. Und ob der gelobte Lyriker sich tatsächlich genügend wäscht und zwar unter Einbeziehung aller Bereiche des Körpers und gemessen an wessen Nase. Wie will der Literaturbewerter das wissen … Was kann der Lyriker dafür?

Eine Äußerung von Denis Scheck rief Gegenwehr hervor? Ideal! Da haben wir ja bereits das Gute daran. Die Anti-Kräfte sind am Wirken. Jan Wagner schreibt von Giersch und Koalabären? Die sind bereits vom Aussterben bedroht. Unter anderem wegen zu großer Trockenheit. Um die Waschbären steht es noch nicht so dramatisch. “Dit is den Waachner seene Sache, von welche Bärn der schreibt, lasst den nur machen, der wird schon wissen …” Giersch im Garten bekämpft man mit Storchenschnabel.

Es folgte also auf Herrn Scheckens Lob des Jan Wagner, dessen feine Manieren und vorbildliche Körperhygiene ein Aufruf des Infektionskommitees zur Einsendung ungebleichter Texte. Wohlweißlich aber nicht zum Trotznichtwaschen als Reaktion auf ein möglicherweise einfach so dahingeschwätztes “mangelnde Körperhygiene”, das durch die Tatsache des Gedrucktwordenseins seinen Schwätz-Charakter verloren hat und sich – eben noch schwarz auf weiß – in einer für manchen möglicherweise bedrohlichen Wirkmächtigkeit aus dem Text herauszulösen und gewaltig aufzurichten wagen könnte wie ein Wächter, der seine scharfen Blicke alsbald schweifen ließe, um jeden Ungewaschenen oder Teilungewaschenen auszumachen, die Häscher auf diesen zu hetzen, die Häscher, die eigens dafür verantwortlich wären, den überwältigten Womöglichstinker einer Zwangswaschung zu unterziehen … Nichtwaschen als Reaktion auf ein temporär beängstigend wirkendes “mangelnde Körperhygiene” – dazu braucht es wohl einer gehörigen Portion Furcht, Trotz, Widerstands-Courage. Eine Aufforderung zum Nichtwaschen würde mir, der aus der Elbestadt Magdeburg Stammenden, eine Reaktion wie diese in Erinnerung rufen: “… und wenn eener sacht: Spring inne Elbe!, dann machste das och – oder?!” Und wenn einer dich auffordert: Spring nicht in die Elbe, wasch dich nicht, putz dir nicht die Zähne, meide die Inbetriebnahme der Waschmaschine, dann … Hat aber niemand verlangt. Zweite Reaktion, die mir in Erinnerung käme, würde das Nichtwaschen verlangt: ein trockenes “Nur so kann man sparen”. Selbstverständlich, im Zustand des verschmiertverdreckten Verrecktseins spart man das meiste Wasser. Habt aber auch niemand verlangt.

Selbst das Infektionskommitee wagt – obwohl der Lyriker Wagner eine Rolle spielt – sich nicht viel weiter vor als bis zur Ausgabe der Parole “Lyrik wäscht sich nicht” und bis dahin, Brecht zu zitieren: “Waschen verdirbt das Talent”. Wer allerdings weiß, wie Brecht das gemeint hat und in welchem Zusammenhang geäußert. Hat man je etwas über den ungewaschenen Berthold Brecht erfahren? Schrieb Brecht vom das Talent verderbenden Waschen aus eigener Erfahrung? Dass Waschen die Verse verdürbe – dazu äußerte er sich nicht – oder? Nur im Hinblick auf das Talent. Zu fragen wäre wohl: welcherart Talent? und: wessen? Waschen oder Gewaschenwerden, Waschen oder Sichselbstwaschen? Waschen verdirbt das Talent eher nicht, denn wer beim vielen Waschen noch schreiben kann, der hat tatsächlich welches; Talent erweist sich erst unter Schwierigkeiten als ein solches, wahrhaftiges. Man probiere einmal das Schreiben unter Wasser. Wo Wasser ist, da braucht man meist auch eine Dichtung. Waschen verdirbt die Zigarre.

