Das Männschliche und die Blätter, gefallen auf Laubrupfenbraun

p1050379-nasses-blatt

Das Universum fährt seine eigenwillige Tour, es ist all hier, es lässt sich Zeit. Auf jede Zeit der Welt verlässt sich’s kaum; dem Menschen allerdings, dem überlässt es zeitweilig den einen oder anderen Erdenkram, dass er, der Mensch, sich an Extra-Schlamassel probiere, diesen zunächst gar paradiesischer Natur wähne, irrtümlich, um dann enttäuscht aufzuschrecken, wenn der Schlamassel sich nicht als Guthumussubstrat erweist, sondern ihm eine Patsche ist. Beim Gang durch die Straße der Widerwärtigkeiten sind des wahren Erdenlebens Überraschungen zu erleben: voll des Garstigen, des Unerklärlichen, Aberwitzigen, Misslichen, Hinderlichen, des dem Paradieseszustand Abholden. Ausgeliefert an solches Gemenge, mürbe gemacht wähnt sich ein Mann nach Jahren, wenn dieser Weg nicht zur Straße der Sonne wurde, sondern der Boden sich auftun zu wollen scheint und das Erdige morastige Vertiefungen ausformt, als wollte eine davon den Mann schlucken und dunklen mineralischen Schichten einverleiben. Wie gefallenes Laub, das eben noch goldlichternd tanzte in Lüften, endlich fortgelassen vom Baum, niedergegangen dann, entrauscht.

Hin und wieder allerdings wird vom Universum ein Pausieren des Menschen-Karma veranlasst. Dann geschieht ganz und gar nichts mehr überhaupt sowieso. Dann ist zu erleben, was der Mann anstellt. Nicht länger ausgeliefert, kann nun er ausliefern, der Mann, wenn er will. Sich die Freiheit nehmen und damit tun und lassen, wonach der Sinn ihm steht. Dann übernimmt das Universum kurzzeitig nicht weiter die unabänderliche, ihm obliegende Führung; es öffnet seinen doppelten Boden, schlüpft aus seiner Verantwortung, macht einen Kuraufenthalt mit Detox-Anwendungen, Ölstirnguss, Maniküre, Pediküre, Wechselbädern, Moorpackungen.
Jetzt – gelöst aus der Karma-Umklammerung, plötzlich doch noch auf der Straße der Sonne gelandet – handelt der Mensch selbstabhängig, seine Tat kann dem völlig eigenwilligen Entschlussimpuls folgen. Sie wird erdacht, beschlossen und totalabsichtlich ausgeführt vom Homo Sapiens. Falls nicht ein hemmendes Zögern der Tat vorgeschaltet wird und diese zu guter Letzt wegen eines “lieber doch nicht” unausgeführt bleibt. Dann mag er seinen zeitlichen Spielraum nutzen, der Mann, beim Müßiggang, im Liegestuhl, auf der Bank, Wippe oder auf dem Schaukelbrett vor der Laube, auf dem Rasenstück, oder davon träumend zumindest, in störungsfreier Zone, als sei auch er ein ganzes Universum, der Mann, ein Allumfassendes, das sich endlich frei nimmt von sich selbst. Und seine Bilder beginnen zu fluten …

Tänzer erscheinen nicht selten als vom Schwerelosen regierte Menschenexemplare, ununterbrochen gefordert, sich dünn zu machen, weniger bodenverhaftet, ins Fliegerische sich hineinzusteigern, Tänzer sind Flüchtige, Blattleichte, nicht sehr lastend, es sei denn, sie machen sich absichtlich massig, bleiern, betont träge. Die Köpfe balancieren sie locker wie gläserne Bälle, die im Nu verloren oder zerbrochen werden könnten. Beinah unerdgebunden, fast universenschwerelos bringen Tänzer sich flugs auf die Idee, selbstkönnerisch einen Plan für den Tag zu machen, ein Konzept, mit ihren Gedanken etwas voraus, um ein paar Schritte noch schneller zu sein, endlich über die Horizontlinie zu springen und dort dem eigenen Schatten entgegenzuwarten. Das Leben wie ein Kunststück zu beherrschen – dem Tänzer steht der Sinn danach. Wer vorangehen will, könnte vorvorausdenkerisch sehen müssen. Und ihr Blätter, wollt ihr tanzen. Und ihr Tänzer, wollt ihr blättern. Und ihr Männer, wollt ihr männschlich genannt werden.

Berlin brachte ein Weibwesen in Stimmung, etwas Goldschimmerndes auf dem Leib, blaue Schuh’ dazu. Im Umraum oktoberte es, und die Blätter fielen längst, als zählten sie des Weibleibwesens Seufzer, im Außenraum, vor fünf Jahren, vor den Türen und Fenstern des Saals. Fallen ließ die Goldglanztänzerin sich, wieder und wieder, bis zum Gehtnichtmehr fast. Ihr Strecken, ihr Krümmen, ihr Auf und Ab, ihr Fortkommenwollen, ihr Hierbleibenmüssen, ihr Sich-Festhalten-Lassen, ein Hingeben und Hergeben, Entrissensein, blattgleich im Stoßwind. Der Lucky Trimmer war keinesfalls als Rasentrimmer zu verstehen. Zwei Schritt vor und zwei zurück, einmal hin und einmal her, rundherum … Immer und immer wieder die Schritte, nie aber die selben, im Fallen, Aufspringen, im Sich-Hinstrecken, Wälzen – vorangebracht wurde so die Geschichte. Im Nachgang der Vorgang. Im Vorhinein innigliches Außersichsein. Äußerste Geduld, wortlose Übereinkunft der Goldglanztänzerin und des Publikums, all das mitzumachen, die nicht enden wollende Wiederholung, die doch endete im Moment, als Gewöhnung eintreten wollte, Stumpfheit – oder doch spürbare, benennbare Qual, die endlich, schließlich der Gewalt der Anspannung folgen sollte, dass sich wandle das Zermürbende, das Fragenertragenmüssen nach dem Sinn der Übung. Der Schluss wurde da gemacht, an diesem Punkt, der Tanz nicht länger aufgeführt, sondern in Worte gefasst: “How many roads must a man walk down before you call him a man … Und wie viele Türen müssen geöffnet und geschlossen werden, Bänke verschoben, besessen und belassen, Wagen kutschiert, gebremst, zum Halten gebracht, muss der Mann den Insassen gemacht haben, die Sasse den Hasen in sich aufgenommen, der sich duckt vor dem Fuchse, muss der Igel den Hasen getäuscht haben, müssen Mäntel gehoben und gelegt, Räume verschwittert, Wünsche gehegt werden … bevor der Mensch ein Mensch genannt werde, nachdem er was gefressen, bittesehr … Wie viele Teller müssen gewaschen, Tassen zerschlagen, Gläser gekippt, Brote gewogen, gebrochen, zerbröselt, geschnitten, wie oft Schnitte verheilt, in den Goldenen Schnitt das Menschenmaß gepasst, Blätter zwischen Buchseiten gepresst, Bilder gerahmt, Blicke nach außen von hinnen und wieder und wieder nach innen geschickt worden sein … bevor der Mensch ein Mensch, der Mann ein Mann, männschlich genannt werden kann … wie oft der Rasen gemäht, getrimmt, ein Trimmdichpfad gegangen, ein Rasen, viele Rasen von immer dem selben Mann bespielt, erobert von immer dem selben Spieler oder von diesem Spieler, zusammen mit anderen … Wie viele Rasen müssen von einem Mann gehegt worden sein, wie viel Wäsche von einem Mann zum Trocknen an die Leine geklammert, wie viele buntmarmorierte Eier gesucht von einem Mann, wie viele Hasen besungen, Schleifenbänder gewunden, wie viele Löwenzahnblätter gestochen, wie viele Rasenkanten geschnitten, wie viel Schneefall gesehen worden sein, wie viele Schneemänner geworden, wie viele Kindlein geduldet … Wievielmal Kind … Wieviel Kind und wie viele Kinderseelen muss ein Mann zu sein gewünscht haben und wie oft ein Kind, bevor er ein Mann genannt werden kann: Mann … für sich allein oder als Mannschaft und männschlich…” Die Antwort trägt das himmlische Kind mit sich herum, in seinen Windhosentaschenfalten, das Balg in seinem Blasebalg … zu diesem Empfänger hin eher, her zum anderen später.

Einen Mann packt die Wut, seine Wangen färbt Blutglut wie das Blattwerk an mehr oder weniger Stellen, wenn der Mann die Antwort nicht weiß auf die Frage, die sich stellt, wenn fremde Füße Wege hierher führen, den vertrauten Rasen betreten und fremder Hände Finger Blätter aufheben und nicht gewusst werden kann vom männschlichen Menschen womöglich, ob der Rasen darob entfemdet, ein Irrlabyrinth werde dem Manne, das ganze getrimmte Geviert wohl gar, ob das Blattwerk, welches der Mann schaut, zu fremdeln beginnt, welches so traut sich gelegt hatte auf die Halme, während die Halme ein so trautes Wispern vernehmen ließen, als sollte man da heraushören: Helme … Ach, so ein wohlgefälliger, gut bekannter Rasen, ein Feld, als wär es im eigenen Innersten angelegt, im gänzlich eigenen unversehrten Interesse, dass es aufgenommen werde, das Rasenfeld, vom allerhellsten, dem Manneskörper unfremden, ihm innewohnenden Licht – ein Heim ohne Aberheimliches. Ein ungetrübtes bergkristallreines Sich-dem-Manne-klar-Offenbarendes. Es kommt …
Kinder allerdings, urplötzlich erstmalig erblickte, können unheimlich sein oder werden oder werden wollen, ein Unheim in sich tragen; sie kommen des Wegs, diese Plötzlichen, betreten den Rasen, schleichen sich ein und dann an, schließen auf und zu womöglich mit Himmelsschlüsselchenideen, erhalten Schlüsselgewalt, Schlüsselpositionen, können schalten und walten, alle Spinde der Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft öffnen, durchwühlen, plündern, sich Schicksale zu eigen machen, die ihnen gar nicht gehören, Primelglück, Farnwurzel, Krokuszwiebeln, das Universum schläft ja, sieht es ja nicht in solchen Zeiten, wenn es pausieret; sie treiben sich um, diese Anderen, und treiben es bunt, man weiß nicht, wie weit sie vom Außen und Äußersten schon ins Innerste gelangt sind, am Innenministerium der Seele vorbei gar in die eigenen Windungen des Hirns, Widerwärtiges im Schilde führend, und ob der Mann noch Mann genannt werden kann oder Mensch und ob er nicht rasch seiner selbst entfremdet sich fühlen wird; manches Mal im Laufe aller Zeit war solches schon geschehen, noch eh es jäh gedacht … Wie soll er das wissen, der betagte Mann, wenn nichts bleibt, wie es war, das Leere nicht leer, das Alte nicht alt, das Gewusste nicht gewiss, das Traute nicht traut, sondern untraut wie Unkraut, der Rasen, der dem Mann längst ein eigener urewiger vorzeitinnerlichster Höhlenraum war, als Gemeinplatz nun betreten wird, die Blätter zum Gemeineigentum erhoben und gehoben werden und in selbigem Momente lebhaftes Schauen und Lachen wahrzunehmen sind, wie man es hier nicht gut kennt, wenn Unruhe sich breitmacht über des Rasens Halmhelmen, Mädchen pflückten sie geschwind, dem Trauten ist jetzt eine Untraude entgegengestellt, Furcht erregend, ein Ungemach bereitend inmitten all der Schutzgemächer, die Dämonin, das Blut wird sie saugen aus den Blättern, und denen wird sie es ins Gesicht spucken wie Gift, die einen zaghaften Blick aus dem Fenster zu werfen gewohnt sind … Sie kommen … Bald werden als Neophythen, als rasch Einwandernde die bis eben noch allerheimischsten Pflanzen gelten, niedergewertet, verkehrtgeweltet, fremdgemacht von Fremden, werden ihre Wurzeln gen Himmel wachsen, ihre Blüten sich in die Böden graben, das Licht wird folgen und in die tieferen Gesteinsschichten ziehen, hinab, das Mineralische jedoch aufsteigen, die Himmel zu Höllen geraten, das Unterste zum Obersten sich erheben, Krummes gerade sich strecken, Gerades zu Verbogenem tendieren … Sie verdrehen ja alles, kommen von der anderen Erdhalbkugel und kennen’s nur so, eben unrecht, sie wühlen dieses perfekte Gehege deshalb um und dumm, zerstören die Gelege, verwirren das Gewege verwegen … behalten Fundstücke für sich … Sie kommen …

Wie das endet, wohin das führt, wer das bezahlen soll, wer dafür aufkommt, wer es ausbügeln muss oder ausbaden oder dafür geradestehen … Es kann einen rasend machen … Diese Plötzlichen, die uns überrennen wollen, schon von Kindesbeinen an, gehen her und betreten den Rasen, unbefugt, und es steht nicht drangeschrieben an ihnen, dass es Unbefugte sind, sie tarnen sich unter Hüllen des Nichtbeschriftetseins, so dass man nicht weiß, woran man mit ihnen ist, was es auf sich hat mit ihnen – Rasende oder Riesengnome; eine Schwierigkeit zusätzlich im Leben bedeutet es, sie als solche Nichtbefugten oder vielleicht Dochbefugten ausmachen zu müssen, hinaus schauen sollte man jetzt wohl besser Tag für Tag, abermals und abermals, ob sie nahen, schon da sind, gleich wissen, zu welchen diese Plötzlichen gehören, wie man sie zu verstehen hat … Sie sind nicht als diese oder jene ausgewiesen, sie sind nicht bezeichnet, weder urkundlich beglaubigt noch bestätigt als Rasenbetreterbefugte und zu Blattaufhebern Ermächtigte, nicht unter “gleich mit unsereins” verortet, verbucht, nicht zum “Kapitän auf dem Rasen” erklärt, von allen Kapitänen und Königen zum Stürmersteuermann nicht ernannt, nicht etikettiert, legitimiert, das Laubaufheben zu vollziehen, ihr Freudeslachen nicht ausdrücklich genehmigt, nicht schriftlich zu Protokoll gegeben und abgezeichnet, als harmlos nicht verbrieft. Sie kommen …

Der Unbedenklichkeit bestätigende, höchstautoritäre, sie identifizierende Stempelabdruck wohl, wenn erhalten, tückisch verborgen vor den Blicken des betagten, auf seinen Instinkt sich jetzt allein verlassen müssenden Mann; es versteht sich von selbst: vom Manne muss gewusst werden in Bruchteilen von Sekunden, ob Recht hier geschieht oder Unrecht, ein Verbrechen gar begangen wird schon beim Begehen des Rasens, ob dieses Landes Grundgesetz aus den Angeln gehoben wird mit dem Heben der Laubblätter, der Mann soll im Nu bewertet haben, schlussfolgern: handeln oder nicht, so verlangt es das Universum wohl; wenn es den männschlichen Menschen probehalber sich selbst und seiner ganzen Freiheit mitsamt aller Entscheidungsgewalt überlässt, dann sollen die Dinge sich inzwischen augenblicklich selbsterklärend offenbaren oder als solche vom Manne und Menschen erfasst und ausgedeutet werden, als läge jegliches Beurteilungsurteil als einzig richtige Antwort allzeit in der Innenraumluft, in der Zimmerluft bereit, die der Mann stetig atmet hinter der gläsernen Scheibe, Innenraumluft, die ihn schlau und universalerkenntnisfähig gemacht haben sollte, längst. Die Lehr-Erkenntnis muss nur gewonnen worden sein, beizeiten, und nun parat. Sie kommen …