Wenn es also heißt: “Lyrik wäscht sich nicht”, dann kann es sich bei ihr nur um ein überschwelliges Nichtgewaschensein handeln, welches immer zugleich auch ein unterschwelliges Gewaschenwerden ausmacht. Keine Furcht vor der sich waschenden und die Welt waschenden Lyrik! Lyrik will sich gewaschen haben! Am Wasserstand probt sie ihren Widerstand, übt alle Tage Wasserwiderstand, lässt alles sich schlammfruchtig anreichern mit ihrem Gewäsch. Waschet euch unsauber! Ertrinken ist schlimmer. Oder Durst.

Fortsetzungstext, Stand 19. Juni 2015

© Ina Kutulas

 

*1 Liebe Mitstreiterinnen und -streiter, Bewegte und Umgetriebene,
aus gegebenem Anlaß (s. unten) startet die Zeitschrift „Abwärts!“ für ihre nächste Ausgabe im Juli einen Aufruf. Über zahlreiche Rück- und Wasserstandsmeldungen zum Thema würden wir uns freuen – das Genre ist freigestellt (gern auch weiterverbreiten).

Herzliche Grüße,
die Abwärts!-Redaktion

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„Babypille fauler Zauber
Ajax hält das Becken sauber.“ Heiner Müller

Denis Scheck, anläßlich der Nominierung Jan Wagners für den Preis der Leipziger Buchmesse 2015: „Jan Wagner schreibt wunderbare Gedichte über so gegensätzliche Themen wie den Giersch im Garten oder Koalabären, außerdem besitzt er perfekte Umgangsformen und nutzt sein Dichtertum nicht als Ausrede für schlechtes Benehmen und mangelnde Körperhygiene. Was kann man von einem Lyriker mehr erwarten?“

Das Infektionskomitee Abwärts! erwidert: „Lyrik wäscht sich nicht“ und fordert auf, ungebleichte Texte und Kommentare jeglicher Couleur (bzw. Odeur) für die nächste Ausgabe einzusenden (an: abwaerts@basisdruck.de). Redaktionsschluß (Waschtag): 19. Juni 2015.

PS. „Waschen verdirbt das Talent.“ Bertolt Brecht

*2 aus Kiki Dimula, Gedicht “Verfall”, in “Plötzlich wurde ich hellhörig”, Romiosini Verlag Köln, 2008

*3 Abwandlung von Frank Lanzendörfers “unmöglich es leben”

*4 http://genius.com/Smegma-ich-bin-ein-skin-lyrics

*5 Störteufel: Figur aus “Ferdinands Zauberhäuschen”, Kinderhörspiel, LP LITERA 8 60 076, DDR 1970

*6 aus: Peter Wawerzinek, “zu matthias Baader holst. EINE ER-INNERUNG”: “WIE ICH EINMAL MIT MEINEM FREUND BAADER ZUM BAHNHOF KAM UND NICHT VON IHM FORT DOCH IN FAHRT GERIET […] Zeilenzauber. Wortzaudern. Zauber und Zunder. Baader spricht. Es sprechen Baaders Hände. Es reden Baaders Fingerspitzen. Ellenbogen spannen Bögen aus Silben, Worten, Sätzen. Das Gedicht verdichtet sich über die Köpfe des Publikums hinweg zu einem Wortregenbogen, aus dessen Mitte schillernde Worte wie Wasser tropfen, die Baader zwischen Fingerspitzen zerreibt wie Tabak zerbröselt.
Als wäre Wasser nicht Wasser. Als wären Worte nicht Worte. …”

*7 http://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/zehlendorf/alltag-eines-syrischen-fluechtlings-in-berlin-die-welt-ist-eine-turnhalle/11536076.html