Alter Mann, was tun?? Nun …?? Entscheide! Angriff, Verteidigung, Rückzug, Abwarten, Nichtschießen, Aktivwerden, Zögern, vor oder zurück …?? Das Universum lässt dich allein, prüfend, mit dieser Frage. Bist du Mann, Mensch, wirst du ein solcher genannt werden können? Bist du dafür genug Straßen gegangen in deinem Leben? Gehst du durch als Mannmensch, dann, an des Paradieses Pforte? Steht das hier zur Debatte, während die Plötzlichen auf dem Rasen schon stehen, her und hin schon gehen, sich mehren womöglich, wenn sie erst Fuß gefasst haben, wo vorher die Helmhalme allein standen und die Blätter lagen, bunt wie Antworten, sich nicht rührten, nicht lärmten, wo der Boden sich gesetzt hatte, längst, und Menschen in gesetztem Alter ringsherum wohnhaft, im Behausungsverbund mit Jüngeren? Sie kommen … Wie handelt der betagte Mann, nachdem er so viel Straße im Leben abschreiten musste, so viele Fragestellungen ihrem Sinngehalt nach verstehen, so viele Antworten wissen, solche nach den Verkehrsregeln, nach dem Periodensystem der Elemente, nach der Brandschutz-, der Abfüll-Verordnung, nach den Erste-Hilfe-, den Sofortwiederbelebungs-Maßnahmen, nach der Rangordnung, nach den Bestimmungen, nach der ersten Bürgerpflicht, nachdem er so müde sich gekämpft, sich aufgerappelt und wieder verausgabt hat, vieltausendmal, erfolgreich oder nicht der Rede wert, vergeblich, völlig umsonst? Ist der Mann in des Wissens Stand erhoben und kann ermessen: Darf ein Lachen erschallen auf diesem Rasen, oder schädigt ein solches an sich die gute Bodensubstanz, beeinträchtigt Zellwachstum, Wurzelbildung, Begrünungsgrad? Bringt es den ph-Wert durcheinander und damit das Grundwasser in ungünstigen Stand? Sie kommen … Darf sich heimisch gefühlt werden von solchen, die noch nie zuvor hier sich zeigten, wäre ein Befremden und gleichzeitiges Fremdwerden der hiesigen Anwohner jetzt zu vermeiden, ist ein sofortiges Vertreiben der unbekannten, plötzlichen Auslöserverursacher vonnöten, sogar direkt erforderlich, ein Erzeugen von abschreckendem Lärm, ein Klappenschlagen, ein Rufkartätschen-Abfeuern, ein übermächtiges Brüllen, ein Blut-und-Boden-Hämmern ans Fensterglas, und wenn ja, in welcher Stärke – eher, wie wenn ein Hase, ein Starenvogel, ein Fuchsräuber, ein Eierdieb, ein Mückentückentuckmuck oder wie wenn ein Löwe, ein Olifant, ein Dinosaurier, ein Gigantoobermonsteratus zu verscheuchen wäre, was fordert das Universum mit allen Elementen vom betagten Mann, dessen Augen schon so viel gesehen haben könnten, dessen Füße so viele Wege schon gegangen sein dürften, dass er Mann genannt werden müsste von anderen. Von Hiesigen, solchen, jenen oder Abholden, Aushäusigen, Dortigen, Überschärigen, Urplötzlichen? Welche Antwort legitimiert den Mannmenschen, sich als wohnhaft wahrnehmen zu können, mehr als es anderen zugestanden sein kann … niemals jedoch gesondert von allen anderen Wohnhaften der Welt, ewiglich eingebunden in den Kreislauf von Aufgenommenwerden und Entlassenwerden vom Nichts ins Nichts … Sie kommen … Wirst du verloren sein, betagter Mann, wenn die Kindlein da auf dem Rasen stehen und einhergehen, wo sie vordem noch nie anwesend waren? Ist dir, Mann, gekommen aus dem Nichts, die Rückkehr ins Nichts versperrt, wenn sie dort stehen und gehen und lachen gar? Verunmöglichen sie dem Universum das Einssein mit dir? Oder sind sie nur eine Probe, deinen Männschensinn zu erfahren? Wirst du ausflocken, zerstieben wie ein zu Pulver sich zersetzender Kunstschneemann im Wind, weil diese Kinder den Leerraum über dem Rasen in seiner Homogenität beschädigen, zerstören, konterminieren, unterminieren womöglich, dort, da gewöhnlich dein Schauen seinen Platz findet und dein Leben einen Fix-, Flucht-, Angel- oder Knackpunkt? Wo Schneck und Spinnlein, Tausendfüßer und Ameis ihr Reich errichtet haben. Dieser Prüfungsstress … Du kannst jetzt nicht sagen: Da hab ich gefehlt, in dieser Unterrichtsstunde des Universums, als das Kapitel “Wer als Plötzlicher kommt und geht, bleibt und fehlt, flieht und steht” durchgenommen wurde. Du kommst …
Blätter liegen auf anderen Blättern und wollen wieder Erde, wieder Blattwerk werden. Dürfen Hände nach ihnen fassen und diesen Prozess verzögern, unterbinden oder überbinden gar, rückverbinden, geht das gegen die Rhythmik der Natur? Schadet das Plötzliche oder eher das Zögerische, Langatmige? Wird der Mann als ein rechter Mann sich erweisen? Schon schlägt gegen das Glas seine Hand die Antwort. Hör seine Trommel, Universum, da hast du eine Probe auf’s Exempel … Er kommt …

Simon, in Allerweltsauftrag, machte vor kurzem Mitteilung: “Besser ignoriere das Schlechte und fokussiere auf das Gute. Nicht, um wegzuschaun oder um sich in die Wohlfühlzone abzusetzen. Sondern wegen des GESETZES DER ANZIEHUNGSKRAFT. So funktioniert das Universum. Wenn du deine Aufmerksamkeit auf etwas richtest, wirst du noch mehr von diesem bekommen. Verstehst du? Wir alle sind göttlich und miteinander verbunden – unabhängig von Rasse, Religion und finanziellen Möglichkeiten. Also müssen wir die guten Schwingungen stärken, und sie werden sich verstärken wie der Wind. Verstehst du?“
In Betrachtung der Blätter. Den Herbst also beschrieben die Pina-Bausch-Tänzer mit einer schwippschwingenden Bewegung der Hand. In vier Sekunden die ganze Jahreszeit präsent, in zwanzig Sekunden ein ganzes Jahr durchdekliniert. Die Tänzer gingen im Kreis ihre Bahn und wiederholten alle Zeit, Zeit um Zeit um Zeit. Eines Tages schlägt sie dir entgegen. Eines Tages verliert sie dich im Galopp. Im Verlorenwerden lässt diese Zeit sich ermessen … Der Augenblick … Eines Tages lässt Zeit sich finden … In diesem Moment stellt sich dir Chronos. „Chronos und die Trauernde“ – zwei Figuren auf einem Sockel in Radebeul, der Kreisesstadt. Im Kreise des Jahres Tänzer, kreiseltänzerisch Wege zeichnend. Sie fließt noch weiter, die Elbe, strudelt, mäandert. Wasser weicht Papier und lässt Baumblätter modern, Pappeln lodern, Erlen schwärzen, Linden herzen, Birken harzen, Eichen knarzen … Des Flusses Arme satt von Morast. Und die Moral – Last am Zweigesast. Hol tief Luft. Sie kommen … Der Krähenkuckucksvogel verkündet.

Hier die Großstadt und dorten. Färbt sich das Laub der Ahornbäume vor diesem sandgelb gestrichenen Haus, erglüht die Goldnuance der gesammelten Sonnenkraft lichter Monate, der Zeit offenster Himmel, des Frühlingsommers. Blatt für Blatt löst dieses Gold sich jetzt, zerfällt zu tausenden einzelnen Seiten, locker gestreut das Buch der Tage. Des Jahres letzter Teppich jedermann zu Füßen. Regnerische Tage … Sie kommen … Dann ist die Zeit der Dornen heran, die Zeit der Gerüste, der Endlosigkeit, der Epedemien, des kalten Gesteins, der Schlitterpartien und Kristallsplitter, der Bittlichter, der Losigkeit. Gregor Kunz rief vor einem Vierteljahrhundert ins Megaphon Ungarettis Verse: „Soldaten / So / wie im Herbst / am Baum / Blatt um Blatt.“ Die Gesetzeshüterin, die Schwarzrabenkuckuckskrähe aufschreit: „Nicht den Krieg denken! Den Blick umlenken! Schnell den Hebel auf Harmonie umlegen, nach da die Aufmerksamkeit bewegen, eh die Sekunde verzwergt, das Universum den Negativfokus bemerkt und das GESETZ DER ANZIEHUNGSKRAFT sich seiner selbst bewusst wird, schlagartig erwacht und seine Wirkung wirkkräftig macht! Schlechtes wird Schlächter. Du nicht gerechter. Schau doch einfach die Blätter an, das urheilige Friedensgold, und vergiss Soldateska, Söldnersold, den Todesmann und Wolfskinder, Häscher und Gehetzte, Äscher und Verletzte, Tarnanzüge, Elend und Krüppel, Knüppel, Ertrunkene und Gebrannte, Gesunkene, Verrannte, Gekürzte und Gestreckte, Entschürzte, Verreckte. Lass den Wind das Laub verwehn, als teile er PAXmagische Schriftstücke, lass die Blicke wortwärts gehn, längs der Lineaturen von Ulmen, von Buchen, Hainbuchen, Rosskastanien. Hör und überhör die Uhren. Stell dir eine Laube hin, denk im Dickicht ein Gedicht, wäge wohl des Blattgoldes Gewicht. Blatt für Blatt. Rauh und glatt. Laublese nach der ihr eigenen Natur. Sieh sie nur.“

Bob Dylan hat den Literaturnobelpreis bekommen. Ich hab vernommen: „The answer my friend is blowing in the wind“ – das verschränkt sich mir im Sinn wieder und aberwidrig mit: „Sag mir, wo die Blumen sind“. Und das „sind“ reimt sich auf „wind“, „blowing“ auf „flowing“, „flower“ auf „Mauer“, „Laub“ auf „taub“. Anna Bronski in ihren kartoffelbraunen Röcken dachte nicht lang nach, im Oktober; nachher sagte sie: „Wirst schon wissen.“ So schlicht und einfach lässt sich Gewissheit verbreiten. „Sag mir wo die Blumen sind! / Die Antwort weiß allein der Wind / Wo der Wind sie hingetragen / Ja, das weiß kein Mensch zu sagen.“ Ich halte mich vorerst an Annas Worte und sag sie jedem, der nicht mehr weiß, wo oben und wo unten geblieben.

Die Herbstherrlichkeit wird sichtbar in den Blättern, die ihr Grün von den Lüften aussaugen lassen und noch andere Farben zur Anschauung bieten. Bis sie sich verausgabt haben und kartoffelbraun sind und weit weg vom Zweig. Drei Kinderlein kamen des Weges, sie waren wohl keine von solchen, die Unzeiten längst anwohnend sind. Die sahen auf vielen braunen die wenigen bunten Blätter leuchten wie Zeichen, die sahen sie fallen, die sahen sie liegen, sie hörten die Blätter raunen, sie sahen das Licht sich wiegen. Und ganz wie Simon es geraten, so taten sie und machten sie es und fokussierten auf die lichten Blattschönheiten, die sich vornehmlich bereitgelegt hatten, um von diesen drei Kindlein gesehen, erfasst, aufgehoben und geschwenket zu werden, als wollte der Herbst so seinen Staat am besten machen. Als wollte er kleine Könige aus ihnen werden lassen, mit Gold und Weihrauch und Myrrhe in ihren Händen.
Die Kindlein beschallten das Blattwerk mit Lachen. Alles in der kosmischen Ordnung, wie Simon es anempfahl. Aber – welch Trauer in den Blattleselandstrichen von Hans Sachs, von Goethen und Schillern, von Heine und Hölderlin, von Novalis, von Kästner, Brecht, Fried, Celan, von Bachmann, Arendt und Kirsch, von Müller, Inge, und Müller, Heiner, von Braun, Czechowski, Hilbig, Endler, Erb und Struzyk, von Baader Holst, Papenfuß, Lanzendörfer, Köhler und Jansen, von Günderrode, Droste-Hülshoff, Rilke, Eichendorff und Sachs, Nelly, von Dichtern, die Straßen querten, beide Hirnhälften auf jede Straßenseite eingestimmt, von Dichtern, die den Mittelstreifen nutzten, zu beiden Seiten hin, als Balancierbalken, den Sturz, den Unfall gewahr durch Gewahrgewordensein, die Unbehausung Straße, den in die Straßenflucht Geschlagenen …, welch Trauer in unzählbaren Silbenfeldern gefundener Worte – Simons kosmische Ordnung gibt sich löchrig, durchlässig, erlaubt lautmalerische Leerstellen, erfasst mitnichten jedes Rasengeviert, lässt Raum; da kann auf Touren kommen, wer die junge Garde der Blatträuberkrieger mit Stängeln und Halmen ins Licht stechen sieht … Ein wütendes Hämmern gegen Glas, ein brüllendes Rufen: „Macht, dass ihr wegkommt! Haut ab, ihr Pack!“ Drei Kindlein müssen rennen, da der Rasenfeldherrenmann zürnt und ins Toben kommt. Wie auch die Windräder rennen und die Herzen rasen. Nur kommen die Dinge nicht von der Stelle. Die Kinderbeine allerdings. Die Packstation gleich hinter dem Park. Die Wut kann einen Mann packen, wenn bereits endgültig gefallene, vom Wind abgeschriebene Blätter noch einmal gehoben werden, bedeckte Rasenstellen noch einmal vom Licht des Tages beschienen, wenn eingegriffen wird in den Naturkreislauf, womöglich empfindlich, wider die Regeln, entgegen der Fallgesetze und Humusbildegesetze Logik auf Erden. Unnatürliches könnte sich ereignen. Das Universum darob zürnen und sich rächen wollen, womöglich; man weiß ja nicht, wie es reagiert, sagt sich der Mann. Wie soll man das Große kennen, wenn’s doch zu groß ist. Die kleinere Dimension allein ist gerade noch so fassbar. Hier kann der Mann auch einen höheren Auftrag erfüllen, Entscheidungen treffen, dieses ins Verhältnis setzen zu jenem, abwägen, sich bedenken, feststellen. Niemand hat ja erlaubt oder informiert, dass erlaubt wurde, von kultivierten, vertikutierten, getrimmten Rasen farbige, goldene Blätter aufzuheben, niemand hat erlaubt, die braunen aber liegen zu lassen, niemand hat erlaubt, es zu erlauben, niemand hat erlaubt, es nicht zu erlauben, niemand hat eine Erlaubnis ausgestellt, mit deren Erlaubnis die abgefallene Belaubung von Bäumen in die Hände von Geduldeten oder Plötzlichen gelangen und von diesen zum Winken und Schwenken benutzt werden könne, niemand hat die Er- in eine Entlaubnis umgewandelt, niemand hat mit Verlaub eine Belaubungsbeglaubigung beglaubigt und dem Antrag auf Inbesitznahme von URlaub überhaupt und an sich stattgegeben, eines wundersamen uranfänglichen Blattwerks, das, wenn es fällt, in die rechten Hände gerate, nicht etwa in die von Kindlein aus Unanwohnerlanden, die sich wie Laubbuben ausnehmen auf dem hiesigen Rasen und einen darob wütend schreienden Mann fürchterlich be- und vertagt und fürchterlich dumm und fürchterlich universal unausgeglichen aussehen lassen, fast so braun vor Ärger wie Laub, das schon länger liegt und mürbe geworden ist. Mann weiß nicht, woran Mann ist. Er kommt … Sie kommen … Du kommst nicht länger umhin … Laubblätter fallen unter die universalen Verteilungsregeln für vegetabile Gestattungsproduktion. Tanzt, tanzt, so Pina Bausch, sonst seid ihr verloren. Blättertänzer … abgeschworen … Eselsohren … Leuchtazoren … Goldergänzer …
Das Schöne ward erblicket und beachtet. Das Universum allerdings ließ sich alle Zeit, blieb außen vor, hielt sich zurück. Du musst schon selbst entscheiden, Mensch. Hat sich der wütende Mann in seiner Rage dreimal im Kreise gedrehet, wird’s wohl vorbeigerauscht kommen, das Universum, die Allmacht, und zu unterscheiden wissen zwischen Bunt und Braun, Hund und Saum, Mund und Traum, zwischen Baum und Borke, Blatt für Blatt. Flaum. Die Goldglanztänzerin vermag’s allein kaum, Anna Bronski vermag’s allein kaum. Keineswegs. Das Männschliche als Solitär bleibt ohne Gewähr. Es kommt ohne Gewehr daher. Schritt für Schritt. Nach dem Kosmischen Gesetz sind alle Laubblätter ungleich und die Straßen verschieden lang, die ein Mann gehen muss, um Mann genannt werden zu können, Mensch.
Das Glas deiner Scheibe im Fenster ist dünn, betagter Mann – nach dem GESETZ DER AUFMERKSAMKEIT. Nach dem GESETZ DER BEACHTUNG. Nach dem GESETZ DER LAUBIGEN VERGEBUNG. Nach dem BESETZ der Tung-dynastischen Männschlichkeit. Es tritt inkraft mit jedem Hauch.

Berlin – Kreta – Berlin, 21. Oktober bis 15. November 2016

Umkehrungsopfer eines derzeitigen Herbstes in Berleppo in Ablehnung geregelter Mahlzeiten und Konzert-Abonnements

p1050025

Dieser Frühling vormals geboren aus Kuckucksrufen und Lehm
aus Strawinskys Atem seine Flugfasern schickt er
von Ost-Aleppo nach Süd West Nord und weiterwärts
hierher ins Brot&ButterBerlin wo auf Hecheln und Hauchen kehliges Röcheln
wartet keine Menschenseele die es nicht ewig schon kostet probt probiert schmeckt
Klangsättigung in der Hauptstadt als sei übergenug Fülle der Lüfte
Hörsättigung in der Hauptsache als sei übergenug Innenohr ob all des Schneckengangs
als sei genügend Sonnengeflecht und zu viel baumelndes Herz am seidenen Strick
als drohe der Stadtkörper zu bersten im Spannungsraum
zwischen zu wenig Unterkunft und noch weniger Auskunft und Auskomm
wer schmeißt denn da mit Geld und Komplimenten mit Worten und Lehm
die Sprachen bleiben kaum bei sich so ganz allein
könntens wohl Wechselbälger ururgrundfürchterliche sein
es braucht keinen Atem Strawinsky nicht noch Dirigat so scheints
das Übervolk leidet abermals an Unterverfolgungszucker
leidet Mangel an bienenfleißiger süßer Philharmonia
Bernsteins Frühlingsopfer verklumpt in den Händen
schwer sinken sie ihm Schwere muss er heben Schwerstdirigent wird man so
Pinas Frühlingsopfer gesäugt von Säuglingsviertelwesen fraßmündigen
achtfüßigen und halblebrigen Sachlageerscheinungen Schwersttänzer wird man so
Ost-Aleppo spiegelt wieder das Echo schwachbrüstiger westlicher Musik
das Gelärme das Kampfesgeblase das Niedergetrommle
und darin das Lebensklügersein zusammengehalten von Dullis
von Klammern und Klemmen die Orchesterklangkörper
verzieren mit ihren Figuren unsere Städte und Gemeinden
sich selbst sind sie die allernächste akustische Garnitur das Hemd gewandet ins Haus
Musik Musik Musik
Applaus Applaus Applaus
als sei unser Dasein uranfänglich vollauf gesichert
das wenigstes wollen wir annehmen
in einem Häusle mit Garten drum herum mit Bäumen und Beeten
im Haushalts- und Spielezimmer
rauchte Marlene Dietrich hörte Radio
und wieder und wieder Le Sacre du Printemps
dazu eine Tasse Kaffee schwarz am Morgen
zwei Katzen Flüchtlingsgäste und der Mann
der seine weglose Liebe hin und her schob auf dem Servierwagen
von Zimmer zu Zimmer Marlene vor dem totalen Gefecht
wusste nicht wohin damit schließlich eine Fehlanschaffung
dieser zischende Schnellkochtopf Remarque Rudolf Sieber Gabin
dieses versalzene Gericht des Paradieses Henkersmahlzeit
weder Shanghai Lily noch Lamplight Lili kam zurecht
mit so viel Schmackeduzchen Hühnersuppe und Leberwurst
du weißt ja nicht wie magenschwer und quer du liegst Berlin Berlin Berleppo
wo sind dein Galgenhumor dein Kästner Kerr deine Waldoff dein Hollaender Tauber
dahin dahin dahin Musik Musik Musik
du hast sie rotieren und laufen lassen anecken in deiner Auffangschale
du hast sie abgespeist nicht wiedererkannt verfremdelt zerfremdelt
du hattest Muse Berlin mit dir selbst mitsamt deinen Unhäusigen
ob sie dich verließen blieben bei dir oder gar erst zu dir kamen
mit Vorgeschichten und Nachreden in deine Lehmklumpengrube
du hast weit mehr verloren als gewonnen
Zerronnen
muss deshalb die Show immer weitergehn Musik spielt und spielt
wie wäre es wenn sie jetzt verstummte dass in Aleppo Licht gedacht und gesehen werde
dass die Welt drumherum nicht mehr irrträumt vom Wunder das einmal geschehen könnte
wie man weiß dieses Wunder gebar Wolfskinder fraß sie sogleich verdarb sich daran
Le Sacre du Printemps sieben acht Jahrzehnte
später mit Kaffeemaschine Kühlschrank Salatschleuder Bügeleisen wir Bedauernswerten
Europäer besitzen ja kaum noch etwas und alle Orchester ratlos tatlos tuten
spielen und spielen und spielen die Zeit rastlos zu Tode
und damit Ost-Aleppo ins Unerlöstsein
vor allem bittesehr uns aber nicht! weh weh weh! uns geht es auch nicht besser! so scheints
zu beißen haben wir weder Wirkliches noch Wahrhaftiges
wir kauen unsere Zähne ab an Blei- Kopier- und Rotstift
noch und nöcher Loch und Löscher in Straße Bahn in Zug und Bus
der Herbst in widrigem Genuss
scharrt und scharrt die Sonne aus jeglichem Himmelspfuhl
und lässt sie aufgehn unter unserem hiesigen heimeligen Horizont
für Dalienwachstum Sternenastern Löwenmaul für Lampionblume
und Arniakamillcalendula für die Gesundungskraft der Lasuren
der balsamischen Tinkturen und Organuhren für Seife aus Aleppo
in annehmbare Formen und Förmchen gegossen das sieht nach Essen aus
Le Sacre du Printemps in jeglicher Erdenblutnässe
in Herzbrotlsteingemengegelage und Verwerfungsschichten
Le Sacre labt sich an den Gesetzen westlicher Musik wieder und wieder Le Sacre lebt auf
gespielt von Haushalts- und Besenkammerorchestern
die besser doch schwiegen zum stummen Lied
das jede untote Seele flugs zur Besinnung brächte
wie wenn ein Wunder geschähe und Leonard Bernstein fände
ein zweites Schweißtuch Angelikawurzel blutstillende Mittel
in seinen Jackentaschen plötzlich als sähe Pina
wer oder was vor ihren Augen den Stolperkreis jäh durchbrach
beim Heben und Senken des Korbes der Blütler in der Brust
Und wieder geht die Maid zur Biegung des Wegs
und wieder zeigt sich dort der Schneider
ohne Hosen ohne Röcke ohne Brautkleidstoffe
schnell naht er winkt überbringt diesen winzigen Koffer
und es tauscht die Maid sich ein gegen das Köfferchen
mit dem man fliegen kann über Wasser und Landzungen
ganz Syrien ist dafür zu haben zusammengefaltet plattgemacht
ein aschweißer Falter gefältelt gecrasht plissiert abgebügelt
es passt in diesen Koffer aus Aleppo der Duft
die allmenschliche Unsterblichkeit
wie ein Hemdkleid das abwechselnd tragen
Marlene und Pina und das Opferkind das komme
der Weltendrehtür nah in diesem Sommerherbst
mit gegenläufiger Tanztendenznatur
Denn wenn das Opferkind nicht weiß
was noch werden soll aus uns endlich vor allem hier in Lehmleberberlin
in Templinkötzschenbrödawienschwerinbautzenköthenneuruppin
wie lange der Treibstoff noch reicht in Berleppo die Nieren noch mitmachen Galle und Milz
dann wirds wohl der Winter wissen und kommen und uns holen ganz sicher
hereinbrechen und uns fressen ganz bestimmt uns Musikwurstgenießer
wir leiden ja Hunger wir darben es knurrt in uns und schnurrt raubtierisch
wir wissen ja ganz und gar nicht mehr weiter als von gestern bis heut
als vom Tellerrand bis zum Untertassenklapperdeckchen bis zum Ende der Gnadenfrist
sonst spielten ja unsere Orchester nicht immer und immerfort diesen Krach dieses Fauchen
die eigengesetzliche westliche musikalische Verlegenheit mit Tönen zuzudröhnen
diese Pein sie lärmt wie das Brummen der Eierkoppfliege im Magen
im gallfarbenen altweibrigen jungmännrigen Vorwinterherbst
O je was müssen wir leiden das Ungewisse im Innern die ganze Welt um uns herum
geizt mit Überlebenscoupons und ist stattdessen höchst spendabel mit Frühlingsopfern
ach wie ists möglich dann sterben müssen auch wir
Oder???
urplötzlich
unvermittelt
schlagartig
viel früher als angenommen
von jetzt auf gleich
mitgefangen mitgehangen
fehlgesondert
ausgeordnet
durch die Bank weg
wieso weshalb warum
He Komplize Vorzugsbehandler! machs weniger kompliziert es geht doch auch ganz einfach
wir waren doch hier zuerst etwas eher höher schneller präziser langlebiger strapazierfähiger
drum haben wir Vorrang gehen vor
denn wir gingen geordnet voraus bestellten Boden und Tagwerk Aufgebot und Pfannekuchen
brachten unter Dach und Fach in trockne Tücher und Butter bei die Brote sind rundgelaufen
musikalisch gebildet sprachlich versiert körperlich trainiert erkenntnisorientiert
wir haben an Ort und Stelle vor Ort auf der Stelle doch alles richtig gemacht
die Nase aus dem Wind genommen gesenkt die Innenohrtemperatur uns beschieden
anwesend in der Zeit flexibel weisungsgebunden aufmerksam im Rahmen des Machbaren
im Großen und Ganzen ganzwegs und halbwegs ins beste Verhältnis ausbalanciert gefügt
nicht über die Stränge geschlagen noch über die Strenge gerochen noch uns ausgesprochen
Und nun was nun
wo bleibt die Belohnung unser Hierseinsehrenbescheid das Exklusivduldungspapier Klasse I
Hunger Hunger betäubender Hunger Durst Durst erstickender Durst
Musik Musik Musik die spielt und spielt und frisst sich in Wolfskinderohren
Wird Aleppo verloren sein zu fern zu nah oder unerhört!! gar wir???
Kuckuck im Herbste nun sage mir …

© Ina Kutulas
Berlin, 29.September / 2.Oktober 2016

Wenn ich dir was wünschen dürfte …

Zu Mikis Theodorakis’ 91. Geburtstag

Vor zwei, drei Wochen, am Tag, als er seinen 91. Geburtstag feierte, stellte ich eine Postkarte mit Marlene-Dietrich-Porträtfoto zu einem Porträtfoto von ihm. Das ergab sich zufällig bei der Durchsicht eines Stapels Papiere. In dem Augenblick, da sie zu ihm gesellt war, bemerkte ich, dass die beiden sich in einem engen, spannungsvollen Zusammenhang befanden. Mikis und Marlene. Zwei Giganten, Performer, Lyriker, die ich mir in einer Show, gemeinsam auf der Bühne, fast nicht vorstellen kann. Oder irre ich. Die beiden hätten es sicher krachen lassen, falls sie nicht bereits vor dem Abend des Auftritts verkracht gewesen wären. Ohne weiteres vorstellen könnte ich mir jedenfalls sofort Mikis auf der Bühne zusammen mit Udo Lindenberg oder mit Rio Reiser. „Tis nichtas sto balkoni – Auf dem Balkon der Nächte“ – das hätte Rio Reiser vielleicht so gesungen und würde Udo Lindenberg vielleicht so singen, wie sie jeder auf seine Art „Wenn ich mir was wünschen könnte“ interpretierten, das Lied, das als eines der von Marlene Dietrich am markantesten gesungenen gilt.
Als das Porträt von Marlene in unmittelbarer Nähe zu Mikis’ Foto zu sehen war, schien mir, dass dieses Lied ein guter Song für seinen 91. ist:

Man hat uns nicht gefragt,
als wir noch kein Gesicht,
ob wir leben wollten
oder lieber nicht.
Jetzt gehe ich allein
durch eine große Stadt,
und ich weiß nicht,
ob sie mich lieb hat.
Ich schaue in die Stuben
durch Tür und Fensterglas,
und ich warte und ich warte
auf etwas.

Wenn ich mir was wünschen dürfte,
käm ich in Verlegenheit,
was ich mir denn wünschen sollte
– eine schlimme oder gute Zeit?
Wenn ich mir was wünschen dürfte,
möcht ich etwas glücklich sein,
denn wenn ich gar zu glücklich wär,
hätt ich Heimweh nach dem Traurigsein.

Menschenskind,
warum glaubst du bloß,
gerade dein Leid, dein Schmerz,
wären riesengroß?
Wünsch dir nichts!
Dummes Menschenkind,
Wünsche sind nur schön,
solang sie unerfüllbar sind.

Kurz vor Mikis’ Geburtstag war Panajotis aus Griechenland da. Nachdem wir uns etwa eine Stunde unterhalten hatten, sagte er: „Was mir auffällt, bei denen, die ich hier in Berlin erlebe, in den Clubs und Cafés … Die jungen Griechen haben keine Träume mehr. Wenn der Mensch keine Träume mehr hat, ist sein Leben vorbei. Was aus diesen „Kindern“ wird – ich weiß es nicht. Was aus Griechenland wird – ich weiß es nicht. Griechenland existierte, solange die Menschen träumten. Selbst in den Kriegen hatten sie ihre Träume nicht verloren, nicht im Bürgerkrieg, nicht während der Junta. Sondern jetzt. Ich werde mein Kind fernhalten davon. Griechenland muss geträumt werden. Es ist eigentlich ein geträumtes Land.“ Panajotis lächelte und verabschiedete sich.
Inzwischen, so war gestern in Spiegel online zu lesen, ist mehr als jeder Zweite der 15- bis 24-Jährigen ohne Job. Man könnte wohl auch deutlich machen: fast jeder. Man stelle sich das für Deutschland vor und lege dieses vorgestellte Bild seiner Mitdenkerei zugrunde, wenn man von hier aus darüber befinden will, was „die Griechen“ tun müssten.
Mikis’ Lieder sind erfüllt vom Träumen der Menschen, das es in allen Jahren gab, in jeder Realität, durch alle Zeiten hindurch. Es ging immer darum, den Horizont erweitern zu wollen. Mikis erzählt in seinen Texten von Träumen, die er des Nachts sah, so dass nicht mehr unterschieden werden kann, wann der Traum in die Wirklichkeit übergeht oder die Wirklichkeit in den Traum, der Nacht- in den Tagtraum, das Tageserleben ins Visionieren. Deshalb ist seine Musik nichts für Menschen, die nichts erträumen. Sie ist etwas für Menschen, die mehr Träume haben, als sie je verwirklichen können, auch wenn sie nimmermüde wären. Je wacher, desto mehr zu tun im Sinn.
Mikis benannte im Gespräch mit dem Journalisten Eberhard Schade im Jahr 2002 seinen früheren Traum: jeden Tag die Akropolis sehen zu können – der sich ihm erfüllte –, und den bis dahin noch unerfüllten: die Aufführung seiner Opern-Tetralogie zu erleben. Auch dazu ist es gekommen.
Wovon träumt Mikis heute? Oder: Was wünscht er sich? In einem Interview mit Carina Prange zu seiner CD Resistance sagte er vor etwa zehn Jahren: „Ich sehe es so, dass meine lebenslangen Bemühungen nicht nur keine Flucht aus der Realität waren, sondern selbst die “wirkliche Wirklichkeit” darstellen. Deshalb tut es mir Leid, wenn andere Menschen diese Möglichkeit nicht zur Kenntnis nehmen. Schlimmer noch – wenn sie sie nicht einmal erahnen können!“
Dass die Menschen eine Ahnung haben von der Selbstverwirklichung durch Bemühen, das könnte heute durchaus noch immer Mikis’ Wunsch sein, ein Traum, gerade weil dieser Traum in der jetzigen Zeit in die Ferne gerückt ist. Vielleicht wird ihn dort, in einer unermesslichen Distanz, ein Wesen wie Marlene Dietrich empfangen – der solches sehr nah gewesen sein muss: Erfüllung in Anstrengungen finden – und ihn in die Gegenwart zurücksenden. In eine Gegenwart allerdings, in der, wie ich es in einem Artikel benannt fand, „die Gesellschaft sich vielen als eine nach unten fahrende Rolltreppe darstellt, gegen die sie anlaufen müssen, um nicht abzusteigen“. Lehrstoff nahm man in sich auf, der zu Leerstoff geworden ist, verpufft in einer Situation, in der die Alternative darin zu bestehen scheint, Menschen von Europa fern zu halten, die nicht aus Europa sind. Eine Situation, in der etliche sich diese Vorstellung vom Glücklichsein machen: ‚Wenn wir doch erst alles nur für uns allein hätten, dann wär alles gut!’ Statt weiter „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ von Marlene Dietrich scheinen sie noch immer Gitte Hænning in sich zu hören, ein stampfendes Fordern: „Ich will alles Ich will alles Und zwar sofort Eh der letzte Traum in mir zu Staub verdorrt“. Wie sollte mit denen, die in diesen 1983er Und-Zwar-Sofort-Schranken denken, Staat zu machen sein? Zeit ist nicht nur Geld. Das erzählen die Traumzeit-Bilder der Aborigines.
Schon ist das Bild von den zwei Inseln außerhalb Europas dagegengesetzt, auf die man Unerwünschte deportieren könnte, getrennt nach Männern und Frauen, ob allein hergekommen oder mit Familie. Es sei kostengünstig. Eine Rückwanderungsbehörde soll die Organisation übernehmen, so der Vorschlag der AfD-Vorsitzenden, von dem vor drei Tagen zu lesen war. Man macht ganz einfach eine Wanderung. Und dort hinten, in der Ferne, wo man hinwandert, ja so gerne, da gibt es Arbeit und Unterkunft und Essen und Duschen. Das Meer wird seekrank und verschluckt den Ruf: „Petri Heil!“ Charon in seinem Boot wendet sich um. „How many roads must a man walk down / before you call him an man / How many seas must a white dove sail …“ Da steht König Midas, noch einmal quicklebendig, am ersten Hafentor. Und wieder ruft er: „Bacchus, Bacchus, sei mir hold, mach, dass alles wird zu Gold!“ Und die Seeräuberjenny steht am zweiten Hafentor und ruft: „Und das Schiff mit acht Segeln / Und mit fünfzig Kanonen / Wird entschwinden mit mir.“ Und Lale Andersen ruft vom dritten Hafentor her: „Ein Schiff wird kommen, und das bringt mir den einen / Den ich so lieb wie keinen, und der mich glücklich macht. / Ein Schiff wird kommen und meinen Traum erfüllen / Und meine Sehnsucht stillen, die Sehnsucht mancher Nacht.“ Und Marlene am vierten Hafentor singt: „Aus dem stillen Raume, aus der Erde Grund / Hebt mich wie im Traume Dein verliebter Mund. / Wenn sich die späten Nebel drehn, / Werd’ ich bei der Laterne stehn, / Wie einst Lili Marleen, wie einst Lili Marleen.“
Man könnte meinen, die Jugend hätte diesen Traum zu träumen verdient: Von Tor zu Tor gehen, jeder Stimme zuhören zu können, ein blauer Himmel darüber, Wolken, die dahinziehen wie prächtige Schiffe, und in der Mitte der Insel ein langer, gedeckter Tisch, an dem alle Dichter und Sänger sitzen und ihre Mantinaden erdenken. Sollten die Kinder es nicht besser haben? Marlene Dietrich selbst schrieb einen Liedtext, damit Kindern gesungen werden könnte:

Sch … kleines Baby, wein’ nicht mehr,
die Mami kauft dir einen Teddybär.

Und wenn der Teddybär nicht mehr springt,
kauft dir die Mami einen Schmetterling.

Und fliegt der Schmetterling ganz weit,
kauft dir die Mami ein rotes Kleid.

Und wenn das rote Kleid zu rot,
kauft dir die Mami ein Segelboot.

Und wenn das Segelboot zu nass ,
kauft dir die Mami den größten Spaß.

Und ist der größte Spaß zu klein,
kauft dir die Mami den Sonnenschein.

Und wenn die Sonne wird dunkel sein,
kauft dir die Mami ein Vögelein.

Und wenn das Vöglein nicht mehr singt,
kauft dir die Mami einen goldenen Ring.

Wenn dir das Ringlein nicht gefällt,
kauft dir die Mami die ganze Welt.

Wenn dir die ganze Welt zu groß,
kauft dir die Mami das große Los.

Wenn sich das große Los nicht lohnt,
kauft dir die Mami den Silbermond.

Und wenn der Mond verweht im Wind,
bist du noch immer das schönste Kind.

Der von Marlene Dietrich hochgeschätzte Erich Kästner zeigt den Erwachsenen derweil allerdings noch immer Das Riesenspielzeug:

Eins habt ihr leider nicht bedacht:
daß Kinderhaben auch verpflichtet.
Ihr wart auf uns nicht eingerichtet,
ihr habt uns nur zur Welt gebracht.

Ihr habt uns mancherlei gelehrt,
Latein und Griechisch, bestenfalles.
Nun sind wir groß, doch das ist alles.
Und was ihr lehrtet, ist nichts wert.

Ihr habt uns in die Welt gesetzt.
Wer hatte euch dazu ermächtigt?
Wir sind nicht existenzberechtigt
und fragen euch: Und was wird jetzt?

Schon sind wir eine Million!
Wir waren fleißig und gelehrig.
Und ihr? Ihr schickt uns, minderjährig,
fürs ganze Leben in Pension.

Wir leben wie im Krankenhaus
und lassen uns von euch verwalten.
Wir werden von euch ausgehalten
und halten das nicht länger aus!

Sind wir denn da, um nichts zu tun?
Wir, die gebornen Arbeitslosen,
verlangen Arbeit statt Almosen
und fragen euch: Und was wird nun?

Einst wußtet ihr noch euren Text,
als ihr uns noch für Puppen hieltet
und wie mit Spielzeug mit uns spieltet.
Doch wir sind Spielzeug, welches wächst!

Auf eigne Rechnung und Gefahr
will jeder, was er lernte, nützen.
Die Tage regnen in die Pfützen,
und jede Pfütze wird ein Jahr.

Die Zeit ist blind und blickt uns an.
Die Sterne ziehn uns an den Haaren.
Das ganze Leben ist verfahren,
noch ehe es für uns begann.

Vernehmt den Spruch des Weltgerichts:
Ihr gabt uns seinerzeit das Leben,
jetzt sollt ihr ihm den Inhalt geben!
Daß ihr uns liebt, das nützt uns nichts.

Man könnte meinen, Kästner habe seinen Text nicht 1930, sondern soeben erst geschrieben. Und das Land, welches als die Wiege der europäischen Kultur galt, ist inzwischen vielleicht zu deren Luftschaukel geworden.
Was für eine Situation, in der in so vielen einzelnen Elternhäusern die Erwachsenen offenbar doch ein gleiches Verhalten an den Tag legten, gleich im Hinblick auf diese Tatsache, dass sie ihre heranwachsenden Kinder immer wieder gemahnten: „Nicht … Nicht … Nicht … Nein, befass dich nicht damit, nein, hör bloß nicht auf den, gib nichts auf das, was der sagt!“ Eine Erziehung, die darauf orientierte, sich fern zu halten von diesem und jenem, auf das nichts zu geben, was außerhalb der Familie gesagt wird, sich mit diesem und jenem nicht auseinander zu setzen, es nicht zu lesen, sich dazu nichts erzählen zu lassen, es nicht mal zur Kenntnis zu nehmen, sondern sich zu verschließen. Den Kindern zu erklären: „Gefährliche Gedanken, falsche, allerorten. Lass sie nicht an dich heran!“
Ich habe inzwischen viele junge Leute zwischen 20 und 35 erlebt, die davon sprachen, von diesem „Nicht … Nicht … Nicht …“. Die Interesselosigkeit im Hinblick auf andere Ansichten, die Unfähigkeit und Motivationslosigkeit, sich mit diesen auseinanderzusetzen, dieses Nicht-einmal-Ahnen-dass …, sie ließen diese Generation mutlos, orientierungslos und unträumerisch werden wie keine zuvor. Sie gilt vor allem deshalb als eine verlorene, nicht, weil das Land für alle Zeit verschuldet ist. Sondern weil dieser Generation die Erfahrung von Gemeinschaftlichkeit unmöglich gemacht wurde. So stelle ich mir das Ende der Welt vor. Wenn jeder „andere“ mein Feind ist und auch mein Zuhause nicht mehr existiert, nicht einmal mehr in meinen Träumen. Beladen mit dem unheilvollen Geschenk der gänzlichen Verweigerung gegenüber „anderen“, mit dieser Last aus Angst, Aversion und Abwehr, die immer wieder zum „Nein“ führt, nicht aber zu Konstruktivität, zur Handlung, zum Sich-die-Nächte-um-die-Ohren-Schlagen in einem Langzeitprojekt. Ausnahmen bestätigen die Regel. Und beladen mit der zweiten Last: Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit … Eine fatale Paarung von Verweigerung und Verweigertsein. Diese Last und die andere Last wird mitgetragen, nach überall, auch in Städte, die ihre Mauer losgeworden sind. Auch in Länder, die jetzt Mauern hochziehn.
Diejenigen, die die große Ausnahme darstellen, tun das eigentlich Undenkbare: Sie schreiben, machen Filme, machen Musik, bauen, installieren was, malen, und jeden Tag singen sie: „Wenn ich mir was wünschen dürfte“. Ich habe sie nicht verächtlich erlebt, keine riesige Kluft aufreißend zwischen Theodorakis und Hatzidakis beispielsweise oder dem einen Sänger und dem anderen, zwischen dem einen Autor oder Filmemacher und dem anderen. Sie sind in aller Poesie zuhause, in aller Musik, und käme ich ihnen mit Marlene Dietrich – sie würden auch zu ihr etwas zu sagen haben, sie würden mir zeigen, dass diese Marlene Dietrich schon längst in ihrem Traum eine Rolle spielt, dass sie performt auf einer Bühne, zusammen mit Theodorakis, damit das Unvorstellbare einen Augenblick wahr sein kann. In ihren Träumen ist es wahr. In ihren Träumen gibt es auch eine Marlene Dietrich schon immer in Griechenland. Es sind die Kinder von Eltern, die auf wundersame Weise aufgeschlossen blieben. Ob sie Flüchtlinge waren oder nicht. Ob ihnen zugehört wurde oder nicht. Ob mit ihnen geteilt wurde oder nicht. Sie hatten Teil an der Welt. Sie erzählten ihren Kindern nicht, dass diese Welt sich auf Lug und Betrug gründe. Sondern sie erzählten ihnen von der Vielfalt des Lebens, die es gibt trotz der Lüge und des Betrugs, trotz des Todes und der Demütigung, trotz der Langweile, trotz allen Mordens.
Oft versammelt sich ein Teil dieser insgesamt nicht fassbaren Vielfalt schon im Erlebnisraum eines einzelnen Menschen, der ein Vielfaches aufnimmt und dessen Charisma davon spricht. Für Marlene Dietrich gilt das, für Mikis gilt das, für nicht wenige kreative Menschen. Wenn ich eingangs schrieb, ich könnte mir die beiden nicht zusammen vorstellen, auf einer Bühne, dann stelle ich es mir dagegen sehr wohl höchst spannend vor, hätten Marlene und Mikis heutzutage, von einer Wohnung zur anderen, miteinander telefonieren gekonnt.
Immer, vor jedem Konzert, bei dem ein Orchester spielt, erlebe ich, wenn die Musiker sich einstimmen, dass ich an die Bäume denke, aus deren Holz die Instrumente gemacht sind. Vor meinem Inneren Auge entsteht ein wirklicher Wald. Ein großes Leuchten geht vom Orchester aus, das seinen Klang zu zentrieren beginnt. Und bevor die Musik gespielt werden kann, vereinigen alle Bäume ihr Wesen in einem einzigartigen Ton, um die Menschen diesen Ton erleben zu lassen. Von diesem Ton geht alles aus. Auf Erden, in den Konzertsälen kann man ihn hören.
Wenn ich dir was wünschen könnte, Mikis, dann wäre es dieses Jahr eine Melodie, die hereinkommt durchs offene Fenster, ein Lied, das die Zeit geschrieben hat, mit einer beinah glücklichen Hand, und das hörbar wird, gesungen von Marlene Dietrich: Wenn ich mir was wünschen dürfte … Oder vielleicht besser noch: Look me over closely.

Kisses
Lili Marlina

15. August 2016

Dieses türkische Zuhause, gehütet von einer schnurrbärtigen Berliner Mousafira

Kerem

Hava kurşun gibi ağir

Bağir bağir bağiriyorum

Nazim Hikmet

 

Jemand kommt die Straße herauf und zählt. Was zählst du?, frage ich. Ich zähle nicht, so die Antwort. Ich spreche die Zahlworte aus, damit ich höre, wie sie klingen. Nicht alle Tage klingen sie gleich. Nicht alle Tage wird von Freundschaft gesungen mit dem gleichen Lied. Nicht alle Tage gibt es das gleiche Zuhause. Alles ist zugleich, was es ist und auch, was es nicht ist. Du gehörst nicht zu diesem Land. Und doch hast du seine Grenze in dir. Und doch wird es auch von dir gemacht. So, wie das Licht leuchtet, weil es dunkelt, wo das Licht nicht ist. Die Dunkelheit ist immer anders. Und in einer Erscheinung der Dunkelheit bist du, deshalb kann Licht sein, irgendwo. Eins … Zwei … Drei … Vier … Fünf … Tak tak. Toc toc. Tic tac. Taktik und Straktik. Schiefe Absätze erzählen von allerlei Wegen … Sechs … Sieben … Acht … Neun … Zehn … Kalimeramerhaba.

Als ich in Athen lebte, lebte ich auch ein wenig in der Türkei. Ich lebte in Ägypten und Syrien, in Pakistan und Indien, in Deutschland und in Albanien, sogar auf den Philippinen lebte ich, als ich in Athen lebte, und auch in Australien, in Holland, in Israel und Frankreich, in Japan und China und in vielen anderen Ländern. Forget me not. Kalimeramerhaba.

Es gab nicht nur einen Wunschbaum, es gab viele. Lerne Sprachen sagte er und wusste, warum. Er hatte den Krieg mitgemacht. Lerne Sprachen sagte er, lange vor der Zeit. Lange, bevor ich in den Ländern wohnte, die Länder mir innewohnten. Lerne Sprachen. Er wusste, warum. Er war ein Deserteur. Er hatte überlebt, still, ohne sich zu zeigen. Nicht, ohne zu sprechen. Lerne Sprachen. Doch keine brachte er mir bei. Es blieb dabei. Lerne Sprachen. Zwei Worte, wie man sie sich merkt durch Wiederholung. Esperanto, sagte er, lerne Esperanto. Wo und wie, das sagte er nicht. Er hatte möglicherweise den Sinn dafür verloren, dass wir in einem Land lebten, in dem Sprache dazu gut war zu schweigen, das Wort in der Stille zu verbergen und abzuwarten. Auch wenn man darüber starb. Der eine schrie es, der andere rief es, der nächste schwieg es. Er ist schwer, dieser Wind / schwer wie Blei / Ich schrei. Gegen die Wand. Over the Bridge. Sprachen lerne. Er hatte möglicherweise den Sinn dafür gewonnen. Kalimeramerhaba.

Eines Tages kam einer, der Kelim-Teppiche hatte und sie verkaufen wollte. Ein Haus wird ein Zuhause, wenn es einen Teppich hat. Wenn es keinen Teppich hat, bleibt es ein kühlerer Ort. Weil die Hausfrauen die Teppiche nicht saubermachen müssen und ihre Körper sich deswegen nicht erhitzen. Kelim-Teppiche in Kontrastfarben, Kelim-Teppiche in bräunlichen Farbtönen, bunte Kelim-Teppiche, alte Kelim-Teppiche in matten, ausgebluteten Farben, die alles Neusein verloren, die Menschenleben und Licht in sich aufgenommen haben und dafür überschüssige Farbe abgaben. Ich würde wohl keinen brauchen, sagte ich mir, denn meine Blicke hatten die Ornamente gesehen, gebildet von Kette und Schuss. Im Inneren Zuhause liegen so viele Kelim-Teppiche, wie ich will. Das Gelb leuchtend, wie von Schöllkraut und Safran, das Rot von Granatäpfeln braun wie Meerestierblut, das Blau – geriebener Stein und Kornblumenstern, das Grün wird erdacht von einem Geist, nachdem er sich aus der Zuckerdose des Menschengeschlechts bedient hat und seinen Schwarzen Tee geschlürft und zufrieden ist. All we are living … living in a box. Geh nicht zu den Hausfrauen, sie sind furchtsam, sie schließen die Tür ab, wenn du nahst. Sie verriegeln sie, wenn du klopfst. Sie verriegeln sie zweimal, wenn du rufst. Kalimeramerhaba.

Die Kelim-Teppiche des Inneren Zuhause bleiben eingerollt. Sie warten lange im Dunkeln, denn irgendwo wird mehr Licht gebraucht. Dort, in meinem türkischen Zuhause, so weit entrückt, dass diese Entfernung Sehnsucht erzeugt. Der eine ist geblieben, der andere ist gekommen, der nächste gegangen. An der Wand entlang. Durch die Wand. Over the Bridge. Besame mucho. Compris? Kaputt! Arrivederci. Zapzarap. Abrakadabra. Que sera … Ti amo! Otschi tschornyje. Mon amour. Shukran. Meintest du vielleicht: Schuhkrem schäkern schussern? Sprachen lerne. Mutabor. Kalimeramerhaba.

Im dritten Sommermonat gibt es türkische Aprikosen, klein und aromatisch, vorher die etwas größeren aus Frankreich, im Juli. Noch ist nicht August. Noch wird der Sommer nicht schon bald wieder zuende sein. Noch träumen wir von diesen Aprikosen und erwarten sie. Noch binden meine Gedanken ein blaues Band an den Zweig des Wunschbaums. Kalimeramerhaba.

Der Kanarienvogel kam geflogen über Griechenland, über Israel, über die Türkei. Rosa Eskenazy, die Geliebte des Sultans Kemal Atatürk, sang Rembetiko. Laura saß in der Mansarde, ihr blondes Haar füllte den kleinen Raum und machte ihn zu einem Palast. Die Mutter meines Vaters, sagte sie, war Physikerin; sie lebte in Izmir, sie lehrte, sie forschte. Renas Großeltern kamen von dort. Petri, der Eismann kam von dort. Aber geboren wurde er in Thessaloniki. Ein Kirschbaum stand im Garten. Und viele andere Bäume. Und viele andere Menschen waren. Und viel Zuhause. Webstühle gingen. Melonen platzten. Aprikosen waren kleiner als Nüsse. Pino saß auf dem Stuhl. Geh-Komm. Hier-Da. Pino Noir-Pino Blanche. Pina Bausch. Herr Bauschke zeichnet Porträt. Eva und Silke, Silke und Daniela, Daniela und Daniel, Daniel und der Löwe, der Löwe und die Maus. Die Zaza und der Tzitzikas. Die Worte wurden gesagt. Die Worte wurden eingewebt. Die Worte wurden gemalt. Die Worte wurden gesungen. Warum kreuzen sie unsere Wege, warum deiner den meinen, warum fahren heut im Hafen viele Kräne hin und her? Sag mir, warum ich gehn muss, sag mir, warum. Sprachen lerne. Um sie zu wissen. Damit spielt man Stille Post. Kein Wort verlieren. Reden wie ein Wasserfall. Schweigen wie ein Grab. Es singt das Santouri. Das Sprechen übernimmt die Luft. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Das Wort nimmt Klang auf. Das Rad die Fahrt. Kalimeramerhaba.

Mein Kanarienvogel, wie laut dein Lied ward, so stark, dass die grelle Farbe schnell wie ein fliehender Schatten aus dem Kelim wich, dass diese Welt stiller wurde, dass Halil Karaduman zu hören war, Yaşar Kemal und Nazim Hikmet … Bleib dran, Löwe! Zwanzig … Einundzwanzig … Zweiundzwanzig … Das nächste Sternbild ist aufgezogen. Es schneit in der Nacht. Schwarzer Tee und Zuckerpulver. Und heute Abend / da will ich singen / nur singen / In dieser Nacht fällt leis der Schnee / Und nicht mal der Wind erhebt sich / In diesem kurzen Moment / als dich trennt / eine Kugel vom Leben. Eine Kugel verbindet dich dem Schnee, dieses Licht liegt auf dem Weg, dieses Dunkel auf dem Kelim, in den Farben die Worte, in den Worten das Lied, im Lied der Atem, im Atem der Raum, im Raum ein einziger Stern, dieses Zuhause meiner Lichtjahre entfernten türkischen Namen. Das Herz hat zahllose Innentaschen. Das Land wird fortgeschafft. Verbracht hinter die Sieben Berge und dort deponiert im Hinterhof der Zeitalter. Gleich hat man Alaska erreicht. Den Gletschern gab man Namen. Die Gletscher können kalben, heißt es. Wir waren schon mal weiter. Forget me not. Kalimeramerhaba.

Sezen Aksu, an deinem 62. Geburtstag las ich, dass ein neues Blau entdeckt wurde, schon 2009, aber es geriet in Vergessenheit. Irgendwann wurde alles entdeckt und geriet wieder in Vergessenheit. Auch Rosa Eskenazy. Und wir, kurz bevor wir geboren werden, vergessen alles Weltwissen und brauchen, sobald wir entbunden sind, ein ganzes Leben, uns dessen wieder zu erinnern. Als würde es immer schneien, dass der Schnee sich auf die Erde legt und auf den Schnee der Kelim-Teppich. Mit jedem Wort werden wir wiedergeboren. Schreibe ich deinen Namen. Mutabor. Im Haus ist es etwas kühler. Die Bänder flattern im Wind, durch das Zuhause rollte ein Stern. Gegen die Wand. Crossing the Bridge. Jede Hand will ihn fassen, doch er ist unfassbar. Alle sitzen auf dem blanken Boden. Alle warten auf die kleinen Aprikosen mit den kleinen Kernen. Alle zählen. Alle vergewissern sich des Klangs der Worte. Obwohl alle schweigen. Obwohl es in allen ruft: Herein, wenn’s kein Schnitter ist! Sie hören. Sie schärfen ihre Sinne. Bahar, der Herbstfrühling kommt nach diesem Sommerschnee. Khan, wilde Erdhummeln kreisen über dem See, unter dem Wasserspiegel das Kind, das die Luft anhalten muss. Erol, quer gehst du, dieses Insekt aus deiner Sammlung hat die längsten Fühler, die man sich vorstellen kann. Ganz sicher wurden damit die Verse geschrieben. An die Wand. Over the Bridge. Kalimeramerhaba.

Bringt Fische, bringt Zitronen, bringt Zimt, bringt Nelken, bringt Kümmel, bringt den Teppich, bringt die Bänder, lasst Kleider machen, lasst Stühle stehen, lasst Seltsames geschehen, lasst Farbe sich vertiefen, lasst eine Zaubersalbe in einem Schraubglas sein, lasst das Haus wachsen, lasst die Türen sich öffnen, lasst Rosmarin, Jasmin und Aprikosen, Oliven und Feigen herfinden, lasst ein reines Tuch bereitliegen, lasst etwas Altstaub auf einem Bord, lasst etwas Altasche im Kamin, lasst etwas vergorene Neumilch im Krug für das Milchmädchen und für Tewje, den Milchmann, lasst etwas da, was von anderswo kommt, um ganz und gar und anders wach zu bleiben, scheret euch nicht um das Neudunkel, immer wieder will es werden zur Althülle des Neulichts. Jeder Ausnahmezustand ist zugleich Einnahmezustand. Kalimeramerhaba.

Die Mousafira streckt ihre Beinchen. Die Mousafira zwirbelt ihre Bartspitzen. Die Mousafira reibt Lauras Blond in die Fasern, um Laura zu erinnern. Die Mousafira vertut ihre Zeit nicht. Ihr türkisches Zuhause schläft nie. Ihr Berliner Einbrecher schläft nie. Ihr Athener Einbrecher schläft nie. Ihr Istanbul-Zuhause wohnt. Es ist nichts mehr im Keller. Die Worte sind nicht in Wohnhaft. Eileen im Büro. Omi Mama im Haus. Mimi Mia am Fenster. Mami am Zaun. Omi am Schrank. Osman im Zug. Mia Mimi im Bett. Nina Mimi Ina im Sandkasten. Zülfü im Garten. Nevzat, Ferhat, Göksun im Bus. Taner am Tor. Ciğdem im Badehaus. Mama Omi Mia am Klettergerüst. Ina an Moni. Moni an Mia. Mia an Mimi. Mimi an Nina. Nina an Ina. Ina an Moni. Na Moni. Moni im Sandkasten. Cem im Flugzeug. Renan im Kino. Ermine am Baum. Ali Lilo am Beet. Tafi Gino Gina am Platz. Lilo im lila Kleid. Sema im Lied. Das Taxi am Taksim. Gingi in den Küchen. Memed im Hafen. Ein Schiff wird kommen. Ein Schiff ohne Kanonen. Vergiss mich nicht … Kalimeramerhaba.

Jemand geht die Straße hinunter und zählt. Was hast du erzählt … Diese Ohren haben Wände. Sur mes cahier d’écolier / Sur mon pupître et les arbres / Sur le sable sur la neige / J’écris ton nom / Ey Özgürlük … Ob wohl Licht brennt im Istanbuler Goethe-Institut, in diesen Nächten? Ob das Dunkel sich vertieft, der Lesesaal zum Wartesaal wird allen Büchern, gefüllt mit streitbaren Worten, die ihren Klang verbergen, sich zurücknehmen, dass große Stille werden kann. Ob etwas darin sich eingeschlossen hat und zählt? Keftedes bewacht, Loukoumia bewacht, Kourambiedes, Baklava bewacht. Zwei Türen lasst offen für das Lied, eine Tür nach vorgestern, eine Tür nach übermorgen. Der Teppich entrollt sich, von dort her rollt er sich auf bis hier. Gegen die Wand. Over the Bridge. Kali nichta – Gute Nacht, mein junges Athen, mein vielaltriges Istanbul, mein Baby Berlin. Kalimeramerhaba

22. Juli 29016

 

 

Die untergründige Zweite Existenz des b-flat

Die wundersamsten Veränderungen sehen häufig zunächst gar nicht nach einem Zweiten Leben aus. Vor allem nicht, wenn’s keine Fenster zur Straße gibt und somit keinen Ausblick. „Aber dieses b-flat gefällt uns eigentlich noch besser. Auf seine Art …“, sagt Jannis Zotos, Musiker und langjähriger Chef der Jazz-Bar b-flat. „Jetzt gehen wir in den Untergrund!“

Besucht man das b-flat nächstes Mal, dann könnte einen durchaus der Hauch einer inspirierenden Zeit anwehen. Inspirierend, weil schwierig und trotzdem künstlerisch gelebt. Wie vor fast hundert Jahren, als zig Musiker in Athen in Kellerlokalen spielten und sangen und die Zuhörer beim Zuhören nicht an einen Nachhauseweg denken mochten. Meistens stieg man in diese Zuflucht zur Musik mitten in der Stadt einige Stufen runter, ins Souterrain. Ein Lied aus diesen Zeiten, „Fünf Griechen in der Hölle“, könnte man im Ohr haben, wenn man sich das vorstellen will. Es kann auch Jazz sein. Jannis Zotos und etliche seiner Musiker-Kollegen vermögen „Fünf Griechen in der Hölle“ und noch viel mehr leichterdings zu spielen, auf unterschiedlichste Art und Weise. So, wie sie es seit 20 Jahren im b-flat tun, das für einige in Berlin Kult-Status hat, ein Ort, zu dem man sich gern hinbegibt, um dabei zu sein, wenn Jazz zu hören ist, vor allem, aber nicht nur, sondern auch griechisches Rembettiko, Blues, wenn Songwriter-Abende oder – sehr selten und eher die Ausnahmen, die die Regel bestätigen – besondere Lyrik-Performances oder Filmvorführungen zu erleben sind oder die Stühle ganz beiseite geräumt werden für eine besondere Sache.

Das b-flat ist immer wieder für etwas außerordentlich Kulturvolles zwischen Büros, Kleider-, Schuh- und Schmuckgeschäften zu haben und bedeutet als solches eine Wohltat, um den Kopf von peinigenden Fragen nach dem sinnvollsten Erkennungswort auf dem T-Shirt frei zu bekommen. Das b-flat ist eine Instanz. Das b-flat ist Rettung vor dem Motivationstod des Innenstadtherzens. Das b-flat ist ein schützenswerter Topos, unterstellt der Obacht und Fürsorge seines Publikums. Immer wieder kommen auch Touristen hereingeschneit, die „solche Musik“ noch nie gehört haben und deswegen bleiben bis nach dem letzten Lied und sich später viel zu erzählen haben. Das b-flat ist kein Blue Note, aber es lässt daran denken, in seiner Zweiten Existenz vielleicht noch mehr, und es findet sich über diese Brücke im Kopf verbunden mit aller Welt. Das b-flat hat seinen Namen der Kürze wegen, könnte aber auch heißen Danny Bensusan is in.

Oder The Zotos Brothers. Im März diesen Jahres sahen sich Jannis & Thanassis, die „Väter“ und Betreiber des b-flat allerdings jäh mit der Tatsache konfrontiert, dass der Eigentümer ihnen den Mietvertrag nicht verlängert, was das kurzfristige Aus für das b-flat bedeutete und somit einen Herzinnenstadtinfarkt. Schlecht für die Rosenthaler-Straße, in der sich die leise Wehklage eines „The Thrill is Gone“ hätte urplötzlich unterschwellig manifestieren können, fortan, und diese Straße verändern, langsam, Tag für Tag, ihr den Atem und die Lust nehmen, sie inspirativ ausbluten lassen, in ihrer Geschäfte-Büros-Geschlossenheit ersticknüchtern. Vielleicht kommt das noch. Die Rosenthaler könnte vergrauen, was sie an sich nicht verdient hat. Denn die Rosenthaler insbesondere hat was von einem Verbindungsweg zwischen den Zeiten, zwischen Übermorgen und Vorgestern, als „die beste Freundin mit der besten Freundin“ Seit an Seit Lieder sang. Der Verlust des b-flat ist für die Rosenthaler definitiv ein Manko, das Zünglein an der Waage womöglich, das dazu führt, dass man alsbald durch diese Schneise nur noch durchdurchdurch! muss, aber keine Verbindung mehr bekommt zwischen Zeiten. Nachts schon gar nicht. Von einem kreativitätsbedingten Momentverweilen lebte sie im Grunde. Vielleicht ist das jetzt aus und vorbei, die Straße weiß es nur noch nicht. Die Rose verblüht. Thalfahrt. Danach ist die Rosenthaler flach. An sich wäre es besser, das b-flat bliebe gleich dort, in der Nr. 13, damit die Straße was hat, sich daran aufzurichten, wenn sie irgendwann in Zukunft abermals wiederbelebt werden muss. Musik ist ein gutes Fundament.

Die Straßenbahnen, die auf der Rosenthaler Straße ganz selbstverständlich fahren, schienen Ende 2015 draußen vor den großen Fensterscheiben nach linkerhand und rechterhand steil ins Abgrundtiefe zu sausen. Dem b-flat riss es fast den Boden weg. Ende der Existenzgrundlage oder Frühpensionierung. Auswandern. Dichtmachen. Oder weitermachen. „Die Nacht“, sagt N., „ist nicht von vielen zu machen. Jannis ist einer, der die Nacht größer machen kann, weiter, seit langer Zeit. Es gibt nicht viele, die das können. Sie bleiben stehen in der Nacht, und so eine Art von Nacht ist eng; für immer bleiben sie z.B. uninteressierte Kellner, die immerzu stöhnen, dass sie kellnern müssen, anstatt … Jannis hat immer Musik gemacht, hat immer diesen Ort offen gehalten und mit Leben sich füllen lassen, hat der Nacht das gegeben, weshalb man sagt: sie ist nicht nur zum Schlafen da. Hat immer Musik gemacht. Und noch immer macht er Musik, öffnet den Ort für Musik, und der Ort öffnet sich für Musik.“

Es ist kaum anzunehmen, dass in die bisherigen Räume etwas Geistreicheres als das b-flat einziehen wird. Mit Gewissheit aber geht es in 8 Minuten Entfernung, Dircksenstraße 40, eine Treppe runter und für das b-flat weiter. Denn urplötzlich wurde aus der zunächst völlig unfreiwilligen und lästigen Veränderung eine recht schnell mit Elan angenommene Herausforderung. „Wir hatten schon länger darüber nachgedacht, wie wir das musikalische Programm erweitern“, erwähnt Jannis Zotos. „Und jetzt, wo wir in die neuen Räume einziehen, nachdem wir dort ein bisschen umgebaut haben, böte sich idealerweise auch ein kleiner Umbau des b-flat-Programms an. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass in der Dircksenstraße in Zukunft noch anderes zu hören sein wird. Aber man soll nicht über Ideen sprechen, dann wird nichts draus, sondern man soll sie verwirklichen. Dann hat man was zu sagen. Sagen wollen wir ja aber nicht so viel, sondern Musik machen.“

Aufgegeben wird nicht. Im Gegenteil. Jannis Zotos steht vor der Eingangstür zum zukünftigen „Fünf-Griechen-in-der-Hölle“-Paradies – das aber weiterhin b-flat heißt –, schaut zum Himmel und zeigt gleichzeitig da hin, wo es nach unten geht. Als seien die Verhältnisse auf den Kopf gestellt, zur Abwechslung.

Man kann sich also – noch gestresst von der Arbeitswoche oder weil man umziehen musste oder weil man nicht zuhause hocken will -, steigt man die Stufen zum b-flat hinab, umso mehr sagen: Runterkommen, abtauchen, der hektischen Welt „da oben“ für eine Weile entgehen, ausatmen, getrost denken: „The Thrill is Gone“, sich zurücklehnen in dieser Musikspiel-Hölle und den, der alle Weltgeschicke lenkt, einen guten Mann sein lassen. Hin und wieder wird er wohl zwischen den Gästen sitzen, vergnüglich mit den Schuhspitzen wippen und vielleicht ein Gesicht machen, als hätte er Danny Bensusans Gestalt angenommen. Man wird nie weggehen aus dem b-flat und das Einatmen vergessen haben. Man ist geöffnet für den nächsten Tag.

Die Welt hat sich ein bisschen verschoben, aber es gilt nach wie vor: Auf in’s b-flat, den Ort, wo Himmel und Hölle sich Guten Abend sagen! Tagsüber blühen die Rosen, nachts die Rosen der Nacht. Der Übermorgen dämmert.

 

12.07.2016

 

KLEIN ENGLAND liegt in Griechenland

Freies Lyrisches Kino für Europa!

 

Teil I – Klein England und KLEIN ENGLAND

Wagen wir uns in’s Kino! Doch was ist schneller: Der Film oder das Feuer? Die Kunst oder die Wut auf Europa, die vor Filmtheatern nicht haltmacht? Tatsache ist: In Athen wurde während der Straßenkämpfe 2012 das legendäre “Attikon” angezündet und brannte ab. Molotow- statt Kino-Cocktails. Die zornige Reaktion auf eine für immer mehr Bürger tödliche europäische Realität. Vor wenigen Tagen nahm ein 19-Jähriger im “Kinopolis” des südhessischen Viernheim mehrere Menschen als Geiseln und drohte, einem Mitarbeiter eine Kugel in den Kopf zu jagen. Schließlich feuerte er mehrere Male in dieses “Kinopolis”, woraufhin die Polizei ihn erschoss. Das weckt Ängste vor dem Gang in’s Filmtheater. Oder anders gesagt: Der Gang in’s Filmtheater erfordert Mut. Es müsste an dem nicht sein. Im Kino zu sitzen, nur behelligt vom Geschehen auf der Leinwand, bei freiem Eintritt für jeden Film aus Schweden, Ungarn, Deutschland, England, Frankreich, Griechenland, Luxemburg, Holland usw. – zu solch gemeinschaftsbildenden Zuständen auf Erden hätte der Euroraum es bringen können. Der Film “KLEIN ENGLAND” von Pantelis Voulgaris stünde mit auf dem Programm.

Statt des Zirkus um BrexitSchottexitGrexitNiederlexitFrankrexitStotterexit wäre mehr gewonnen, würde ganz Europa seit Jahren seine Zeit damit zubringen können, sich das Filmschaffen ganz Europas reinziehen. Jeder dazuverdiente Euro wird sowieso stets doppelt wieder verloren. Nur für die Kunst verplempert – da würde er nicht verloren sein. Es ist einzig die seltsame, unfassbare, unfindbare Seele, die unermesslich zu profitieren vermag: Von Musik, Bildern, Film, Lyrik und jeglicher Lyrik im Film. Die gibt es im Überfluss und sie mehret sich ohne Unterlass. Alles andere … Fauler Zauber! Kino dagegen kann eine Option sein, wenn’s darauf ankommt, den Blick für einen weiteren Weg zu öffnen, wo kein wirklicher sich mehr zu eröffnen scheint.

Unerwartet vor Kurzem ein Anzeichen. Im europeonline-magazin.eu-Pressespiegel vom 27.6.2016 ist unter GRIECHENLAND zu lesen: «Kathimerini»: «Die Stärke Europas ist die Einheit. Alles andere (wie der Brexit) sind Fantasien eines Fieberwahns. Das «Klein-England» wird – besonders wenn Schottland gehen würde – außerhalb Europas viel weniger Einfluss auf das Weltgeschehen haben. Aber auch für Europa ist der Schlag enorm. ……. »

Dass die griechische „Kathimerini“ a) „Klein England“ erwähnt, spricht für die Weitsichtigkeit dieser Zeitung und ihr Inspiriertsein durch Film. Immerhin. Wobei sie a) allerdings durch b) sofort wieder unerkennbar macht. Die „Kathimerini“ verbirgt a) unter b), indem sie die Dimension ihrer a)-Aussage (mit der sie auf die Welt des Filmschaffens Bezug nimmt!), durch b) unmittelbar verschwinden macht. Im selben Atemzug, wie sie a) „Klein England“ vor dem ersten Gedankenstrich nennt, behauptet sie b) nach dem zweiten Gedankenstrich sogleich, „Klein England“ würde außerhalb Europas wenig Einfluss auf das Weltgeschehen haben. Aus der EU auszutreten, bedeutet aber doch nicht, weg zu sein aus Europa. „Klein England“ zu schreiben, das bedeutet, sich auf den griechischen Film „KLEIN ENGLAND – MIKRA ANGLIA – LITTLE ENGLAND“ zu beziehen und damit geradewegs in’s Kino zu wagen, sich aufzumachen zu Orsa und Mosha und einem gewaltigen Meeresrauschen, das die Insel bespielt.

Wer „Klein England“ schreibt, sollte es deshalb „KLEIN ENGLAND“ schreiben, und schon wäre man bei den „Frauen von Andros“ und allen Überlebenskünsten. Stattdessen rückt die „Kathimerini“ „Klein England“ erst entschlussfreudig wie eine Signalfahne in’s Blickfeld und damit zugleich „KLEIN ENGLAND“, also Filmkunst in’s Bewusstsein; mutig geht die Zeitung einen Schritt vor, diesen aber – wie erschrocken vor der eigenen Courage oder als hätte sie sich an was verbrannt – sofort wieder zurück, indem sie jetzt nicht tatsächlich den Weiterschritt in die Welt des Films macht und sich in dieser fortbewegt, sondern dann doch lieber brav beim Thema „Brexit“ bleibt. KLEIN ENGLAND – nur eine leise Andeutung im „Klein England“. Es wird somit dummerweise wieder verunklart, wodurch Europa in seiner jetzigen Aufgewühltheit unter anderem Hilfe finden könnte, Wegweisung, Rettung. Im Filmtheater!

Ich borge mir kurzfristig ein Wort aus der Mail einer Freundin, die einen Umzug ankündigte und zugleich informierte, wo ihr Arbeitsort demnächst zu suchen ist, was allerpraktischste Orientierungshilfe bedeutet. Für jetzt und später. Danke, Sasha, für deine „Heilraum“-Wortgabe!, an der ich mich jetzt bediene.

Der Film „KLEIN ENGLAND“ ist vieles und eben auch ein europäischer Heilraum. Das Filmfestival HELLAS FILMBOX BERLIN holte ihn deshalb bereits im Januar nach Deutschland. Der griechische Regisseur Pantelis Voulgaris schuf das Werk, die griechische Autorin Ioanna Karystiani schrieb den Roman, auf dem das Drehbuch basiert (in Deutschland erschienen unter dem Titel „Die Frauen von Andros“). Es sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass Pantelis Voulgaris zu den bedeutendsten Filmemachern seines Landes gehört, der in’s Leben mehr als nur zwei Blicke geworfen hat und zu sehen versteht. „KLEIN ENGLAND“ und Voulgaris’ vorletzter Film, „PSYCHI VATHIA – TIEFE SEELE“ (2009), sind zwei von mehreren Offenbarungen für alle, die sich fragen, wie „die Situation“ am Ort Griechenland, am Ort Europa, am Ort Welt zu verstehen sei, denn eins strahlt hinüber in’s andere und kann es mitbeleuchten. „PSYCHI VATHIA – TIEFE SEELE“ bietet eine bisher weitgehend ungenutzte Möglichkeit, z.B. Griechenland in’s zerrissene Herz zu schauen. Es bedürfte dazu lediglich der Untertitelung in die jeweils andere Sprache, der Bereitschaft von Filmtheatern, eventuell eines Filmverleihers und der Unterstützung einiger Unermüdlicher, dass Menschen in allen Ländern Europas etwas über Griechenlands jüngere Geschichte erfahren könnten, in welcher der griechische Bürgerkrieg ein fast unbekanntes Kapitel bedeutet. Ohne davon Kenntnis zu haben, wird man Griechenland immer durch die falsche Brille sehen. Das betrifft nicht nur Griechenland.

Bürgerkriege, überall auf der Welt, stellen Schlüssel- und Ausgangssituationen dar, die betrachtet werden können, wenn es um das Verständnis von Konflikten geht, die Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg ausgetragen werden und scheinbar dann an der Tagesordnung sind. Der Bürgerkrieg ist der schrecklichste Halbbruder des Kriegs. „Dreh dich nicht um!“, diese Devise gilt für den Lebenden im Reich der Toten; im Reich der Lebenden gilt für den Lebenden eher das Gegenteil. Insofern ist alles „Warum länger in der Vergangenheit wühlen, lasst uns lieber nach vorn schauen!“ ein vergeblicher Versuch, Zeit gewinnen und handlungsfähig bleiben zu wollen. Vorn wartet wieder nur der behelmte Mars auf, schlägt sich gegen den Brustpanzer, streckt sich zum Himmel, schickt Drohung, Drohnen und Verderben. Wer davon nicht erwischt werden will, muss vorsorglich vorher sterben, zwischen zwei Kriegen (in der Zeitlücke, in welcher der Dichter Jannis Ritsos einmal Atem holen wollte, weshalb er einen anderen Gott um diesen Moment der Gnade bat).

Bürgerkriegskonflikte schwelen weiter, zugedeckt wie Glut von Asche. Die Glut von Bürgerkriegen mag an den Plätzen zerstörter Häuser verlöschen, sie verlischt aber nicht in verletzten Seelen. Es gibt nicht den Ausschlag, dass Völker Feinde von Völkern sind, Parteien Feinde von Parteien, Bevölkerungsgruppen Feinde anderer Bevölkerungsgruppen, sondern dass der Mensch des Menschen Feind ist, solange er dessen Freund nicht wird, weil er ihn z.B. nicht riechen kann oder dessen Stimmlage, Hautfarbe, Gewohnheiten, Angewohnheiten oder Mentalität hasst. Viele Einzelne zusammen machen den sich dann im Hass einigenden Mobb aus, das Mobb-Kollektiv, das Mobb-Heer, das einen Feind in’s Auge fassen und zu vertreiben oder auszulöschen sucht. Die Wut-Glut löscht das nimmer. Das Buch von der „Unfähigkeit zu trauern“ ist geschrieben. Das Buch von der „Unfähigkeit, über den eigenen Schatten zu springen“ noch nicht. Was ist schneller: das Feuer oder die Kunst?

Wer beispielsweise Griechenland verstehen will, wie es jetzt ist, kann einiges erfahren durch „TIEFE SEELE“ von Pantelis Voulgaris, kann „Griechenland und die Griechen“ zu sehen versuchen, wie durch andere Filme möglicherweise Spanien, Irland und Portugal, in denen Bürgerkriege ausbrachen, die zu dem gehören, was Europa nicht loswerden kann. Nie und nimmer durch Geld. Immer durch Musik, Bilder, Lyrik … Film. Ich träume weiter, denn Europa ist nichts anderes als das Träumen von Europa. Entweder ein es erscheint als Alptraum oder als lyrisches Tagträumen. Nur als zweckfreie, nicht zuende zu denkende, unerschöpfliche Realität ist Europa Wirklichkeit. Man kann sie weder kaufen noch bezahlen. Ein überschäriges Europafeld zu den Gärten der Welt! Chancen für ein lyrisches, musikalisches, bilderreiches Träumen gibt es zahlreiche.

 

Teil II – LYRIK-ÜBERSETZER ALS VERHANDLER!

Im Verständnis für die Geschichte eines jeden Landes liegt jeweils eine solche Chance. Sich dem riesigen und in sich nicht einheitlichen Europa nähern, es durch die Werke europäischer Filmschaffender betrachten, ihre Aussagen zur Kenntnis nehmen, ihnen Fragen stellen zu wollen – auch das ist eine Möglichkeit. Bleibt noch genügend Zeit? Jawohl! Der Gang in’s Kino gleicht dem Einstieg in eine Zeitgewinnmaschine, wodurch man schneller wird, bequem zurückgelehnt und ohne Abgass-Skandal. Das ganze Leben und einige weitere bräuchte man, um Europa, um alle Länder „durchzugehen“, zuvörderst mit Hilfe von Musik, von Bildern, verschiedenen Sprachen und während etlicher Versuche, eine Sprache in die andere zu übersetzen. Ein weiteres Leben gewinnt man und noch andere dazu. Was kein Geld vermag – sich ein Land zu eigen zu machen –, das vermag der Mensch durch das Erlernen der dort gesprochenen Sprachen.

Ich schlage deshalb vor: Lyrik-Übersetzer in’s Diplomatische Korps eines jeden Landes! Lyrik-Übersetzer in’s Europa-Parlament, in die Finanzämter, in den IWF, in die Europäische Zentralbank“ – und global am besten auch in die NATO, in die UNO, in die Klima-Gipfelkonferenzen, in die FIFA …! Unzählige Institutionen gibt es, in denen Lyrik-Übersetzer die idealen Verhandler wären aufgrund ihrer tätigkeitsimmanenten Bedachtsamkeit, ihrer Fähigkeit des Abwägens, mit ihrem Blick für Angemessenheit und Verhältnismäßigkeiten im Umgang mit dem Wort, mit ihrem Rhythmusgefühl, ihrem Gespür für situationsbedingte Schwierigkeiten und vor allem mit ihrem Wissen um die ganz persönliche eigene Unzulänglichkeit und die darauf fußende selbstverordnete Bodenhaftung. Lyrik-Übersetzer an die Seite von Staatsoberhäuptern, von Troiken, Nachrichtendiensten, Weltraumbehörden und an die Stirnseite von Aufsichtsratstischen, in die Obersten Gerichtshöfe und Nationalen Verteidigungsräte! Lyrik-Übersetzer sind unbestechlich, weltweit. Sie arbeiten niemals um eines eigenen Vorteils willen, sondern immer einzig und allein FÜR Verständigung. Sie haben es aufzunehmen mit jedem Laut, mit jedem winzigen Satzzeichen, mit Gedanken- und Bindstrichen, mit jedem Punkt und Komma, mit jeder Pause und Lücke. Wirkmächtig jedes Einzelne, ob klein oder groß, lang oder kurz. Fügst du mehr hinzu oder weniger – immer geht es um einen ganzen Atem, um ein ganzes Leben, um alles. Und alles hängt davon ab. Eher verabschieden Übersetzer eine Verordnung nicht, als dass sie sie verabschieden würden, wenn sich darin zwar eine Lyrik fände, diese jedoch allzu leicht durchschaubaren Unsinn enthielte, der zur Vertodung von leibhaftigen Menschen führen könnte. Denn dadurch verschwänden die Leser der Texte. Übersetzer können sich keinen leichtfertigen Umgang mit dem Wort leisten, denn sonst kommen sie nicht in den Übersetzer-Himmel, sondern auf das Fährboot, das ihnen niemals gestatten wird, sich frei zu machen von ihrer Mühsal, indem sie einem anderen die Stange in die Hand drücken.

Warum schreibe ich dann nicht einen Text zum Thema „Übersetzung“? – diese Frage mag sich stellen. Weil dafür jetzt keine Zeit ist. Der Brexit sitzt Europa ja fast schon im Nacken. Und wenn der tatsächlich passiert ist, was dann? Quo vadis, Europa? Ich kürze also ab und nehme die Kurve zurück zum Film.

 

Teil III – EUROPA FÄNGT MANCHMAL IN GRIECHENLAND AN

Film ist Übersetzung von Text in Bild. Warum ich selbst keinen Film mache, wurde ich schon ein paarmal gefragt. Antwort: Weil ich keine bildliche Vorstellungsgabe habe im Hinblick auf einen ganzen Film. Deshalb wäre ich dafür nicht die geeignete „Übersetzerin“. Regisseure haben diese ausreichend große Vorstellungsgabe, die meist nicht nur für einen, sondern für noch mehr Filme langt. Und damit bin ich wieder bei „KLEIN ENGLAND“ von Pantelis Voulgaris. In 120 Minuten macht Pantelis Voulgaris ein Panorama-Fenster auf. In diesem Ausschnitt sehen wir nicht nur die Insel Andros, die den Namen „Klein England“ bekam, oder das Schiff, das auf den Namen „Klein England“ getauft wurde, sondern wir sehen Klein Orsa und Klein Mosha, Klein Mina, Klein Spyros, Klein Nikos, Klein Ämilios, Klein Savas und auch den geliebten und schließlich unerwünschten „Klein-England“-Englisch-Lehrer. Vom Kleinsten bis zum Großen … jeder spielt seinen gewichtigen Part in diesem Drama, bei dem man Schwierigkeiten hat, für sich zu entscheiden, zwischen wem das Drama im Grunde sich entspinnt, wer letztendlich die Verantwortung dafür hat oder was das eigentliche Problem ist. Ist es die Seefahrt oder ist es der Krieg? Sind es die Amerikaner, die das Ausfahren der Schiffe verboten haben, oder sind es die, die Torpedos abschießen? Sind es die Frauen oder sind es die Männer? Sind es die Lieder oder die Texte? Ist es die Mutter oder der Vater? Ist es Spyros oder ist es Orsa? Sind es die Briefe oder ist es das Schweigen? Sind es die Regeln oder sind es die Ausnahmen? Ist es die Schwester, die eine oder die andere? Ist es Süd oder Nord? Ost oder West?

In „KLEIN ENGLAND“ lässt Pantelis Voulgaris es so sein: Die eine Schwester beneidet die andere, die eine vertraut sich der anderen an, die eine schwärmt der anderen vor, die eine entsetzt die andere, die eine hasst die andere, die eine entfernt sich der anderen, die eine Schwester kommt zur anderen. „Was hätten wir getan, wenn …“, fragt Mosha und hält Orsa im Arm. Dann ist Mai, Mosha öffnet das Fenster, Blumen über Blumen, Licht, im Schatten des Zimmers fällt der einst vom Meereswasser angefressene Löffel aus Orsas Hand, und endlich ist ihre Seele frei. Zum Schluss das Meer.

Das Meer und immer wieder das Meer. In vielen griechischen Filmen. In vielen europäischen Filmen. Es schlägt an die Ufer vieler Länder. Ganz Europa ist nichts als eine Pirateninsel, umschlossen von Meeren. „KLEIN ENGLAND“ erzählt davon. Dieser Film – nichts anderes als ein „kleines Beispiel“ für die Übersetzung eines Schicksals in ein anderes. Er spiegelt Europas Schicksal während des Zweiten Weltkriegs und danach. Er spiegelt das Schicksal, das sich zwischen Mosha und Orsa gestellt hatte. Mag es Spyros heißen, mag es Mina, Nikos, Ämilios heißen oder „Andros – Klein England“. Es ist nicht das Wasser, es ist nicht das Land. Es ist das verdammte Wort zu viel oder zu wenig, das Übersetzer erspüren müssen. Das verdammte Wort des Wollens zu viel, das verdammte Wort des Könnens zu wenig.

HELLAS FILMBOX BERLIN ist einer dieser Anfänge von Weiter-Europa, der Ort für KLEIN ENGLAND wie für KLEIN EUROPA, KLEIN WELTCHEN. Eine Insel, wie es viele gibt. Eine jede könnte besucht und von jeder ausgegangen werden, um nach Europa zu kommen. Das Kino führt es vor. Über vielen Kinotüren steht EXIT und trotzdem kann man bleiben … beim Film.

Die Organisation des 1. HELLAS FILMBOX BERLIN Festivals beruhte nicht vor allem auf einer ausgezeichneten Kenntnis von Film und organisatorisch hochprofessionell aufgebauten Strukturen. Das eher weniger. HELLAS FILMBOX BERLIN beruhte auf „Übersetzungs“-Arbeit für Sprachen von Filmen, Ländern, Dichtern, Programmierungen, Bildern, Emotionen. Einmal ist das gelungen. Wie man weiß, oft gelingt das nicht. „KLEIN ENGLAND“ lief als Eröffnungsfilm dieses Festivals. Ein ausgezeichnet guter Anfang, Europas Weiterweg vor Augen zu haben in diesen kurzen Augenblicken: Orsa, die ihre Tür für Mosha öffnet; Mosha, am Fenster im Licht, die ihren Blick für Orsa öffnet und sich umschaut nach ihr, die im Halbschatten blieb. Kino ist eine europäische Schule des Sehens und Verstehens: Man hat genügend Abstand zum Geschehen und zugleich ist man mittendrin.

Besser diese Cine-Vision als gar keine. Zumal vor der Einführung des Euro die gesamteuropäische Einführung kostenloser Kinokarten hätte stattgefunden haben können, den Menschen eines jeden europäischen Landes jederzeit den Besuch von Filmen aus anderen europäischen Ländern ermöglichend. Es wär auf den Versuch angekommen. Etwas anderes als ein Versuch war der Euro ja auch nicht. Der Versuch mit den gesamteuropäischen kostenlosen Kinokarten wäre im Hinblick auf den europäischen Einigungsprozess allerdings wohl erfolgreicher gewesen. Und viele Übersetzer hätten in ganz Europa mit ihren Vermittlungstalenten Wunder wirken können. Kino- statt Molotow-Cocktails! Freien Eintritt in’s Europäische Kino und Lyriker an die Verteilerkästen! Jetzt!

 

30.06.2016

 

Örtliche Schauer und Baader im Anzug

Ende Juni wird’s oft ungemütlich. Hitze und Starkregen oder Kälte und Starkregen. Auf dem Lande versucht man vielleicht heute noch mancherorts, den „Bilmesschnitter“- Korndämon zu bannen, damit er die Halme nicht umlegt. Vielleicht müsste auch an den Regendämon gedacht werden, damit er die Menschen nicht umlegt. Im Bitteren Felde fallen sie leicht.
1990, etwa fünf Uhr in der Frühe, bei zu dieser Zeit im Juni bereits recht hellem Tageslicht, lief der Dichter, Performer und Kleidungskünstler Matthias Baader Holst in Berlin Ecke Oranienburger Straße / Friedrichstraße in eine Straßenbahn und verstarb am 30. Juni an den Folgen dieses Unfalls. Bis dahin Koma. So die – hier und da leicht voneinander abweichenden – Auskünfte.
Der 30. Juni 1990 war der Tag der Währungsunion. Heute, noch keine 25 Jahre danach, ereignete sich der Brexit. Damals ein „Rein!“, jetzt ein „Raus!“ Dass die Wählerstimmen sich schließlich in der Waagschale summierten, die das Gewicht des Pro-Brexit schwerer werden ließen, ihm den Zugewinn und das Mehr brachten, passierte möglicherweise zur selben Stunde, nachts, zwischen vier und fünf Uhr, die für Baader Holst 24 Jahre zuvor eine schwarze Stunde geworden war. Die Farbe des heutigen Freitags wird hier und da ebenfalls so gesehen; ein Schwarzer Freitag sei es. Und die Atmosphäre fühlt sich nach Kurz-Vor-Dem-Weltenende an.
Vorsichtshalber könnte man einen Baum pflanzen. Kommt das Weltenende nicht, kann der Baum trotzdem stehenbleiben, falls es mit ihm dann was geworden ist, er wurzeln konnte und zu wachsen beginnen. Welchen Baum hätte man für Baader ausgesucht? Eine Pappel, schnell austreibend, Wurzelbrut bildend, hoch aufschießend, eine wankende Plastik mit immer regen Blättern. Nimmt Baaders Tod einen auf merkliche Weise mit, dann vielleicht auch, weil dieser Tod ein früher war.
Es wäre womöglich schade, aus welchen Gründen auch immer zu spät zu sein, am 7. Oktober 2017 handlungs-, aktionsunfähig, nicht reagieren könnend mit Text, Inszenierung, bewusstem Schweigen oder andersartig auf die von Baader in die Welt gesetzte Bitterfelder Inspiration. In „boheme und diktatur in der ddr“ ist seine Aktion beschrieben:
„In einer Szene steht BAADER grinsend vor einem Denkmal in Bitterfeld. Erbaut von einem übereifrigen Deutsch-Lehrer, irgendwann in den 60er Jahren, der seinen Schüler aufgibt, “Briefe an die Jugend des Jahres 2017” zu schreiben, die er dann in einer Kassette in die Betonmauer einläßt. „Erst zu öffnen im Jahr 2017, dem 100. Jahrestag der Oktoberrevolution“, verheißt eine kupfergetriebene Plakette. Ein riskantes Verfallsdatum, das Holst zu einer Performance inspiriert. In der Messingschale des Denkmals entzündet er ein kleines Feuer. Mit großen Gesten deklamiert der Untergrund-Poet im Flammenschein seine Verse. Entrückt, einsam, einzig. Ein dadaistischer Olympionik, ein hakenschlagendes Opferlamm.“ *1
Das Bittere Feld. Der Bitterfelder Kornmann geht durch und bricht eine Schneise. Irrlicht oder Aufhocker. Lautes Getrappel, ein Hoch und Runter in Treppenhäusern, auf Fensterbrettern, in Rinnen, das Hin und Her auf Pflaster und Asphalt. Die Zeiteinheiten hetzen sich zu Tode fast in ihrem Bemühen, schnell genug zu sein, dem Weltenende zuvor zu kommen, den 7. Oktober 2017 schon vor dem 7. Oktober 2016 zu erreichen, den Punkt auf dem Zeitstrahl vorzuziehen, an dem die Kassette mit den „Briefen an die Jugend des Jahres 2017“ geöffnet werden muss. Ein Raum solle sich auftun, eine Kapsel, eine Offenbarung sich vollziehen, einen Tick früher, noch ehe dieses Gebilde etwas später der Wetterdämon, der Korndämon, der JederzeitdasEndebringendeDämon packen, entreißen, der Welt entfremden könnte. Im März wird die Uhr vorgestellt. Im Oktober zurück. Aber immer nur eine Stunde. Da ist man keinen Schritt vorangekommen. Das wird vielleicht nicht genügen. Was soll die Oktoberrevolution an ihrem 100. Jahrestag von uns denken?
Heute Abend find ich mich in der Friedrichstraße. Heute Abend werd ich mit der Bahn gefahren sein. Tödliche Kreuzwege wechseln wie Wetter ihren Ort. Sie verschmähen den einen und den andern, den holen sie fort. Nach dort. Und von dort herüber spricht die Zeit ein nicht berechenbares Wort. Lass regnen, Baader, lass unwettern, lass uns Zuflucht suchen müssen und brettern, die Papiere am Körper, durchgeweicht, unleserlich, nur zu deuten, stets bereit, es nicht genau wissen zu können oder überhaupt nicht. Wem nichts zustoßen will, der kann sich immer noch kranklachen.
Wohin legen sich wohl die Ähren, die Fahnen … Das steht nicht vorn an den Straßenbahnen.

*1 „boheme und diktatur in der ddr“, Katalog zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums vom 4. September bis 16. Dezember 1997, Verlag Fannei & Walz Berlin; Fallbeil statt Beifall Brachialromantische Revolte gegen das “Sinnregime”: “Matthias” BAADER Holst als radikaler Punkdichter und dadaistischer Terrorist, S. 259 bis 268

Die ganz andere Aufteilung der Welt

Das Paradies auf Erden können wir jetzt schon haben. Nicht nur eines, sondern mehrere. Viele. Für jeden das ihm genehme, entsprechende.
Die vielen Einzelabstimmungen über Jahre und Jahrzehnte hinweg über dies und das und jenes sind unnütze Zeitverschwendung und das damit verbundene Leiden des Menschen an verschiedensten Unzulänglichkeiten und Zumutungen dauert unnötig lange an. Zum Glück auf Erden könnte man schon alsbald gelangen.
Warum erst Brexit ja oder nein, Kindergeld ja oder nein, Raucherlokale ja oder nein, Hundedies und -das ja oder nein, Atomkraft ja oder nein, Fracking ja oder nein, Plastiktüten ja oder nein, Grundgehalt, Kopftuch, Handschlag, Grexit, Ochi, Buchpreisbindung, Integration, Hinterhof- und Baumscheibenbegrünung, TTIP, Sterbehilfe, Schulsystem, Wasserprivatisierung, Schürfrechte, Bezahlklos in der Schule, Bauchfreiheit, Friedhofbebauung, Krawattenzwang usw. usf.?
All diese Abstimmungen sind möglicherweise ohnehin Kokolores. Gestern las ich in einem Beitrag: “Am vergangenen Freitag haben 51 von 59 Leitern der Stadtteilschulen das Hamburger Schulsystem mit seinen zwei Säulen Gymnasium und Stadtteilschule für gescheitert erklärt.“
Jetzt urteilen schon Leitern über Schulfragen! Ich erinnere mich, dass es vor Jahrzehnten in Griechenland bei einer Wahl hieß, dass selbst Tote zur Abstimmung gegangen seien. 2013 war das über Simbabwe zu lesen. Unmögliche Zustände!
Einmal sagte mir jemand: “Durch Dicke fühle ich mich bedrängt.” Diese unerträgliche Qual! Dieses Leid! Dieses ewige Unerlöstsein! Wie traurig!! Nichts konnte dem bisher abhelfen. Was immer schon alles in der Welt geschrieben, gelesen, vorgelesen, aufgeklärt und analysiert wurde, wie viel Schulunterricht, Workshops, Seminare es auch immer schon gab – weiterhin gibt es Menschen, für die es unvorstellbar ist, mit bestimmten anderen Menschen zusammen zu leben, neben ihnen in Verkehrsmitteln zu sitzen oder im Restaurant an einem Tisch, beim Arzt im Wartezimmer oder im selben Hotel ein Zimmer zu bewohnen. Oder Menschen, die – könnten sie wählen – niemals mit einem dickeren Erdenbürger zusammen gesehen werden wollen. Oder mit einem Einarmigen. Oder mit einem Mandeläugigen. Oder mit einem Weißhaarigen. Oder mit einem Pelzmantel- oder Jesuslatschen-Träger. Oder mit einem Kariertbehemdeten oder Langnasigen oder Androgynen, Ungeschminkten, Geschminkten, neben einem Politiker oder Weltmeister oder neben einem Außerirdischen. Nein, nicht neben dem!
In Brüssel soll angeblich eine Maßnahme ergriffen worden sein, die meiner Meinung nach nicht weit genug geht: Bei der Passkontrolle am Flughafen gäbe es zwei Reihen. Nur! In der einen sollen sich diejenigen anstellen, die hellhäutig sind, in der anderen diejenigen, die einen dunkleren Teint haben. Ich kann das kaum glauben. Viel zu kompliziert! Es ist doch sehr schwierig, sich selbst einzuordnen. Wann ist man hell, welche Hauttonabstufungen gehören zu: HELL, wann gehört man zu DUNKEL? Um einschätzen zu können, ob das Handgepäck genügend klein ist, um als Handgepäck kostenlos mitgenommen werden zu dürfen, gibt es ein Gestell am Flughafen, da kann man das Handgepäck reinstecken und sehen, ob es zu groß ist oder eben nicht. Eindeutige Sache. Prima. Desgleichen gibt es die schon halbwegs gute Erfindung des Stichtags. Diejenigen, die bis dann und dann geboren sind, zählen zu denen, die bereits eingeschult werden können, die einen Tag später geboren wurden, müssen eben noch warten, wenn ich nicht irre. Ob das an allen Schulen oder generell noch strikt gilt, weiß ich nicht. Falls es ein flexibleres System gibt, mag das auch gut sein. Ob in Brüssel am Flughafen – vorausgesetzt, das stimmt überhaupt mit den zwei Reihen – ein Hauttonabgleichmustertableau vorhanden ist, nachdem man feststellen kann, ob man hell genug oder dunkel genug für die eine oder andere Reihe ist?
Diese Entscheidungssysteme sind im Ansatz gut, aber es resultieren Probleme daraus, erhebliche. Zwei-Klassen-Systeme zum Beispiel. Langweilig. Sie bringen viel Unglück. Im Grunde leiden die Menschen daran, dass sie eingeordnet werden. Das löst Zorn aus, Proteste, Hass, unnötige Unruhen, Gefühle von Bedrohung und anderes mehr, das vielen Menschen keine Freude bereitet. Sie entwickeln Aversionen. Auch gegen die Systeme. Und dann muss man umständlich gewaltsam gegen sie vorgehen, um sie zur Ruhe zu bringen. Das ist viel zu mühselig. Mir persönlich hat es nie gefallen, wenn mir gesagt wurde: du bist so und so und darfst hier nicht rein, gehörst hier nicht her, musst da oder dorthin, bist das und das. Ich würde die Zuordnungsentscheidung gern selbst treffen. Ich hätte gern die Wahl und davon reichlich.
In Spiegel online gibt es heute einen Beitrag, durch den es ermöglicht werden könnte, dass Menschen nicht nur eine Entscheidung darüber treffen, ob sie für oder den Brexit sind, sondern sie finden dort Antworten auf Fragen vorgegeben, gleich 10 Stück, und so gar Begründungen und Überlegungen dazu, warum man diese oder jene Antwort geben wollen würde oder diesen oder jenen Gedanken äußern. Die Idee ist sehr gut. Aber das Angebot recht mager. Spiegel Online hält die Menschheit zu knapp im Hinblick auf die Versorgung mit Meinungsbildungsvorlagen. Ein Beispiel mehr. Ich erkenne den guten Vorsatz, die eifrige Bemühung, aber in der Ausführung der Idee …, da hapert es noch gewaltig. Könnte ich jetzt wählen, würde ich sagen: Nie wieder Spiegel Online!, und ich könnte meine Meinung sogar noch einmal ändern. Eine andere Wahl treffen. Beliebig oft.
Für jeden könne keine Extrawurst gebraten werden, heißt es. Aber das wäre – im übertragenen Sinne – womöglich die Lösung!
Man soll die Menschen nicht scannen, verorten, lokalisieren, vermessen, abwiegen, aushorchen, sie einordnen und ihnen dieses und jenes zuweisen, sondern man soll die Menschen nach Herzenslust wählen lassen! Nicht nur, wie sie leben wollen, sondern vor allem: mit wem.
Für den Brüsseler Flughafen schlage ich deshalb vor: eine Reihe für hellhäutige, eine für dunkelhäutige Menschen und eine gemischte, wo sich alle anstellen können, die in dieser am liebsten stehen würden. Ich wüsste tatsächlich gern, wie die Wahl ausfallen würde! Es kann ja nicht weiter schwierig sein, dieses Hautton-Passkontroll-System-Modell in Brüssel zu realisieren. Schokoladen mit unterschiedlich starkem Kakaogehalt gibt es ja auch: weiße, sehr dunkle, hellere, dunklere. Gegenüber Schokoladentafeln sind Menschen sogar weitestgehend begünstigt, denn Menschen können sich die Schokolade wählen, die ihnen zusagt. Schokoladentafeln müssen sich so machen lassen und einordnen lassen und verpacken und bezeichnen lassen, wie der Mensch es will. Die Menschen haben ein riesiges Glück, dass sie nicht von Schokoladentafeln, Stehleitern, Trittleitern, ausziehbaren Leitern, Bibliotheksleitern, Halbleitern, Schornsteinfegerleitern, Hühnerleitern, Feuerleitern, Strickleitern befehligt und dirgiert werden, würde ich meinen. Aber wer weiß, vielleicht ist das längst der Fall und mir ist es nur nicht bewusst geworden.
Gut gefällt mir Nikos Engonopoulos’ Gedicht “Das Alphabet der Blüten”. Jeder Vers eine Frage und eine Entscheidung. Das oder das? Das. Da kann man das Entscheiden schon mal üben. Engonopoulos dachte weit voraus. Im wirklichen Leben ginge es dann so vor sich, dass zuerst grob entschieden wird, dann feiner.
Menschen entscheiden gern. Angeblich sind sie lieber gegen etwas als für. Macht nichts. Wenn man weiß, was man nicht will, wird sich über kurz oder lang schon herausstellen, was dem, was man will, näher kommt. Es kann dann immer detaillierter betrachtet und entschieden werden. Kein Problem. Wenn es dem Weltfrieden, dem friedensstiftenden Getrennt-Voneinander-Sein des Menschen dient, ist es gut, denn die Menschen werden überglücklicher sein. Dünne brauchen nicht gezwungenermaßen zusammen zu sein mit Dicken. Leicht Übergewichtige nicht mit stark Übergewichtigen. Menschen ohne Sommersprossen nicht mit Sommersprossigen und nicht mit Sprossenwänden. Menschen mit wenigen Haaren nicht mit Wuschelköpfen, Kraushaarige nicht mit Glatthaarigen, Schwimmer nicht mit Nichtschwimmern, Hundeliebhaber nicht mit Hundehassern, Menschen mit Bluthochdruck nicht mit Papageienzüchtern, Bienenzüchter nicht mit Christen, Geologen nicht mit Hooligans, Nazis nicht mit Legastenikern, Sehende nicht mit Nichtschwimmern und und und … Welche Vielfalt in der Ausschließlichkeit!!! Aber damit nicht genug. Für diejenigen, die dünn sind und das Zusammensein mit Dicken glücklich machen würde, mit Sommersprossigen, Krebskranken, Schmetterlingsforschern, Hyperaktiven usw., für all diejenigen wird es Misch-Sektoren geben, für die sie sich entscheiden können. Für jede erdenkliche Spielart des für Menschen erträglichen Zusammenlebens einen Sektor! Und – als Sondergeschenk an die Menschheit: Jeder kann seine Entscheidung ändern und jederzeit in einen anderen Sektor wechseln.
Also: Machen wir’s kurz und nehmen die Aufteilung der Welt in Sektoren vor! Um dann zügig zum Entscheidungsprozess überzugehen. Es wird eine Weile dauern, bis alle Vorlieben und Abneigungen erfasst und aufgelistet sind. Falls ich dafür zuständig sein sollte, wird es noch ein wenig längern dauern, denn ich gebe mir immer große Mühe, möglichst alles zu beachten. Aber womöglich ist das gut und auch ein Aspekt der Menschheitsrettung, die doch noch glücken könnte. Wenn jegliches Bedürfnis des Menschen bekannt ist, erfolgt die Sektorenanlage auf den Kontinenten. Ich würde nicht darüber nachdenken, ob man statt der Erde lieber den Mond einteilen sollte oder den Mars, sondern ich würde gleich mit dem Planeten Erde anfangen. Auf dem Mars werden sich die meisten Probleme ohnehin nur fortsetzen. Das “Wie und wo der Mensch leben möchte” ist zumeist zweitrangig. Jemand, der nicht mit Diabetikern oder Schneckenexperten zusammensein will, wird froh sein, ihnen entkommen zu können, und sei es, dass er dafür in einen Sektor in Äquatornähe oder auf Grönland zieht. Wenn es ihm da nicht behagt, kann er ja in einen anderen Sektor wechseln, unter einer Bedingung: Dann auf Erden kein Gemaule mehr über Diabetiker, wenn notwendigerweise in Ausweichsektoren auch ein paar von denen registriert sind! Ist das gänzlich inakzeptabel, bliebe dann doch der Mars als absolute Ausweichmöglichkeit. Wer seine Aversionen gegen Dicke nicht loswird, hat – falls sich kein zusätzlicher Dicken-Ausweichsektor auf Erden finden sollte – irgendwann die Möglichkeit, nach hinter dem Pluto zu wechseln, denke ich mir. Es gibt noch reichlich Raum im All. Der Allmächtige hat Vorsorge getroffen. Sektoren, die in der Sahelzone liegen, könnten zudem akklimatisiert werden. Wie das bezahlt werden soll? Ganz einfach mit dem Geld, das andernfalls in Rüstung fehlinvestiert würde. Dieses Geschieße auf Erden, Entlauben, Begasen, Bombardieren, Veröden führt ohnehin nur in die Irre. Oder man stellt einfach Massen von Geld her. Es ist kinderleicht. Man braucht einfach Papier oder ein Material anderer Art und irgendwas, das darauf eine Zahl oder Zeichen abbildet. Man kann das auch virtuell machen. Dann muss man z.B. das Geld-Papier nicht mal mehr in die Hand nehmen. Das mit dem Geld ist eines der geringsten Probleme. Es geht auch mit Muscheln, Murmeln, Knochen, Steinchen, Kastanien und Eicheln, Knöpfen, Bohnen. Vorerst ist es schwieriger, für alle, die um nichts in der Welt einen passenden Sektor auf Erden finden können, weil es mit der künstlichen Akklimatisierung noch nicht so weit ist, eine Lösung herbeizuzaubern.
Ich persönlich bin derzeit mit Planet Lyrik bestens bedient. Ein Mensch weniger, der Entscheidungsschwierigkeiten hat. Ab und zu kommt der Kleine Prinz vorbei. Wir nähern uns dem Ziel: Glückliches All. Würde man in Brüssel den Quatsch mit der Hellhäutigen- und Dunkelhäutigen-Passkontroll-Anstellreihe sein lassen oder erst gar nicht damit anfangen, dann ginge es noch viel schneller, dass der Mensch endlich erlöst würde davon, falsch eingeordnet zu werden. Es läuft ohnehin wieder nur darauf hinaus, dass man irgendwann feststellt, dass niemand überhaupt die Idee hatte oder daran mitgewirkt hat, so eine Idee zu realisieren. Teilt uns nicht ein, Verdammte dieser Erde, sondern lasst einen jeden sich aufteilen!

© Ina Kutulas, am Tag der Brexit-Abstimmung

Schuldiger Erdbeermond am Weltflüchtlingstag

Der für den 24. Juni anstehende Johannistag folgt auf die Sommersonnenwende am 21. Juni. Zwischen Sommersonnenwende und Johanni mit Johannesfeuern, Sonnenfeuern wird Europa die Entscheidung über Brexit ja oder Brexit nein wohl mehr beschäftigen. Wende ja oder nein. Den einzelnen Europäer interessiert vielleicht in diesen Tagen, ob es regnet oder nicht, ob die Schafskälte endlich vorbei ist, Glühwürmchen fliegen, auch Johannisbeeren auf dem Markt sind, ob beim Fußball ein Tor fällt oder nicht, ob man den Erdbeermond, Junimond nicht verpasst, ob man zuhause sein muss oder nicht, besser geblieben wäre oder nicht, ob man richtig angezogen ist oder falsch, ob bei Gewitter ins Wasser gegangen wird oder auf gar keinen Fall und was man bei Gewitter macht in einem Boot. Was kauft man sich jetzt für die Überfahrt und den Weltuntergang? Das Projekt Wohnung, Location, Zuhause hängt in der Luft, Bilder noch an Nägeln, Leben am seidenen Faden. Was könnte man noch gebrauchen? Wo ist was schief gewickelt und noch gerade zu rücken? Wer hat gerufen? The answer my friend …
Viele Schuldhaber machen sich einfach ständig schuldig. Zwar gab es schon immer welche – Nachbarn, Verwandte, Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln und Gebäuden z.B., Immobilienbesitzer, Lehrer –, aber 2010 wurden es ruckartig mehr. Seitdem kein Ende abzusehen. „Wo endet das?“, fragte deshalb gestern jemand. Man könnte erstmal sagen: Im Niemandsland, damit überhaupt eine Antwort da ist. Wie wenn man dem Hund was hinschmeißen muss, damit er reflexartig zunächst danach schnappt.

Vor Kurzem noch konnte man in Deutschland täglich erfahren, dass Griechenland und speziell die Griechen die ganze Euro-Zone in Gefahr brächten. Schulden haben und schuld sind. Pools bauen bis zum Abwinken, und der deutsche Steuerzahler soll dafür blechen. Bis zum Juli 2015 wurde das kaum relativiert. Politik und Medien rechneten und erzählten es immer wieder vor, wie unberechenbar, unverschämt, gefährlich die Griechen Nichtgriechen werden können. Ein Mann sagte am Potsdamer Platz in eine Kamera, man müsse den Griechen die Pistole auf die Brust setzen. Und kurz darauf verkündete der Politiker Thomas Strobl: „Der Grieche hat jetzt lang genug genervt.“ Als wäre ein Knopf nicht mehr gedrückt worden, reduzierten sich von da an die Schlagzeilen zu Griechenland massiv oder waren ganz und gar verschwunden. Oder wurden ersetzt durch Schlagzeilen zu den so genannten Flüchtlingen.
Während das Wort „Griechen“ eher an „kriechen“ und „Kriechtiere“ erinnert, kann einem beim Wort „Flüchtling“ eher „Schmetterling“ in den Sinn kommen. Und „Flüchtiges“. Gedanken sind flüchtig, Gesten, Gase, Geruch, Pferde sind Flüchter und werden gezüchtet. Schnell verfliegt etwas und löst sich auf. In Wolken oder Schwärmen zieht es davon. Schwerelos. Ganz leicht und lautlos. Eine Weile ist es da, dann nicht mehr. Es muss vielleicht nur gelüftet werden. Möglicherweise helfen Fön oder Heizlüfter oder ein Gebläse. Pegasus hat Flügel. Der schafft es von allein. Von Griechenland hört man kaum noch was, von Griechen eigentlich auch nicht. Wahrscheinlich haben die sich erledigt. Einen Augenblick war es fast ruhig geworden. In Berlin ließ Innensenator Henkel ein Camp am Oranienplatz räumen. Asyl wurde gefordert. Irgendwas wird immer gewollt, ausgelöst, verschuldet. Dafür braucht es eine Lösung oder Verflüchtigung.
Inzwischen werden in Europa viele einzelne Schuldhaber gefunden von sich dazu berufen fühlenden Schuldigensuchern, die Schuldhaber abstrafen, weil der Staat versage, die Regierung. Einer muss es ja tun. In den Medien ist nun täglich davon zu erfahren, dass Hass zu Worten, Worte zu Hass, Hass zu Gewalttaten führen. 2016 ist das plötzlich ganz offensichtlich.
Es bedurfte nicht erst einer energetischen Wirkung der Sommersonnenwende und des vorausgehenden Erdbeermondes, einbezüglich des Leuchtens riesiger Zahlen von Glühwürmchen, um zu dieser Erkenntnis zu kommen, sondern die Erkenntnis setzte auch bei vielen Journalisten, bei Regierenden und Schlichtwegmenschen schon etwas früher ein. Allerdings noch nicht 2010 oder 2011, 2012, 2013, 2014. Da waren Worte noch Worte oder auch einfach nur Wörter. „Gefahr“, „Pleite“, „Betrüger“, „Niedergang“, „Sauvolk“, „Mentalität“. Ohne weiteres ließen sich diese Wörter immer und immer wiederholen. Als seien Wörter hauptsächlich dazu da. Vermutlich gewannen sie mit der Zeit Gewichtigkeit, reiften, gewannen Gewicht, Schwere, nicht nur auf Zungen, sondern auch als Lasten, die immer größer wurden, erdrückender. Wann würde man sich endlich davon befreien können?
Schon bald hatte man nicht mehr nur eine Krise oder zwei, drei, sondern mehr. Da durfte man schon nach Verursachern fragen. Nach Schuldigen. Denn es gilt den Schuldhaber zu finden. Ist das gelungen, wird alles wieder gut. Das weiß man, seit erkannt worden war, dass es auch mal an Iphigenie lag. Sie war schuld. Dass der Wind nicht wehte. Die Widrigkeiten sich nicht auflösten, verflüchtigten. Die Schiffe nicht ausfahren konnten. Schuld – das ist eine zweckmäßige Sache. Damit lässt sich was anfangen. Hat man erst herausgefunden, dass welche da ist, muss nur noch gewusst werden, wo sie sich anhäuft oder von wem sie angehäuft wird. Dann kann man sie dingfest machen und aus der Welt schaffen.
Und wer stellt professionell Fragen danach und findet die Antworten? Journalisten. Medien kommen ihrer Informationspflicht nach, ganz einfach. Wer sonst? Journalisten und Berichterstatter sind dazu da. Das ist deren Beruf. Die werden dafür bezahlt. Andere müssen mit anderer Arbeit ihr Geld verdienen. Die haben keine Zeit zu recherchieren, Artikel zu schreiben und Fernsehbeiträge zu machen für die Gesamtbevölkerung. Wann sollten ein Straßenbahnfahrer oder ein Elektriker, Bäcker, ein Galerist oder eine Kitaerzieherin, eine Arzt, ein Geologe, ein Erdbeermond-Erforscher, ein Zootierpfleger, ein Professor für Astrophysik, ein Versicherungsfachmann das schaffen? Sie haben bereits genug damit zu tun, Artikel zu lesen und sich über das Fernsehen zu informieren, wenn ihnen die Zeit dafür reicht.
Also: Journalisten, an die Arbeit! Berichte werden gebraucht. Aufklärung. Details. Informationen. „Wie konnte es dazu kommen?“ Der „Focus“ hatte Antworten, hatte eine Aphrodite mit Stinkefinger auf die Titelseite der Ausgabe vom 22. Februar 2010 geklatscht, eine entsprechende Schlagzeile dazu („Betrüger in der Euro-Familie – Bringt uns GRIECHENLAND um unser Geld – und was ist mit Spanien, Portugal, Italien?“) und drei passende Artikel ins Heft: „2000 Jahre Niedergang“, „Gefährlich für die Weltwirtschaft“, „Die Griechenland-Pleite“. Verallgemeinerungen und Stigmatisierungen im Hinblick auf Griechenland und die Griechen folgten daraufhin Tag für Tag. An wie vielen Fingern waren die Stimmen abzuzählen, die in den Medien sich bemerkbar gemacht und Einhalt gefordert hätten? An den so genannten Stammtischen, querbeet durch alle Bevölkerungsschichten? In Regierungskreisen?

Fünf Jahre später. Im Juli 2015 stand auf dem „Focus“-Titel: „KEINEN CENT MEHR! – Wie Griechenland sich selbst, Europa und die Welt in Gefahr bringt“. Inzwischen stöhnte Deutschland unter den Griechen, den Lasten, allen Belastungen und Unwägbarkeiten und dem Wissen darüber, dass diese Qual offenbar kein Ende nehmen würde, weil die Verschuldung Griechenlands kein Ende zu nehmen versprach, sondern eher noch größer zu werden drohte und somit auch diese Schuld, Europa das eingebrockt zu haben. Die da, ganz unten an diesem Europa dran, so weit seitlich unten, dass man sich fragen konnte, ob die überhaupt zu Europa gehören. Man konnte es auch so sehen: Nein, die gehören nicht dazu, die können eigentlich weg. Grexit. Wär nicht so schlimm. Brexit ist schlimmer. Vielleicht weil das Wort mit „B“ statt mit „G“ beginnt. Manchmal ist das so in der Welt der Worte und des Lautwertes von Buchstaben.
Michael Klonovsky, der Verfasser des „Focus“-Beitrags „2000 Jahre Niedergang“ (2010) ist nicht mehr beim „Focus“, sondern seit Kurzem – wie er sich selbst bezeichnete – Spin Doctor, publizistischer Berater von Frauke Petry (AfD-Chefin). Und er tat kund: „Anders als ich in meiner Philippika behauptet habe, sind die Griechen nämlich das seriöseste, kulturell, wirtschaftlich und kulinarisch fortgeschrittenste Volk Europas, und fast alle Hellenen stammen in direkter Linie von Solon oder Perikles ab.“ Man höre und staune. Michael Klonovsky kann noch ganz anders. 2010 war er jung und hatte womöglich das Geld nötig. Dazu gesellte sich Erfahrung. Auch ein Einzelner kann was ausrichten.
Das erfährt man jetzt immer öfter. Worte können Waffen werden … Es brauchte seit 2010 bis zu dieser Erkenntnis, die nun da ist, nachdem die Worte bereits Waffen geworden waren, niedergestochen, geschossen und geprügelt wird, ins Gesicht gespuckt, Hand angelegt. „Wie konnte es soweit kommen?“, das findet man kaum noch formuliert, denn wer kann und will sich jetzt bei dieser Frage aufhalten, wo die Zeit drängt, wo jeden Moment die letzte Stunde geschlagen haben könnte, wo bereits klar ist, dass es soweit ist und längst über den Punkt hinaus, das überhaupt erstmal feststellen zu können. Auch mit dem „Wo endet das?“ ist sich schlecht zu beschäftigen, da kaum eine Antwort gefunden werden kann auf das „Wozu muss man das wissen?“. Im Niemandsland unter dem Erdbeermond hilft einem das kein Stück weiter.
Inzwischen sind Erklärungen da, ist gelernt worden – nicht nur von Michael Klonovsky, sondern hunderttausendfach: Gefahr kommt. Von außen. Sie reichert sich an, sättigt die Luft, die hier geatmet wird, verleibt sich Menschen hier ein. Und kommt alsbald von innen. Das merkt man dann, das wird irgendwann mal deutlich spürbar. Journalisten allerdings sind etwas schneller, vorinformiert, so dass sie die Menschen vorbereiten und einstimmen können, damit die sich nicht wundern, durcheinanderkommen und nachher gar nicht mehr wissen, wo es langgeht. Man könnte sagen: Von Journalisten lernen, heißt Siegen lernen, den kürzesten Weg einschlagen, wenn die Zeit drängt und Luft und Land knapp werden, womöglich.
Seit etwa einem Jahr sind die Flüchtlinge Schuldhaber, meist, und nach wie vor die Griechen, aber auch Politiker, die Medien, Hooligans, Gläubige, Paranoide, Parteien, die Reichen und die Armen, die Mittelschicht, die Über- und die Untergewichtigen, die Geborenen und die Ungeborenen, Sterbliche, Unsterbliche.
Schon allein die Flüchtlinge würden genügen, um viele Schuldhaber zu haben, die gefunden werden können. Momentan bieten sie sich etwas mehr an als die Griechen. Sie fallen stärker auf. Sie bleiben nicht einfach in ihren Ländern und verrecken da, sondern sie tragen ihre Gesichter hierher und schauen Menschen an aus ihren Augen. Das ist der Böse Blick. Viele viele Male der Böse Blick. Es heißt z.B.: „Die EU-Grenzschutzagentur Frontex rechnet in diesem Jahr mit 300.000 Flüchtlingen.“ 65 Millionen Flüchtlinge gebe es auf Erden insgesamt. Auch ist zu erfahren: „Deutschland verzeichnete bereits Anfang Dezember offiziell eine Million Flüchtlinge in diesem Jahr.“ Es könnte einem unheimlich werden. Aber wer nicht aufgehört hat, Gedichte zu lesen, dem wird vielleicht das Herz weit, denn Gedichte wirken Wunder gegen den Bösen Blick und geben ein unbegrenztes Raumgefühl, dem Niemandsland einen Namen, einen Platz.

Die kürzeste Nacht des Jahres naht. Dazu hat’s einen vollen Mond. Erdbeermond, Junimond. Der macht die kürzeste Nacht hell. Boote schaukeln, Boote kentern, Boote sinken, Boote landen.

Heute, am 20. Juni, dem Weltflüchtlingstag, erinnerte ich mich an Konstantinos Kavafis’ Gedicht „Warten auf die Barbaren“. Es beginnt mit:
„Worauf warten wir, versammelt auf dem Marktplatz?
Auf die Barbaren, die heute kommen.“

Und das Gedicht endet so:
„Warum jetzt plötzlich diese Unruhe und Verwirrung?
(Wie ernst diese Gesichter geworden sind.) Warum leeren
Sich die Straßen und Plätze so schnell, und
Warum gehen alle so nachdenklich nach Hause?
Weil die Nacht gekommen ist und die Barbaren doch nicht
Erschienen sind. Einige Leute sind von der Grenze gekommen
Und haben berichtet, es gebe sie nicht mehr, die Barbaren.
Und nun, was sollen wir ohne Barbaren tun?
Diese Menschen waren immerhin eine Lösung.“

Wer Gedichte liest, hat viele Länder.
Wer zu denen gehören möchte, die viele Länder haben, der könnte das ganze Gedicht lesen. Johannes, der Täufer, hat seinen Tag und seine Nacht. Einen Erdbeermond gibt es nur alle 70 Jahre. Gedichte immer. Jeden Menschen nur einmal. Die Erdbeere kam aus Übersee. Sie war immerhin eine Lösung. Sie könnte überhaupt schuld sein.

© Ina Kutulas, 20.6.2016